Gemäßigte Klimazone

Alles was passiert ist Vergangenheit.

Das einzige Bild aus seinem Traum, an das er sich erinnert, war ein leeres Blatt Papier. Frankenstein erwacht, probiert seine Beine aus, stelzt ins Bad. Ein Blick in den Spiegel. Das Bindegewebe hängt. Ein altes Pferd blickt zurück. Heute wird Fach seinen Kaffee in der Bäckerei an der Ecke trinken.

Fast alle Tische sind besetzt. Ein Paar mit einem schreienden Kinderwagen, drei tätowierte Handwerker trinken Bier, eine alte Dame schrumpelt in der Sonne. Am Tisch hinter ihm schaufelt sich eine Frau den Milchschaum von ihrem Cappuccino in den Mund. Vor ihm liegt ein langer Tag ohne irgendeine Aufgabe.

Friedel Kantaut - Gemäßigte Klimazone 1

Zeichnung: Rolf Hannes

Stör ich? –  Fach blickt hoch, versucht die vor ihm stehende Frau einzuordnen. Viele von ihnen sitzen an einem Schreibtisch am Ende einer Warteschlange in irgendeiner Behörde. Irgendwo über Vierzig, sie haben kein Kind, keinen Mann, aber eine Jahreskarte für Fitnessstudio und Solarium. Ihre Haut erinnert an braunes Butterbrotpapier. Schwarze Haarhaube mit violetten Strähnchen. Welcher Frisör hatte ihr das angetan. Tote Augen in einem Wimpernverschlag unter zwei umgestürzten schwarzen Halbmonden. Weiter unten schwimmt grellrotes Schlauchboot. Das spitze Kinn verhindert, dass dieser Mund aus ihrem Gesicht rutscht. Schildkrötenhals. Dunkle Lederjacke, schwarzer Pullover mit großem Löwenkopf in Gold und Weiß, enge Jeans, Stiefeletten. Knöpfe, Applikationen und Schmuck sind vergoldet. Sie ist umgeben von einer Todeszone aus billigem Parfüm. Die braunen Papierfinger enden in langen schlauchbootfarbenen Krallen. Harpyien, die während der Mittagspause in der Raucherzone gierig an ihren extraschlanken Filterzigaretten saugen.

Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen? –  Fach trinkt seinen Kaffee. Sie sitzt. Ich hätte etwas für Sie zu tun, bei angemessener Bezahlung natürlich. Fach hört zu.

Fortsetzung folgt.

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