Der Angstfresser

An einem der letzten schönen Sommertage dieses Jahres fand im Schloss Schönhausen in Pankow eine für dieses Ambiente eher ungewöhnliche Lesung statt. Veranstalter waren die Buchhandlung Buchsegler in der Pankower Ossietzkystraße, die regelmäßig Lesungen im Schloss organisiert und die Robert-Havemann-Gesellschaft, eine der wenigen kleinen Gruppen, die sich noch um die Verfolgten des SED-Regimes kümmern. Grit Poppe las aus ihrem neuen Roman Der Angstfresser, in dem sie die Folgen der schrecklichen Zustände in den DDR-Jugendwerkhöfen oder Jugendgefängnissen – ja, die gab es auch, sogar für Kinder – schildert. Im  prächtigen Ballsaal waren leider nicht alle der im großen Abstand aufgestellten Stühle belegt. Hauptsächlich waren Zuhörer gekommen, die sich ohnehin mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigen. Dabei wäre Poppes Buch gerade für die wichtig, die den Sozialismus immer noch für eine gute Idee halten, die nur noch nie richtig ausgeführt wurde.

Poppe hat sich schon in ihren früheren Büchern mit dem Thema Jugendwerkhöfe befasst. Ihr kommt das große Verdienst zu, erreicht zu haben, dass eines der düstersten Kapitel der DDR-Realität nicht unter den Teppich gekehrt wurde. Wie leicht das hätte der Fall sein können zeigt die traurige Tatsache, dass einer der übelsten „Sonderpädagogen“, Eberhard Mannschatz, verantwortlich für die menschenverachtenden Zustände in den Jugendwerkhöfen, nach der Wiedervereinigung gebeten wurde, für ein Fachbuch der evangelischen Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg ein Kapitel zu liefern. Erst nach heftigen, öffentlichkeitswirksamen Protesten, war die Hochschule bereit, ihren Fehler einzuräumen.

Poppes Hauptfigur Mira hat die Segnungen der Jugendwerkhof-Pädagogik drei Jahre lang am eigenen Leib erfahren, aber sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Sie erinnert sich überhaupt kaum an ihr früheres Leben. Jetzt ist sie eine dreißigjährige Frau, nennt sich Kyra und ist von diffusen Angstattacken geplagt, die sie körperlich stark mitnehmen. Die Ärztin ist hilflos und verordnet Medikamente, die beruhigend wirken sollen, aber vor allem zwischen Kyra und die Welt eine Art Sperrmauer bilden. Poppe schildert die Angstzustände so meisterhaft, dass man als Leser unwillkürlich an Gustave Flaubert denken muss. Der hatte bei der Schilderung von Emma Bovarys Arsen-Vergiftungssymptomen selbst unter solchen gelitten. Hoffentlich ging es Poppe nicht ähnlich.

Kyra findet in ihrem Briefkasten immer wieder Flyer einer chinesischen Heilerin. Als sie der Frau zufällig auf einem Markt begegnet, stimmt sie zu, sich von ihr helfen zu lassen. Die Heilerin behauptet, ein spezielles Mittel für Kyra zu haben. Es handelt sich um einen Parasiten, einen Hirudo Timor, gezüchtet von Li Lings Vater in China, der einem Menschen, dessen Blut er saugt und mit seinen Sekreten versorgt, die Angst nimmt. Lings Vater hat damit erfolgreich Menschen von ihren Traumata geheilt, die sie in chinesischen Umerziehungslagern erlitten haben. Deshalb wird er in China verfolgt und schließlich ermordet. Von Ling erfährt Kyra Bruchstücke über den Umgang des chinesischen Regimes mit seinen Dissidenten. Die werden wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt, anschließend ausgeschlachtet und ihre Organe verkauft. Das haben Sie noch nie gehört? Eben. Der Organhandel ist ein zu lukratives Geschäft, als dass unbequeme Fragen gestellt würden. Von chinesischen Organen profitieren auch europäische Kranke. Da hatten wir in der DDR noch Glück, dass die ihre politischen Gefangenen lebend und intakt für Devisen verkaufte.

Kyra beginnt mit dem seltsamen Tier zu leben, die Angstzustände werden weniger, der Blutdruck sinkt, aber sie bekommt Halluzinationen.

Erst, als sie Leonhard begegnet, nähert sie sich ihrem früheren Leben.

Leonhard ist eigentlich Hans, der die 15jährige Mira 1986 überredete, die Leiter ihrer Eltern zu besorgen, die ihm als Fluchthelfer über die Berliner Mauer dienen sollte. Er, der viel ältere, ignoriert die Gefühle des verliebten Mädchens und lässt sie, ohne sich umzudrehen, einfach zurück. Ihm gelingt die Flucht, es fällt ein einziger Schuss, der gilt aber nicht ihm. Hans denkt nicht nach, was der Schuss zu bedeuten hatte, er verdrängt alle Gedanken an Mira, bis er nach dem Mauerfall von Miras Vater, der sein Freund gewesen ist, erfährt, dass Mira verhaftet worden war und im Jugendwerkhof gelandet ist. Es dauert aber noch Jahre, bis er sich auf die Suche nach Mira macht und sie durch einen Zufall auch findet. Mit seiner Hilfe gelingt es Mira, die Erinnerungen an ihre zerstörte Jugend zurückzuholen und damit zu überwinden. Was die Leser nebenbei über die Zustände in den Jugendwerkhöfen erfahren, ist so haarsträubend wie es die Wirklichkeit war.

Gibt es ein Happyend? Es spricht für Poppes Meisterschaft, dass sie darauf verzichtet hat. Sie lässt Mira und Hans am Schluss noch einmal die Strecke gehen, die sie am Abend von Hans´ Flucht zurückgelegt haben. Auf dem Friedhof, wo Hans sie damals zurückgelassen hat, zieht Mira plötzlich eine Pistole und fordert ihn auf, zu fliehen. Poppe überlässt es der Phantasie der Leser, was dann geschieht.

Mir bleibt nur zu wünschen, dass Grit Poppe ihr beachtliches Schreibtalent in Zukunft auch für andere Themen benutzt. Ihr wäre ein größeres Publikum zu wünschen.

  Vera Lengsfeld bei einer Lesung
Bürgerrechtlerin in der DDR, Mitglied des Deutschen Bundestags 1990 bis 2005,
freie Journalistin, Mitglied der Werteunion

 

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