Marmeladengläser

Es ist Frühling. Meine Lieblingsjahreszeit. Ich liege traurig im kühlen Gras vor unserem Haus mit den blauen Fensterläden. Ich habe Angst. Aber es ist nicht meine Angst. Es ist die Angst der großen Frau, die drinnen Marmelade kocht, aus den Erdbeeren, die in unserem Garten wachsen.

Ich weiß nicht, warum sie Angst hat, aber es geht ihr nicht oft gut. Wenn es ihr schlecht geht, geht es mir schlecht. Ich kann ihre Gefühle sehen, in Farben. Sie ruft mich, ich soll ihre Marmelade kosten. Wo warst du, fragt sie und umarmt mich. Sie riecht nach Schweiß und Zwiebeln, wo sie ja doch eigentlich Erdbeeren mit Zucker vermischt. Ich erwidere ihre Umarmung nicht. Sie fragt mich, ob alles in Ordnung ist. Dunkelblaue Scham und karminrote Sorge ihrerseits werden in meinem Kopf zu einem violetten Strudel. Ich probiere ihre Marmelade. Sie schmeckt mir, und das lasse ich mir anmerken. Ihr schwarzer Stolz fließt durch meinen Körper, wird auch zu meinem Gefühl.

Ich muss nochmal ins Krankenhaus, sagt sie, wegen meinem Krebs. Ihre hässliche, pechschwarze Angst wird in mir wach und ich muss mich zusammenreißen, muss ruhig bleiben. Lange, lange hat sie den blendend-gelben Krebs schon in sich. Er saugt ihr Glück aus, wie ein Reiskorn das Wasser. Ich habe keine Angst, sagt sie, weil sie meinem sorgenvollen Blick begegnet. Ihre Lüge ist hellgrün und strahlt, beinahe frech. Ja, sage ich nur und nehme ihre Hand. Und für einen Moment schenke ich ihr ein wenig hellroten Mut, obwohl ich nicht einmal weiß, woher ich ihn habe.

Es wird bald Januar und der Tod klebt müde und glasig blau auf unseren Treppen. Ich dachte immer, er wäre schwer, aber das stimmt nicht. Er ist so leicht, dass es unheimlich ist. In diesem Frühling wird niemand mehr Marmelade kochen. Starke Männer tragen Möbel aus unserem Haus. Die brauchen wir jetzt nicht mehr, sagt mein Vater, aber ich spüre, dass er sie doch braucht, genau wie ich.

Olivia Auth -Marmeladengläser

Zeichnung: Rolf Hannes

Nachts liege ich wach in meinem Bett. Die Uhr an der Wand tickt laut, so laut hat sie noch nie getickt. Ich atme die warme, milchblaue Trauer ein und den Geruch von salzigen Tränen. Unter meinem Bett steht ein kleines Marmeladenglas. Es ist leer, aber voll Hoffnung. Und in diesem Moment weiß ich, dass ich es im Frühling mit Marmelade füllen werde, aus den Erdbeeren, die in unserem Garten wachsen.

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