Heinrich von Kleist in Paris Folge 2

Heinrich von Kleist schreibt weiter 1801:

Übrigens muß man gestehen, daß es vielleicht nirgends Unterhaltung giebt, als unter Franzosen. Man nenne einem Deutschen ein Wort, oder zeige ihm ein Ding, darauf wird er kleben bleiben, er wird es tausendmal mit seinem Geiste anfassen, drehen und wenden, bis er es von allen Seiten kennt, und Alles, was sich davon sagen läßt erschöpft hat.

Dagegen ist der zweite Gedanke über ein und dasselbe Ding dem Franzosen langweilig. Er springt von dem Wetter auf die Mode, von der Mode auf das Herz, von dem Herzen auf die Kunst, gewinnt jedem Ding die interessante Seite ab, spricht mit Ernst von dem Lächerlichen, lachend von dem Ernsthaften, und wenn man dem eine Viertelstunde zugehört hat, so ist es, als ob man in einen Kuckkasten gesehen hätte.

Man versucht es, seinen Geist zwei Minuten lang an einem heiligen Gegenstand zu fesseln: er wird das Gespräch kurzweg mit einem ah bah! abbrechen. Der Deutsche spricht mit Verstand, der Franzose mit Witz. Das Gespräch des Erstern ist wie eine Reise zum Nutzen, das Gespräch des Andern wie ein Spaziergang zum Vergnügen.

Der Deutsche geht um das Ding herum, der Franzose fängt den Lichtstrahl auf, den es ihm zuwirft und geht vorüber.

Fortsetzung folgt.

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