Kreuzungen


Zeichnung: Rolf Hannes

In seinem Garten hatte sich mein Großvater eine kleine Werkstatt eingerichtet, niemand durfte sie ohne seine Erlaubnis betreten, auch meine Großmutter nicht. Die Hütte hatte er von allen Gartengeräten, die dort seit Generationen aufbewahrt wurden, befreit. Er sagte, sie könnten genau so gut im Keller lagern. Meine Großmutter murrte nur hin und wieder, weil sie nun zu wenig Platz für ihren Krimskrams habe. Mein Großvater hatte sich sein Labor, wie er sagte, so eingerichtet, manchmal übernachtete er sogar darin.. Er zog sich dann nicht aus, sondern legte sich einfach auf eine etwas abgepolsterte Pritsche. Daneben hatte er sich ein Telefon einrichten lassen, und so rief er seine Frau an, er stecke noch in einer wissenschaftlichen Arbeit, die es erfordere, in Abständen übernacht danach zu schauen.

Mein Großvater war ein rechter Kauz, ich mochte ihn besonders gern, und er wohl auch mich. Einmal nahm er mich beiseite und erzählte aus seinem bewegten Leben. Er war zur See gefahren als junger Mann. Damals ging das noch, sagte er, wenn man irgendwo einen Onkel oder sonstwie Verwandte in einer Schiffsagentur hatte, sich in einem Beruf auskannte, ich war ja Zimmermann, wie du weißt, war gesund, was ich jetzt noch bin wie du weißt, nicht auf den Kopf gefallen, und dabei schaute er mich an, und ich sagte, wie ich weiß, dann, sagte er, nahmen sie einen. Und ich schaute ihn weiter fragend an. Du wirst nicht gleich 1. Offizier oder Steuermann, sagte mein Großvater, wer will denn das auch, nein, erstmal Schiffsjunge für alles, was mit Holz zu tun hat. Damals gab es noch viel Holz auf den Schiffen, die Planken, die Kojen, die Bänke, die Tische, fast alles war aus Holz. Vieles mußte während der Fahrt ausgebessert werden. Wir wohnten zu zweit in einer Kajüte, ein Tischlermeister und ich, der ich sein Geselle wurde. Nichts ist besser, als solche Kumpanei, solche Kreuzungen, könnte man sagen. Was für Kreuzungen? fragte ich.

Eine Weile schwieg mein Großvater. Wir saßen auf der Gartenbank, ganz in der Nähe seiner Hütte, auf die wir nun beide schauten, wie wenn sie die Erklärung hätte für dieses geheimnisvolle Wort Kreuzungen. Schau mal, sagte mein Großvater, du weißt doch ungefähr, was ich so treibe. Die Großmutter sagt, erwiderte ich, du züchtest neue Stiefmütterchen, und es gäbe schon genug. Ja, sagte mein Großvater, genug gibt es schon von allem, da hat sie nicht ganz unrecht, dein Großmütterchen, auch von Plunder und Trödel. Aber du weißt doch, die Menschen können es nicht lassen, sie müssen kreuzen. Ja, so ist es, alles möchte irgendwie überkreuz laufen. Sogar die Schiffe, wenn sie die Handelsrouten aushecken.

Darüber dachte ich eine Weile nach. Mir war, wie wenn ich soetwas wie einen besonderen Gedanken in meinem Kopf spürte. Wenn ich etwas älter gewesen wäre, hätte ich ihn für einen philosophischen halten können. Kreuzungen, dachte ich, ist das am Ende etwas, das die Sachen reicher macht, farbiger, schöner?

Schau, sagte mein Großvater, die Kreuzung von einem Tischler und einem Zimmermann, ich meine, die Mischung dieser beiden Berufe, sie ergänzen sich nicht nur, sie ergeben was Neues. Man soll nicht alles miteinander kreuzen, das überhaupt nicht, das ergäbe nur Mischmasch oder Katastrophen, aber vieles ist geradezu in Erwartung darauf. Neulich ist mir eine wunderschöne Iris geglückt. Ich zeig sie dir demnächst. Sie ist so wunderschön, wenn du in sie hineinschaust, denkst du an einen fürstlichen Palast. Oder an eine schöne Frau in einem Marmorbad.

Meine Gedanken wurden immer philosophischer, obwohl ich noch gar keine Ahnung davon hatte. Aber eine nackte schöne Frau in einem marmornen Bad konnte ich mir schon halbwegs erbaulich vorstellen.

Und sieh dich mal um, sagte mein Großvater, da sind die Menschen am schönsten, wo sie gekreuzt sind. Geglückte Kreuzungen sind mit das Schönste, was es gibt. Hast du die kleine Julia in der Nachbarschaft gesehn, dieses wunderschöne Geschöpf? Weit und breit das schönste Mädchen, das herumläuft. Und woher kommt sie? Sie ist die Kreuzung eines Bayern mit einer Friesin. Was sagst du nun?

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