Gemäßigte Klimazone 2. Teil

Fach wartet, aber er hat eine Aufgabe. Er soll einem Mann den ganzen Tag unauffällig folgen und abends der Harpyie Bericht erstatten. Der Mann, zu dem die Beschreibung passt, nähert sich. Fach lässt ihn vorbei und folgt in sicherem Abstand. Vormittags durch Einkaufszentren, Haupt-und Nebenstraßen, Museen, Parks, über Bahnsteige, zu Fuß und mit dem öffentlichem Nahverkehr. Nachmittags durch Einkaufszentren, Haupt-und Nebenstraßen, Museen, Parks, über Bahnsteige, zu Fuß und mit dem öffentlichen Nahverkehr. Mittags isst der Mann eine Bratwurst, Fach in sicherer Entfernung ein Hotdog. Fach erfindet eine Biografie für sein Opfer, und fühlt sich ihm trotz des Sicherheitsabstands wieder näher.

Es ist Abend. Auf beiden Seite der Straße befindet sich eine Wand aus pastellfarbenen Buttercremetorten aus der Gründerzeit. Dazwischen ist ein noch nicht renoviertes Haus eingeklemmt und wird von einem Gerüst gestützt. Weiße Plastikplanen bedecken seine Verwundungen und seine Fenster. Gibt es hier Leben, und wenn ja, wie lange noch. Der Mann betritt das Haus.

Friedel Kantaut - Gemäßigte Klimazone 2
Zeichnung: Rolf Hannes

Fach wartet. Der Mann hat im vierten Stock geklingelt. Jemand hat geöffnet. Das Treppenhaus riecht wie eine Mischung aus feuchten Wänden, altem Papier, moderndem Holz, dem Rost alter Wasserleitungen, Braunkohle und Urin. Den Geruch gibt es nur in diesen alten Häusern, und er ist vom Aussterben bedroht.

Er sollte zum Weltkulturerbe erklärt und geschützt werden. Die Mieter könnten bleiben und sogar als Geruchswärter Geld verdienen. Sie müssten sich nur verpflichten, ein Leben lang mit Kohle zu heizen, die Feuchtigkeit der Wände hinzunehmen, sie bei Bedarf wieder anzufeuchten, das Treppenhaus nicht zu wischen, zu rauchen, das Klo eine halbe Treppe tiefer zu benutzen und hinterher die Tür offenstehen zu lassen. Oben klappt eine Tür. Der Mann kommt die Treppe hinunter. Fach zieht sich in den Schatten zurück und verlässt hinter ihm das Haus.

Fortsetzung folgt.

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