Koinzidenz

Hin und wieder beschäftigt mich das Phänomen der Koinzidenz. Das ist das Zusammentreffen des Gleichen aus unterschiedlicher Quelle. Und das mit verstandesmäßig unnachvollziehbarer Präzision.

Zwei solcher Koinzidenzen erinnere ich aus meiner Erfahrung. Die erste spielt in der Zeit meiner Lehre in der Herderschen Buchhandlung in Köln. Alle Angestellten konnten sich zum Weihnachtsgeschenk 2 Bücher wünschen. Das freiburger Verlagshaus verschickte umfangreiche Listen, und unter den tausenden von Titeln suchte sich jeder 2 aus. Die Bestellung erfolgte auf Karten, die jeder für sich ausfüllte. Kurz vor dem 24. Dezember trafen die Päckchen in Köln ein. Und an einem Vorweihnachtstag also erhielt ich mein Päckchen und freute mich über meine neuen Bücher. Es waren Hemingways Der Ate Mann und das Meer und die Geschichte der Philosophie von Hirschberg. Ich hatte sie am Eck eines Tischs hingelegt, der den Lehrlingen in Ermangelung eines festen Arbeitsplatzes vorbehalten war. Herr B., einer der älteren Buchhandler des Hauses, sieht sie dort, nimmt sie auf und sagt verwundert: Da sind ja meine Bücher. Und geht zu seinem Schreibtisch. Ich folgte ihm, um ihm zu erklären, dies seien meine Bücher.

Es stellte sich heraus: wir hatten uns unter all den vielen Büchern die gleichen ausgesucht.

Die 2. Geschichte geschah in Basel. Ich hatte, als ich mit dem Kunststudium begann, alle meine Werkzeuge mit einem Monogramm versehen, um den mißlichen Verwechslungen, denen man in einer Klasse mit 20 Schülern ausgesetzt ist, vorzubeugen. Das Monogramm bestand aus zwei parallel verlaufenden Strichen: ⁄ ⁄. Ursprünglich hatte ich vor, ein H als Zeichen zu wählen. Ich ließ es aber bei den beiden Strichen (Hunderttausende Namen beginnen mit einem H). Also ritzte ich auf die Griffe meiner Stechbeitel, Hämmer, Pinsel, Feilen dieses Monogramm.

Zwei Jahre später trat ein Mädchen in unsere Klasse ein. Eines Tags wollte ich ein bestimmtes Werkzeug zurückbekommen, von dem ich annahm, es ihr geliehen zu haben. Ich fand es auf ihrem Maltisch und wollte nichts mehr, als es mitnehmen. Sie sagte: Das gehört mir und zeigte mir ihr Zeichen. Auf all ihren Werkzeugen hatte sie zwei parallel laufende Striche eingeritzt. Sie sagte, sie hätte dieses Zeichen seit Jahren. Erst war ich einigermaßen verwirrt, auch das Mädchen war verwundert, als ich ihr mein Werkzeug zeigte.

Ich überlegte damals, es müsse wahrscheinlich öfter die gleichen Besitzerzeichen geben. Aber bis heute ist mir dieses Zeichen nie mehr begegnet.

Das, was mich beschäftigt und fasziniert, ist nicht so sehr die Gleichzeitigkeit des Selben, es ist vielmehr die Geschichte des Aufeinandertreffens. Es sind diese 20, 30, 40 Sekunden, in denen etwas sehr Merkwürdiges, ja Geheimnisvolles geschieht.

Für Sekunden gerinnt die Zeit in ein Spiegelbild. Das Geschehen wird aufgesogen in eine rotierende Scheibe, worin alle Punkte, dank einer unendlich schnellen Bewegung, stillstehn. Der Spiegel fällt auf das Gespiegelte und wird eins mit ihm. In unendlich feiner Annäherung von Spiegelbild und Gespiegeltem verflüchtigt sich der Gegenstand. Im verwirrten Kopf dessen, der das in einem Ausnahmezustand begreifend nicht begreift.

Mir ist klar, diejenigen, die in der höheren Quanten-Physik bewanderter sind als ich, werden vielleicht lächeln über meine Gedanken.

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