Die Läuferin

Der rote Himmel stirbt in den Feldern. Der Wind spricht nicht mehr und in die Sommerwege sind Spuren gegraben. Nachtstaub flieht vor ihren Augen. Sie läuft und läuft. Atemlos blickt sie auf alles Verschwindende. Ihr Körper schluckt fliehende Farben. Sie läuft und läuft. In der Ferne schwinden die Hügel. Sie bleibt stehen. Tief unter ihr atmet das Meer gegen die Nacht. Als Kind hatte sie oft hier gestanden und auf ihren Bruder gewartet. Eines Tags war er einfach nicht zurückgekommen. Sie hatte die ganze Nacht dort, auf den Feldern hoch über dem Meer, auf ihn gewartet. Am Morgen fanden sie die Suchtrupps. Ihr Bruder kehrte nie mehr zurück. Sie war den Weg vom Elternhaus zum Meer immer wieder gelaufen, obwohl die Eltern es ihr bald verboten hatten. Aber niemand konnte ihr erklären, was mit ihrem Bruder geschehen war. Und so wartete sie viele Nächte auf ihn, bis ihre Eltern sie abends einsperrten. Später hielt sie es nirgends lange in geschlossenen Räumen aus.

Daniel Mylow - Die Läuferin

Zeichnung: Rolf Hannes

Sie lief und lief, bis alles um sie herum verschwand. Der Himmel war in den Feldern gestorben. Sie hört auf das Atmen des Meers, sie hört auf die Stimme des Verschwundenen. Wenn sie läuft, ist alles nah und fern zugleich. Wenn sie läuft, sitzt ihr Bruder dort am Strand und wartet auf sie. Wenn sie läuft, weiß sie, dass es niemals etwas geben wird, dem sie so nah sein könnte, dass es nicht mehr verschwindet.

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