Gespräch mit einer Ameise

Nun komm schon Junge, mach nicht so´n Weltuntergangsgesicht, sagt der alte Mann hinter dem Schreibtisch in seinem schleppenden Tonfall, der so klingt, als trage er ein Gewicht an der Zunge. So schlimm wie du immer tust, ist es doch wirklich nicht, grummelt er, ihr jungen Leute seid einfach zu ungeduldig. Du musst den Dingen mehr Zeit geben, sie wachsen lassen.

Welchen Dingen? unterbrech ich den alten Mann. Der zögert einen Moment und sagt dann etwas irritiert: Nun ja, allen Dingen, die tagtäglich so um uns passieren. Den Dingen des Lebens eben.

Ich seh den alten Mann an. Er sieht aus wie eine riesengroße Ameise, die selbstgefällig hinter ihrem Schreibtisch thront. Eine Königin, die ihre kleinen Arbeiter-Ameisen beherrscht – und doch ohne sie verloren wäre.

Wonach bemisst du diese Dinge des Lebens? frage ich die große Ameise. Nun, ich, beginnt sie zögernd, ich beurteile mein Leben nach dem Grad der Zufriedenheit, den ich erreicht habe.

Ich seh aus dem Fenster und erblicke Ameisen. Ameisenhaft wuselnde Menschen, Autos, Straßenbahnen, Busse – sogar die Straßenlaternen sind ameisenhaft, wie sie da mit leicht gekrümmten Köpfen auf dem Bürgersteig stehen und ihr trübseliges, kaltes Licht absondern. Alles da draußen ist ameisenhaft. Ameisen sind das Leben, welches sich siebzehn Stockwerke unter mir abspielt.

Wolfgang Baumann - Gespräch mit einer Ameise

Bild Louis Aragon und die Ameisen: Rolf Hannes

Das ganze Leben ist eine einzige verdammte Ameise, denke ich.

Ich seh wieder aus dem Fenster: Aber ist das denn alles, was du vom Leben willst – Zufriedenheit?

Der alte Mann, der mein Vater ist, lächelt irritiert. Dann erwidert er: Tja ich…, weißt du Junge…, Zufriedenheit ist vielleicht nicht alles im Leben, mag schon sein. Aber es ist wenigstens sicher, verstehst du, sicher. Ich meine, du kriegst doch im Leben niemals so ganz, was du dir früher vielleicht mal gewünscht hast. Du musst ständig irgendwelche Kompromisse eingehen, das ganze Leben ist nun mal ein einziger Kompromiss.

Er bricht plötzlich ab und lehnt sich erschöpft in seinem Schreibtischsessel zurück. Ein leicht verbitterter Zug liegt um seine Mundwinkel. Er hebt kurz die Schultern, als wolle er sagen: Ich kann auch nichts dafür. Aber er sagt nur: Tja, so ist das nun mal und du wirst auch nichts dran ändern können. Also hör endlich auf, rumzuspinnen.

Ich glaube, der alte Mann hinter dem Schreibtisch hat einfach ein bisschen Angst: Angst davor, dass ich es auf eine andere Art – auf meine Art – im Leben schaffen könnte. Und das würde ihn nur noch stärker an all seine Lebenslügen erinnern. Aber ich sage nichts weiter.

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