Die Schleichkatze

Alexander Wallasch – Die Schleichkatze im Kanzleramt

Beim Blick auf Christian Drosten verhält es sich ähnlich wie bei jenem auf Karl Lauterbach: Eigentlich müsste man in intakten Demokratien nicht nur die Politiker, sondern auch die immer gleichen Gesichter der Regierungsberater überhaben. Aber ein Volk, das nicht einmal in der Lage war, seine Kanzlerin in sechzehn Jahren abzuwählen, das also warten musste, bis Angela Merkel von ganz alleine ging, hat auch in einer Pandemie keine besseren Berater zu erwarten als die beiden genannten Herren.

Charité-Direktor und Merkel-Dauerberater Drosten durfte jetzt beim Wochenblatt „Zeit“ wie hoher Staatsbesuch gegenüber Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Platz nehmen. Auch di Lorenzo ist übrigens einer, der sich tief in seinem Sessel eingegraben hat. Er saß da sogar schon, als im Kanzleramt noch Gerhard Schröder gastierte. Und die „Zeit“ hat auch noch Glück, denn sie darf bei diesem Drosten-Aufritt eine Zäsur mitschreiben und abdrucken. Wir erinnern uns: Drosten selbst – aber auch Wieler als Chef des RKI – hatten immer betont, dass das, was sie heute verkünden, morgen schon nicht mehr der Stand der Wissenschaft sein müsse – sie hatten sich also schon früh eine Art Freifahrtschein für Unsinn ausgestellt. Oder wie es die „Zeit“ harmloser ausdrückt: „Hypothesen, Irrtümer und Korrekturen“. Und was Christian Drosten der „Zeit“ anbietet, hat es tatsächlich in sich. Aber erst muss der „Zeit“-Chef noch ein paar Albernheiten wie folgende von seinem Waschzettel ablesen: „Es gibt Christian Drosten auf T-Shirts gedruckt und als Räuchermännchen geschnitzt, Drosten-Masken und Drosten-Tassen. Bei allen Anfeindungen – haben Sie sich je vorstellen können, so kultisch verehrt zu werden?“

Wir ersparen uns die vor Bescheidenheit nur so triefende Antwort Drostens und gehen gleich dahin, wo wir mehr über die x-te Variante der drostischen Coronaerzählung erfahren – das Delta-Virus ist nichts dagegen. Das Interview der „Zeit“ wird online in sage und schreibe sechs Teilen zum virtuellen Umblättern angeboten.

‚Angela Merkel hat die richtigen Fragen gestellt‘

Interessant zunächst, dass Drosten es weiterhin für unwahrscheinlich hält, dass das Virus aus dem Labor entwichen sein könnte. Jeder, der etwas anderes behaupten würde, so Drosten, sei nur ein „Fachexperte aus nah verwandten, aber hier nicht ausschlaggebenden Gebieten.“ Und weil Drosten nun mal Drosten ist, revidiert er seine Aussage gewissermaßen schon in einer der darauffolgenden Antworten hinsichtlich der Kompetenz der Bundeskanzlerin, also seiner großen Gönnerin, der er so viel zu verdanken hat, und die er hier im Gegensatz zu Kollegen nicht im Vorübergehen abbügeln mag: „Angela Merkel. Die hat die richtigen Fragen gestellt. Sie ist superschnell in ihrer Auffassungsgabe. Sie hat ein mathematisches Verständnis, was bei diesen epidemiologischen Problemen wirklich weiterhilft.“

Der wissenschaftliche Berater der Bundeskanzlerin findet auch nichts dabei, seine befremdliche Auffassung einer wissenschaftlichen Debatte zu erneuern, wo er mit Bedauern befindet: „Was man so erlebt, wenn man mit 30 Gesundheitsamtsleiterinnen und -leitern zusammensitzt, ist eben nicht der Konsens der Wissenschaft.“ Gegenüber der „Zeit“ will Christian Drosten heute nichts mehr damit zu tun haben, dass die Schulen geschlossen wurden, das müsse, so Drosten, „die Diskussionsdynamik dieser Ministerpräsidentenkonferenz gewesen sein, nachdem wir den Raum verlassen hatten.“ Mit anderen Worten: Wenn Eure Heiligkeit den Raum verlässt, wird’s düster im politischen Berlin. Das Bundesverdienstkreuz hatte er im Oktober 2020 aber dennoch gerne angenommen. Und auf Seite vier dann die hier schon angekündigte Metamorphose als Antwort auf die Frage von di Lorenzo: „Wo stehen wir jetzt?“ Drosten: „Die Zahlen steigen gerade dramatischer als im November 2020 – trotz der Impfungen.“

Fortsetzung folgt.

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