Liebe

Sie besuchte ihn immer mal wieder. Er sprach nicht viel, wenn sie kam, aber stets hieß er sie willkommen. Da sie zu den Menschen zählte, die Stille nur schwer ertragen konnten, hatte sie mit der Zeit und über den Kaffeetisch hinweg einen beträchtlichen Teil ihres Lebens zusammenerzählt. Längst wusste er, dass sie einen ganzen Stall voll Geschwister hatte, ihren Chef einen geldgierigen Gockel nannte und mit ihrem Bruder in Streit lag. Sie erzählte gerade von ihrem neuen Hosenanzug, grünblau, und dass sie nächste Woche endlich andere Einlagen für ihre Schuhe bekäme, da sagte er ganz unvermittelt: Du liebst mich, nicht wahr?

Sie sah interessiert in seine wasserhellen Augen: Wie kommst du darauf?

Er fuhr sich durch das schüttere, sehr kurz gehaltene Haar, und als er nichts weiter sagte, erzählte sie, dass sie Ausschau nach einer anderen Stelle halte.

An seinem Geburtstag brachte sie einen schokoladenüberzogenen Napfkuchen mit, und er legte das gebügelte Tischtuch auf. Gedankenverloren saß er eine Weile vor dem Kuchen, zögerte, sah sie an und sagte schließlich: Du liebst mich, nicht wahr?

Heide Floor - Liebe

Zeichnung: Rolf Hannes

Sie nahm einige Krümel mit der Fingerkuppe, ließ sie im Mund verschwinden und fragte: Hättest du gern, dass ich dich liebe? Großer Himmel, lachte er auf und griff nach der Kaffeekanne, möchtest du noch?

Gern. Sie langte zu und erzählte, dass sie eine neue Stelle in einem großen Kaufhaus in Aussicht hätte.

Es war ein heller Dienstag, sie trug den neuen Grünblauen, und die Einlagen saßen wie angegossen, als er seine Hand auf ihren Arm legte und mit ernstem Blick wiederholte: Du liebst mich, nicht wahr? Sie sah gedankenverloren auf seine Hand: Weil ich dich öfters besuche? Als er nicht antwortete, fragte sie, ob er nicht einen guten Kopierer in der Nähe wüsste, sie müsse noch einige Unterlagen ablichten. Da ich nie zu dir komme, räusperte er sich, wäre es sonst doch eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Keineswegs, sagte sie, bevor sie ihn wissen ließ, dass ihr Hauswirt bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr eine Mieterhöhung verlangte, was ja wohl die Höhe wäre, dass sie sich im Fernsehen zum xten Male Jenseits von Afrika angesehen hätte, und dass es ihr leid täte, ihn nun nicht mehr besuchen zu können. In einer Filiale des Kaufhauses, im Süden der Republik, sei eine Stelle für sie freigeworden. Mit aufgerissenen Augen sah er sie an: Ich denke, du liebst mich!

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