Die Diva kollabiert

Zeichnung: Rolf Hannes

Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen – den Künstler! Hier ist für Sie Patrick Stephen… Eine metallene Stimme drang aus den Boxen im Hörsaal der Universität der Freien Künste und ein triumphaler, mir unbekannter Marsch erklang im Hintergrund. Das Publikum rastete aus als der Sprecher den Namen des Künstlers nannte. Rosen wurden auf die Bühne geworfen, ein fanatischer Anhänger überreichte dem an einen kleinen Tisch schwankenden Schriftsteller eine Porträtfotografie seines großen Vorbilds Pasolini. Eine dicke Frau stürmte dem menschenscheuen Patrick Stephen in die Arme und herzte den sichtlich Verunsicherten überschwänglich. Stephen schaffte es so gerade bis zu seinem Platz, bevor die gesamte Zuhörerschaft im Audimax sich in einer mechanischen Bewegung erhob und den Vornamen des Poeten skandierte. Auf dem Tisch stand eine gläserne, mit Lilien gefüllte Vase und daneben wartete eine Flasche Wodka darauf, dass der Autor sich über sie hermache, während er wie ein Schlot dazu rauchte.

Über Patrick Stephen wusste man nicht viel, er hielt sein Privatleben so gut wie möglich geheim, hatte aber einst zugeben müssen, dass er an einer bipolaren Störung litt, nachdem einem Journalisten die entsprechende Krankenakte aus der Berliner Charité in die Hände gefallen war. Aus seinem mentalen Leiden machte der muskulöse Mittvierziger einen Running-Gag. Auch an diesem Abend stellte er sich folgendermaßen vor: Hallo, mein Name ist Patrick, ich bin Borderliner! Das vor allem aus jungen Herren bestehende Publikum johlte, als der Autor seine Witzchen über die Krankheit kundtat, die ihn, so hatte ich gehört, fast in den Suizid getrieben hatte. Patrick Stephen spielte mit seinen Fans und trieb die Scherze noch weiter: Ich bin eben aus meinem Sarg aufgestanden und geistig noch im Tiefschlaf, da ich einen Medikamentencocktail eingenommen habe. Verzeihen Sie mir also, falls ich beim Lesen einschlafe! Niemand konnte einschätzen, ob der Torkelnde schauspielerte, oder ob er die Wahrheit sprach. Formvollendet schnupperte Stephen wie eine Hollywood-Diva an dem Blumenbukett und ließ sich auf dem Holzstuhl nieder. Das Auditorium konnte es kaum erwarten, dass Stephen endlich aus seinem Skandal-Roman Oscar vorlas. Auch ich war von den Socken, als die sanfte Bassstimme anhob: Oscar hatte an diesem Tag nichts anderes getan, er hatte geschlafen, getrunken und war dann doch noch ins Wahlbüro gegangen, um die Sozialisten zu wählen. Der Maler hasste alle Parteien, aber die größte Verachtung brachte er den Linken entgegen, genau aus diesem Grunde schenkte er ihnen auch seine Stimme. Seit Wochen hatte Oscar nichts mehr auf die Leinwand gebracht, sondern nur im Bett gelegen. Oscar hatte Nelken um sich herum verteilt und hörte die Kindertotenlieder von Mahler. Um dem Sensenmann sein Werk zu vereinfachen, schluckte Oscar elf Valiumkapseln. Nun würde er also letzten Endes diesen einsamen Planeten verlassen dürfen. Kein Mensch hatte je ein Gemälde von Oscar gekauft. Oscar betrachtete sich selbst als missverstandenen Künstler und als er diese Worte immer wieder still vor sich hinflüsterte, klopfte es an der Tür…

Patrick Stephen geriet auf seinem Sitzmöbel ins Schwanken, sein rechter Arm begann zu zittern und er fegte die volle Wodkaflasche von der Tischplatte. Auf dem Parkettboden zerbarst das Glas und produzierte unendlich viele Splitter. In den zersprungenen Gefäßbröckchen vernahm ich die Reflexion von Stephens geschwungenen Wangenknochen. Ein stumpfer Schrei kam aus dem halb geöffneten Mund des Poeten und er sackte wie ein nasses Handtuch auf die spitzen Glasscherben, während Schaum aus Stephens Mundwinkeln spritzte. Als hätten sie darauf gewartet, kamen zwei Sanitäter auf die Bühne, legten den ohnmächtigen Künstler auf eine Bahre und beförderten ihn nach draußen, wo ein Krankenwagen zur Abfahrt bereit stand. Ungläubig näherte ich mich dem Ausgang und sah zu meinem Erstaunen, wie Stephen vor dem Bulli stand, sich auf die Schenkel schlug und Tränen lachte.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.