Eine gewagte Meditation 5. Folge oder: Die Autonomie der Kunst 1. Teil

Vertritt man den Standpunkt, die Kunst solle autonom sein (wie Heinrich Heine äußerte), sie dürfe weder der Religion noch der Politik dienen, so muss man in der modernen westlichen kapitalistischen Welt auch konsequenterweise gegen die Marktgängigkeit der Kunst sein. Autonomie der Kunst in einer kapitalistischen Welt bedeutet: Jeder Cent, den Kunst (egal in welcher Form) einspielt, ist eine Nötigung, stellt die Kunst unter Korruptionsverdacht. Lieber Herr Heine: Es geht nicht. Kunst kann nicht autonom sein. Warum? Weil sie sonst restlos verkümmert. Kunst ist etwas Organisches, braucht Nahrung wie jeder Organismus. Autonome Kunst wäre bestenfalls ein Ziergarten und damit von den Gärtnern abhängig. Also tritt die Kunst in die Welt, mit allen Konsequenzen. Es gibt keine Reinheit der Kunst. Es gilt nach wie vor Schillers Spieltheorie zur Kunst. Ausgehend von Karl Philip Moritz kann man die Kunst erst einmal als Selbstzweck betrachten. So ist die Kunst ein für sich bestehendes Ganzes (K.P. Moritz: Über die bildende Nachahmung des Schönen 1788) sie hat kein Wozu, ist nur sich selbst verpflichtet, will nichts als sich selbst und lädt uns ein, bei ihr zu verweilen. Das Gezwungene, Gehemmte, Gedrückte, sagt nun Schiller, kann niemals schön sein. Jede Dienstbarmachung von Kunst zerstört ihre Schönheit. Jedes Preisschild ruiniert den ästhetischen Eigenraum der Kunst.

Schiller entwirft zwei Dichtertypen: Den Naiven und den Sentimentalischen. Dem naiven Dichter fliegt die schöpferische Freiheit fließend und ungehemmt zu. Es ist bei ihm ein Geschehen und Geschehenlassen. Der sentimentalische Dichter dagegen wirkt eher abstrakt, gibt sich Gesetze, kommandiert die Poesie, entwirft, plant. Der sentimentalische Dichter ist sich selbst als Schöpfer genug. Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Die Regeln, die sich der sentimentalische Dichter also gibt, sind seine Regeln. Das findet alles noch in einem autonomen Raum statt. Und angenommen, es gehört zu meiner Spielregel, von Kunst leben zu wollen, dann wird das Preisschild relevant. Nun ist aber der Markt bestimmend für den Preis, nicht der Künstler. Damit gibt er seine Freiheit auf und es entsteht der Verdacht der Nötigung. Doch wenn Kunst so autonom ist, dass sie sich nicht als offenes System zeigt, wird sie zur Geheimwissenschaft. Und die führt in den Autismus. Dieses Patt ist vermutlich nicht zu lösen.

Mechanische Ente von J. de Vaucanson (1709 – 1782)

Der moderne Ansatz besteht in der Schaffung von Kulturräumen, die ein gewisses Maß an Freiheit ermöglichen. Diese Kulturräume implizieren den Willen, autonome, geschlossene Systeme zuzulassen. Das Vorhandensein solcher Kulturräume ist ein Gradmesser für die Zivilisiertheit einer Gesellschaft. Doch leider sind diese Kulturräume eben nur Ziergärten, denn – wie schon gesagt – sie sind abhängig vom Gärtner. Damit sind sie nur zum Schein frei. Genau das ist der Status, der der Kunst in der westlichen, kapitalistischen Gesellschaft zugestanden wird. Eine Horde durchgeknallter Autisten, die sich Künstler nennen, mogelt sich mit gekünstelter Narrenfreiheit durch die kapitalistische Welt. Und in dem Augenblick, wo sie aus ihrem Ziergarten, aus ihrem Kulturraum ausbrechen, werden sie mit aller Härte vom stahlharten Gehäuse der Hörigkeit wieder in ihren Ziergarten zurückgepfiffen. Oder – schlimmer – sie müssen einen Taxiführerschein machen. Und so wird den Narren schnell klar, dass ihre vermeintliche Kunstfreiheit nichts weiter als Ausbeutung war, ihr Kulturraum nichts weiter als eine Maschine zur Herstellung streng kalkulierter Affekterregungskunst, eine Maschine zur Herstellung großer Gefühle. Heute sind wir längst so weit, dass sogar die Nachrichten nichts weiter sind als Produkte aus einem umgrenzten Kulturraum. Den Nachrichten zu trauen, wäre in diesem Sinne nicht angebracht und genauso närrisch, wie es die Narren sind, die diese Nachrichten produzieren.

Der virtuelle Raum ist gleicherweise ein Kulturraum, in dem vielfach an vielem ein Preisschild hängt. Soviel zur Freiheit! Es ist ein oftmals schlechter Witz. Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Raum sind durch ihre gespielte Seriosität die Narrenkrone. Nichts ist närrischer, als ein Narr, der sich selbst ernst nimmt. Aus diesem Grund gilt es, die Autonomie der Kunst endgültig aufzugeben, um sie wieder herzustellen. Wer A sagt, muss nicht B sagen. Ein Preisschild bedeutet gar nichts für die Kunst. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass künstlerische Tat die Zerstörung von Kulturräumen einleitet. Diese Kulturräume sind längst die religiösen Bauten des Kapitalismus geworden und müssen niedergerissen werden. Wie wär’s mit dem Niederbrennen von Filmproduktionsstätten, dem Niederbrennen von Rundfunkgebäuden, von Verlagshäusern, dem Zerschneiden von Glasfaser-Kabeln, dem Ausräuchern von Museen, Galerien. Autonome Kunst? Das ist Anarchismus. Der Mensch ist nur da ganz Mensch wo er spielt, nicht wahr Herr Schiller! Uns geht es wie dem Felix, dem Sohn von Wilhelm Meister: An diesem ordentlichen, zweckmäßig eingerichtetem Spiel haben wir die Lust verloren. Also lasst uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir können. Tun wir dies nicht, weil wir die Barbarei so fürchten, dann bleiben wir eben Teil der Maschine. Und unser kreativer Beitrag wäre es, die Maschine hübsch bunt anzumalen, ohne die Maschine dabei zu beschädigen. Dafür gibt es eben die Kulturräume, eine bunte Maschinenwelt. Wir haben die Wahl zwischen der Maschine und der Barbarei. Den Freiraum dazwischen nennen wir mangels poetischer Kraft Zivilisation.


siehe auch Wie Deutschland seine Künstler verarmen läßt vom 24. Nov. 2015

Wird fortgesetzt.

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