Entfärbung

Ich lebe in meiner Sandburg. Meine Wohnung ist eine Ansammlung sanfter Chamois- und Beigetöne, dunklem Weiß, Steinfarben, Sandfarben. Passt zu allem, höre ich Mutter sagen. Dabei liebte ich, als ich ein Kind war, das Bunte und das Grelle. So waren meine Gefühle, und überall hörte ich Farben singen, laut und brennend, klar und freundlich. Farben kann man nicht hören, behauptete meine Mutter.

Oft habe ich Rot gesehen, damals. Es gab so viel verschiedenes Rot; das leuchtende, liebende, das berauschende, das wutvolle. Wenn ich, als Vierjährige, eine andere Ansicht hatte als meine Eltern und sie in die Welt schrie und trotzte, sperrte mich mein Vater in einen beigegestrichenen Raum. Ich nannte diesen Raum das Nichts. Farblos sollte ich werden, so wie die Langeweile, die in diesem Raum wohnte.

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Bild: Marlies Blauth

In Elfenbein wurde ich gekleidet, als ich jeden Tag ins Büro lief. Weil die Wände dort dieselbe Farbe hatten wie ich, war ich unauffällig wie ein schlafendes Chamäleon: Ich tat meine Arbeit und ging wieder nach Hause, wo ich Birnenkompott kochte und Buttercreme rührte.

Als ich heiratete, mogelten sich ein paar Farbtupfer in mein Leben, denn mein Mann hatte eine Eigenschaft, die ich bisher nicht kannte: Humor. Als wir älter wurden, fühlte ich mich allerdings verpflichtet, uns einen seriösen Anstrich zu geben. So wusch ich alle überflüssigen Farben aus unseren Tagen und kaufte Vorhänge aus ernstem Beige, mit denen ich unseren Blick verhüllte. Als mein Mann nicht aufhörte, dumme Witze zu erzählen, trennte ich mich von ihm.

Meine Zufriedenheit ist so bleich wie meine Unzufriedenheit; ich vermag das eine nicht vom anderen zu unterscheiden. Ich habe nur meine sandfarbene Arbeit in einem stummen Alltag. Ich sitze in meiner Burg und lese in vergilbten Büchern. Wenn ich zum Fenster blicke, sehe ich auf der Fensterbank die gelblichen Blumen, die ich mir mittwochs vom Markt mitbringe, und einen farblosen Himmel über der Stadt.

Du kochst ja sogar ganz ohne Farbe!, ruft meine Nichte, die Künstlerin. Sie schielt amüsiert darauf, wie ich Kartoffelpüree mit Weißwürstchen serviere und Bananenscheiben auf Fertigtortenböden lege. Benutzt sie denn wohl Lebensmittelfarbe? Gibt es da grellgrüne Nudeln oder türkisblaue Milch? Das wäre typisch, wie sie sich täglich bunt schminkt zu ihrem Hennahaar und Worte benutzt, die immer so farbenfroh klingen.

Doch, Farben kann man hören, sagt sie, deine Eltern haben sich geirrt.

Als sie eine leuchtendrote Tomate aufschneidet und mir an den Tellerrand legt, obwohl es so nicht im Rezeptbuch steht, singt sie dazu.

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