Die Flaschenpost

Radierung:: Rolf Hannes

Im Jahr 1798 steckte ein französischer Soldat in eine Weinflasche, die er tagszuvor geleert, einen Zettel, worauf er einige Zeilen gekritzelt hatte. Damit man sich vom Adel des Weins überzeugen konnte, hatte er das Etikett abgelöst und es gleichfalls in die Flasche gesteckt: Collection Vermeil 1793, Coteaux du Languedoc, Elevé en Futs de Chene, Vermeil du Crès etc.

Diese Flasche ließ er wohlverkorkt rheinabwärts fließen.

Einige Monate später wurde diese Flaschenpost in Xanten von einem Jungen aus dem Wasser gefischt. So gut es ging, besah er sich den Inhalt, dann lief er nachhause zu seinem Vater. Beide waren neugierig, was die Flasche wohl enthielt. Der Vater entkorkte sie behutsam, verstand aber den französischen Text nicht. So wurde ein Onkel, der während des Siebenjährigen Kriegs gegen die Franzosen gekämpft hatte, zu Rate gezogen.

Er übersetzte: Hole der Teufel die Preußen. Man säuft zuviel in Kriegszeiten, aber dieser Tropfen lohnte sich. Mainz, im Mai ´98. Marcel Drummand. Der Onkel schrieb unter diese Zeilen: Hole der Teufel die Franzosen. Habe sie im Heer des Ferdinand von Braunschweig 1758 siegreich über den Rhein getrieben. Auf diesen Sieg trinke ich einen Johannisberger. Oktober 1799. Michael Saumer.

Für eine Weile stand die Flasche in Xanten auf einem Bücherbord, dann wurde sie wieder auf die Reise geschickt. Zuvor steckte der Junge in die Flasche einen neuen, seinen Zettel hinzu, auf dem stand: Mir sind die Franzosen und Preußen einerlei, ich hab genug mit meinen Leuten zu schaffen. Heute ist mein 12. Geburtstag, da soll die Flasche weiter in die Welt ziehen, wie ich es einmal machen möchte später. 1802. 7. 7. Georg Christoph Mengel.

Jahre danach, 1811, entdeckte ein holländischer Krabbenfischer die Flasche in einem seiner Netze. Er kannte sich sowohl im Französischen wie im Deutschen aus, und da er fand, er könne sich zu dieser bemerkenswerten Post auch etwas einfallen lassen, schrieb er auf die Rückseite von Georgs Zettel folgendes: Georg, komm auf See. Das ist das einzige Land, wo man es aushalten kann. Jan Beuten. Darauf einen Genever. 4. 9. ´11.

Der Holländer nahm die Flasche erst gar nicht mit heim, denn dort hatte er soviel Buddeln mit Muschelschalen, Schneckenhäusern, Fischschuppen, Ankerhanf, Meerjungfrauen, Dampfern, Seesternen, auch jede Menge Flaschenposten, es reiche für die nächsten 100 Jahre, sagte er sich.

Er setzte die Flasche ins offene Wasser vor der Küste Seelands. Viel lieber hätte der Krabbenfischer seine Flaschenpost rheinaufwärts zu seinem letzten Besitzer geschickt, einem jungen Mann, der nun 20 sein mußte. So aber trieb sie wohl geradewegs auf England zu. Dahin kam sie aber fürs erste nicht. Sie machte eine viel weitere und sehr langdauernde Reise, nämlich zu der winzigen Insel Alderney vor der Küste der Normandie. Dort fand sie 1827 ein ausgedienter englischer Tropenarzt, der in Gedanken versunken den Strand einer kleinen Bucht entlanglief. Das Inselchen war kaum bewohnt, schon seines ruppigen Klimas wegen. Das aber gerade war der Grund für den Engländer, der jahrzehntelang in tropischen Ländern gelebt hatte, sich auf Alderney seinen Ruhesitz bauen zu lassen.

Am Morgen hatte er von seinem Haus aus auf die graue aufgewühlte See geschaut, und wie er so nachdachte, war er nicht ganz überzeugt von seinem Grundsatz, jeden Tag seinen Strandgang zu machen. Das kann man nachempfinden, wenn man die Eintragung in seinem Tagebuch vom 12. 9. 1827 liest.

Dieses Tagebuch besitzt sein Urururneffe (wenn es sowas gibt), der in der englischen Hafenstadt Grimsby lebt. Die weitere Eintragung lautet: Heute ist mir ein merkwürdiger Fund geglückt. Auf meinem allmorgendlichen Gang habe ich eine Flasche gefunden mit zwei Papierfetzen darin. Die Flasche war eingeklemmt zwischen Felsbrocken, und als ich sie dort befreien wollte, hätte mich samt der Flasche leicht eine über die Felsen springende Welle ins Wasser reißen können. Heute ist ein solches Unwetter, wie ich es bisher auf dieser rauhen Insel nicht erlebt habe. Meinen Gang kürzte ich ab, weil ich wissen wollte, was in der Flasche steckte. Ein Etikett und zwei beschriebne Zettel, die Schrift ist stellenweise sehr verblaßt, aber noch zu entziffern, in Französisch, Deutsch und Niederländisch.

Im Tagebuch steht der wortwörtliche Text der Zettel nebst der englischen Übersetzung. Dann folgen weitere Eintragungen des Tropenarztes Sir Oswin Marris, von denen ich mir, als ich seinen Nachfahren in Grimsby besuchte, einige abgeschrieben habe. Im Tagebuch heißt es dann: Es ist verlockend, sich vorzustellen, wie die Urheber der Texte beschaffen waren, ihnen also einen biografischen Rahmen zu erfinden.

Sir Oswin ließ seiner Fantasie freien Lauf. Wenn davon etwas in meiner Geschichte auftaucht, dann nur soviel, wie ich mir nach Betrachtung des Tagebuchs einzuprägen versuchte. Ich hatte einfach nicht Lust und Muße, diesen kleinen Roman abzuschreiben.

Diese Eintragung notierte ich mir noch: Da ich mich wieder einmal mit Heraklit befasse, fällt mir sein Satz ein panta rhei alles fließt. Also fließe weiter, Flasche. Treibe, schwimme, überquere den Atlantik. Es ist nichts Außergewöhnliches, daß Dinge so von Europa in die Neue Welt gelangen. Aber der Zustand der Texte hält mich davon ab, die Flasche ins Meer zu werfen. Sie würden eine weitere Reise nicht überstehn. Also wird die Flasche, die erstaunlich heilgeblieben ist, wenn überhaupt, nur mehr in meinem Gepäck reisen.

Mein Freund in Grimsby erzählte mir, es gebe in seiner Familie Hinweise über den weiteren Verbleib der Flasche. Seine schriftstellernde Urgroßtante Maud, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in London wohnte, und in deren Besitz sich damals auch das Tagebuch befunden hätte, müßte auch die Flasche beherbergt haben. Irgendwann, irgendwie sei sie wohl auf einem Dachboden verstaubt und vergessen woden. Oder, sagte er, sie treibt auf den offenen Weltmeeren herum.

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