Haben Strichmännchen Träume?

Zeichnung: Rolf Hannes

Ich denke mir kleine Strichmännchen, die Treppen steigen und durch leere weiße Räume gehen, in einem Haus, das nur mit schwarzen Linien skizziert ist, mit Fensterläden und Türen so weiß, wie Papier eben weiß ist, und dieses Haus wäre mein Haus, und ich schaute aus dem Fenster, um all die anderen kleinen Strichmännchen zu beobachten, die wie Ameisen unter mir vorbeieilten, irgendwohin, alle auf einer Linie entlang, wie eine richtige Ameisenstraße oder zwei davon: auf jeder Seite der Straße eine. Und wenn ich könnte, würde ich hinauf aufs Dach steigen um von da zu beobachten und zu verstehen, wie sich alles ineinanderwebt wie in einem Ameisenhaufen.

Es wäre schön, könnte ich die Welt so klar sehen. Denn ich frage mich, woher all die kleinen Männlein wissen, wohin sie gehen sollen. Wer hat ihnen die Pläne der Stadt gegeben und den Plan für ihr Leben? Welches Genie hat den großen Entwurf so angelegt, dass jeder seine Aufgabe hat, und den Platz kennt, an dem er Tag für Tag seine Arbeit tut, exakt eingepasst zwischen den anderen Zahnrädern im Getriebe dieser Riesenmaschine. Eine ruhige, stetige Bewegung, Runde um Runde. Ein perfekter Kreis.

Sie müssen den lieben, der ihnen die Visionen gibt, sonst wäre da nichts, nur schauriges Knirschen und ein Haufen ausgebrochener Zähne von Rädern, die eigene Träume hatten. Das ist es, was sie fürchten. Dabei berühren sie sich in Wahrheit gar nicht, sie gleiten hilflos aneinander vorbei und drehen frei in der Leere. Doch sie geben weiterhin vor, ineinanderzugreifen, denn sie wollen so sehr Teil eines Ganzen sein, aus Angst davonzudriften und sich allein im Raum der Unendlichkeit zu verlieren. Diese Vision ist ihr Ankerpunkt, zu dem sie täglich ihre Position bestimmen, der sie ihre Angst vergessen lässt, im Tausch gegen ihre Träume.

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