Eismärchen

Sie schlug die Augen auf. Ihr Blick streifte sein Gesicht und glitt ins Leere. Er erschrak. Schneelicht tönte das Blau ihrer Augen, ein Rinnsaal aus Licht, das ihre Züge ungreifbar werden ließ, je länger er ihrem Blick standhielt. Er schlug die Augen nieder. Komm her, flüsterte sie. Er stand auf, stolperte über den Eimer mit den feuchten Wickeln und fand sich zu ihren Füßen wieder. Sie setzte sich mühsam auf. Ein Buch rutschte unter ihrem Kopfkissen hervor und fiel zu Boden. Er hob es auf. Was ist das? fragte er.

Das lege ich nachts unter mein Kopfkissen. Dann brauche ich morgens meine Träume nicht aufzuschreiben.

Er blätterte das Buch auf. Die Seiten waren leer. Nur die Schattenschrift des künstlichen Lichts im Krankenzimmer wanderte über das Papier.

Es verschwindet, sagte sie, alles verschwindet, wenn du nicht daran glaubst. Ein leiser Hauch von etwas Verlorenem lag auf ihrem erstarrten Gesicht, ganz so wie in dem Augenblick, als er sie vor drei Tagen im Eis des Sees gefunden hatte.

Daniel Mylow

Zeichnung: Rolf Hannes

Das Schneefeld um ihn herum erstarb im Geflüster fahlen kalten Lichts. Er spürte das berstende Eis unter seinen Füßen. Als er näher kam, konnte er sehen, wie sich ihre nackten Arme an das Eis klammerten. Mühsam hielt sie den Kopf über das Eiswasser. Sie schrie nicht. Sie sagte nichts. Es war, als warte sie auf den Tod. Auf allen vieren war er zu ihr gekrochen. Einen Augenblick dachte er, sie wäre tot. Er packte sie an den Schultern und zerrte ihren fast leblosen Körper auf das Eis. Eine Welt von ihnen entfernt tanzten Sonnenreflexe in den kahlen Wipfeln der Bäume. Er zog ihren Körper durch den Schnee ans Ufer. Das Mädchen schlug die Augen auf. Kalt, flüsterte es fast unhörbar. Es klang wie Halt.

Es war still. So still wie etwas nur sein kann bevor es verschwindet. Über die Schläfen des Nachthimmels fuhr das Rascheln aufgeschlagener Seiten.

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