Eswareinmal

Ich warte auf die Abenddämmerung. Nach Sonnenuntergang trage ich Buchstaben zum Treffpunkt. Am Straßenrand sitzt der Rest desjenigen, der seine Arme und Beine bei einem Selbstmordversuch gegen die U-Bahn verloren hat und kotzt seine Wut in die Castingzone. Ein paar Meter weiter hockt ein Künstler auf einer Treppenstufe mit drei kleinen Collagen vor sich, mitten im Sommer vermummt und versteckt unter einer privaten Schneewehe. Oft habe ich beide gesehen und ihre Argumente geahnt, die ich heute wie Flyer vom Fußweg vor ihnen pflücke. Bei zwei Depressionen bekommen Sie eine dritte gratis. Weiter. Vorbei an Straßencafés, die wie Wellenbrecher mein Fortkommen behindern, Möwenbänken, gestylten Citypinguinen, Robben, die ihre Paarung vorbereiten. Riffpiraten, die falsche Leuchtfeuer setzen, an Bordsteinkanten gestrandete Havaristen, Cocktailtrinkern auf Korbstühlen neben denen mit einem Spätkaufbier.

Der Treffpunkt der Poeten ist ein Lokal in einer Seitenstraße. Das Pissoir ist mit Seiten aus Thoreaus Walden tapeziert. Beim Nachdenken über die Wechselbeziehung zwischen Kultur und Fäkalien fällt mir eine Freundin ein. Sie wollte nie fotografiert und in einer Zeitung veröffentlicht werden, damit sich keiner mit ihrem Gesicht den Arsch abwischt. Ich denke oft an sie, wenn mir das Toilettenpapier ausgeht. Bevor ich ins Hinterzimmer gehe, bestelle ich am Tresen ein Bier. Der Wirt fürchtet, Literaten sind Zechpreller und stehlen Kugelschreiber.

Es gibt einen Ort, an dem bist du eine Erfindung.

Friedel Kantaut - eswareinmal

Grafik: Friedel Kantaut

Ein schwerer, dunkler Baumwollvorhang trennt den Raum ab. Gedämpft beleuchtete Stuhlreihen, gegenüber ein einstufiges Podest mit Tisch und Stuhl, Zigarettenrauch, Anwesenheit. Ich höre die Geschichte einer allein erziehenden Mutter, die der Warteschlange im Arbeitsamt den Kopf abschlägt, und von einem Liebenden, der der Eifersucht seine Venen verweigert. Dann feiere ich Erntedank und trage meinen Zettel zum Pult. Die Mikrofonanlage rauscht. Die Leselampe ordnet die Buchstaben. Ich beginne: Es war einmal. Jetzt wirst Du Norma Bates, während ich dusche, zu Alice im Wunderland und auch zu Dulcinea. Ich kann Dich sterben oder allein in den Sonnenuntergang reiten lassen, kann Dir Schwindsucht oder ein Haus mit Familie und Hund andichten. Ich vermenge Dich mit all den anderen Menschen, Dingen und Ereignissen zu einem Bedeutungsbrei und opfere ihn der Unterhaltung. Als ich ende, haben die Zuhörer formale Bedenken und wollen diskutieren.

Ich unterbreche den Heimweg für ein weiteres Getränk. Jemand fragt nach meiner Telefonnummer. Ich schreibe sie auf einen Zettel, den ich zu einem Schiffchen falte. Ich lasse das Boot zurück und beschließe, die restliche Strecke zu schwimmen. Am Steg angekommen, ziehe ich mich aus dem lauwarmen, öligen Wasser und kaufe ein letztes Bier. Ich öffne es, nehme einen Schluck und mag es nicht mehr trinken. Zuhause stell ich es geöffnet in meinen Kühlschrank.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.