Die Verrückte


Zeichnung: Rolf Hannes

Die Verrückte trug verrückte Gedanken in ihrem Kopf, vollzog verrückte Handlungen und sah dabei vollkommen normal aus. Kaum einer, der sie reden hörte, wusste, wie verrückt sie war. Um den Schein zu wahren, vermied sie es, viel zu sagen. Doch in ihrem Kopf purzelten die Gedanken durcheinander, überschlugen sich und verbanden sich zu Sätzen, die ihre Logik schnell wieder zerriss, bevor Ideen daraus erwuchsen.

Die Verrückte dachte, wenn sie eine Art Schild erfinden könne, das sie vor sich selbst schützte, wäre ihr Leben sehr viel einfacher. Wie eine weiße Wand, hinter die sie springen könnte, wenn ihr irres Ich um die Ecke käme. Ob es schweigen würde, wenn keine Ohren mehr zu sehen wären? Oder gäbe es sich gar mit Schweigen zufrieden, besäße sie keinen Mund?

Die Verrückte legte das Blatt wieder hin, das sie nachdenklich vor ihr Gesicht gehalten hatte, denn anders als in ihrer Vorstellung, befand sich das irre Ich nicht neben ihr – es war in ihr drin. Unwillig jemals auszuziehen, ein Nesthocker.

Und morgens sagte es immer zu ihr: Wir sind nun mal so, das sind wir.

Fast immer lächelte die Verrückte und nickte. Aber manchmal wünschte sie, sie wäre vollkommen allein in ihrem Kopf.

Ob sie ihr irres Ich vermissen würde, zöge es jemals aus?

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