Leerstellen

Schon als Kind hab ich mich gewundert, wie leer die Koffer sein müssen, die in Filmen herumgeschlenkert wurden. Niemals hab ich im Film einen Koffer beobachtet, in dem etwas drin sein konnte. Zu deutlich sah ich: es wurde nur Luft herumgetragen. Dann kam noch eine Beobachtung hinzu.

Wenn aus Tassen und Täßchen geschlürft, getrunken wurde, gab es in Wirklichkeit nie Flüssiges in den Gefäßen. Ein Schauspieler hat es mir erklärt. Wenn auf der Bühne wirklich jemand erschossen würde, sackte er ohne jegliches theatralische Geschick zusammen. Davon hat niemand was. Ganz im Gegenteil, der Regisseur kriegte große Scherereien, und das Publikum würde denken, der oder die ist ja gar nicht richtig gestorben. Und genauso ist es mit den leeren Tassen. Wenn wirklich etwas drin wäre, könnte gar nicht so zierlich, genüßlich, süffig oder unmanierlich getrunken werden. Der Betrachter wird nie hineinschauen können in die Tassen, dafür sorgt die Bühne oder die Kamera.

Leerstellen

© Rolf Hannes

Also hab ich mir gesagt: Wenn etwas echt aussehen soll, muß es getürkt sein. Wir wollen beschwindelt werden, um etwas zu glauben. Mit diesem Blick laufe ich zurzeit durch Freiburgs Straßen und beschaue mir die Wahlplakate. Und ich komme auf den Gedanken: Der leere Koffer im Film ist das leere Wort in der Politik.

Je leerer unsre Kanzlerin, umso gläubiger der Zuspruch zu ihr. Wenn einer oder eine ein offenes, ehrliches, wirkliches Wort sagte, hat er oder sie schon verloren. Schaupackungen sind gefragt. Sie entstehen in Werbebüros: abgefeimte Designer und Berater erfinden die Haltbarkeit politischer Aussagen.

Wenn Verlogenheit, Duckmäuserei, durchschnittliche Biederkeit soviel Erfolg hat, sagen sich die, die halbwegs noch einen ehrbaren Standpunkt hatten, dann müssen wir uns auch darum bemühen, trickreicher, windiger, werbewirksamer, kurzum, verlogener zu werden.

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