Flugzeit

Zeichnung: Rolf Hannes

„Hallo Sonnenengel“, sagt er zu ihr. Beim ersten Treffen, noch vor dem ersten Du, dem ersten Drink. Und sie lacht, dass sie ein Drachenvogel sei: „Und wer weiß was sonst noch alles.“ Die Farbe ihrer Iris. Durch blankes Glas hindurch haben sie ihn angeschaut, diese Augen, verwundert, fremd, sind an durchsichtigen Spiegelschrift-Buchstaben („Panorama-Café“) entlanggeflattert und dann zur Tür hereingeschwebt, sind vor ihm einfach stehen geblieben. Wie sie die Helligkeit des Tages spiegeln. Mal himmelblau mal wolkensegelgrau. Mit einem Stich ins Goldene, hie und da rötlich glimmend, je nachdem, in welchem Winkel ihr Kopf sich neigt oder der seine.

„Drachenengel, Engelsdrache“, grinst er: „Alle beide immerhin beschwingte Wesen.“

„Und du“, fragt sie, „mit welcher Art Schwingen bist du bestückt?“

Verstohlen schaut er umher. Sie sind die einzigen Gäste hier oben, er traut sich und steht auf und stolpert über ein Stuhlbein, und er breitet die Arme aus und dreht und wendet sich und zeigt das, was ihm fehlt, er zeigt es von allen Seiten. „Aha“, sagt sie, „ein Bodenständler, das also bist du – ganz schön ausgewachsen, und in einem ziemlich kläglichen Temperaturzustand“, lacht sie, mit der Hand über die Gänsehaut seiner Unterarme streichend.

„Wie wär´s, wenn du mich huckepack nimmst“, schlägt er vor. Und hofft, dass es nach einem Witz klingt, dass sie die Bitte nicht heraushört, das Flehen.

„Du wirst verbrennen“, sagt sie, „oder abstürzen und im Fluss ertrinken oder in irgendwelchen Regenlachen auf irgendeinem Weizenfeld.“

„Was du erzählst“, kichert er. Da steht auch sie auf. Geht um den Tisch herum und öffnet das Fenster. Steigt auf das Sims und steht da, im vollen Mittagslicht, nach Schwalbenrufen duftet dieses und nach Schmetterlingsbunt, und er steht plötzlich steif, erstarrt, wagt keinen Schritt. Nun ist sie es, die ihre Arme hebt. „Wo bleibst du“, sagt sie. Wiederholt es, singt es, hüpft und tanzt. Coloratursopran in Tangoposen. Koboldselfe. Er setzt sich in Bewegung, geht auf sie zu. Steht plötzlich neben ihr, steht da oben und hört den Verkehr aus der Tiefe heraufbrausen. In der Ferne glitzert der Fluss. Jene flirrende Grenze zu dem Land, hinter dem jenes Land liegt, in dem sein Vater lebt.

„Also?“, wendet sie ihm das Gesicht zu. Schaut ihn an, mit Federaugen, Feuerhaaren.

Dass er gerne springen würde mit ihr, wird er gleich sagen, wird sich zurückfallen lassen, auf den Teppichboden einfach. Wird sich dort wälzen, mit ihr, Arme, Beine, Haut und Haar, alles verschlungen, unauflöslich.

Er sagt nichts. Und sie dreht sich um und steht da, als gäbe es mehr unter ihren Füßen als dieses schmale Brett zwischen Himmel und Erde.

Noch immer schweigt er, auf ewig, vielleicht. Wenn er seine Hände um sie legte, denkt er, jetzt sofort: Er würde ihren Rücken spüren, an seinem Bauch, dem Magen, und er würde das Fallen spüren, tief und tiefer, unausweichlich, und das Steigen, immer höher, und um sie herum nichts als das Surren ihrer Flügel – im Wind, dem blauen Sonnenwind.

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