Der unwiderstehliche Reiz der Freiheit

Mit der folgenden Rede bedankte sich am 10. Juli im Rahmen des Neuen Hambacher Festes 2020 die Publizistin Vera Lengsfeld für eine Auszeichnung für Zivilcourage, die ihr Professor Dr. Max Otte für ihr Lebenswerk verlieh. Lengsfeld war Bürgerrechtlerin in der DDR und wurde 1983 aus der SED ausgeschlossen. Sie gehörte der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an und war von 1990 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages. 

Lieber Herr Otte, liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

zuallererst möchte ich sagen, wie glücklich ich bin, hier sein zu dürfen. Nicht nur der schönen Umgebung wegen. Prof. Otte hat diesen wunderbaren Ort nun schon zum dritten Mal zu einem magischen Freiheitsort gemacht. Danke!

Wir befinden uns im Jahre 2020 nach Chr. Ganz Deutschland ist von den politisch-korrekten Ideologen besetzt… Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Deutschen bevölkertes Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Das Leben ist nicht leicht für die politisch-korrekten Ideologen, die als Besatzung in den befestigten Lagern Weltoffenheit, Toleranz, Inklusivität, Buntheit und Vielfalt liegen… Sie haben noch die Macht, aber sie zittern, denn sie fürchten Widerspruch und Argumente. Sie schießen mit immer größeren Verbalkanonen auf wirklichen oder auch nur vermeintlichen Widerspruch, aber sie treffen nicht, denn die Gedanken sind frei, sie fliegen vorbei und die Legionäre wissen nie, wo sie sich niederlassen und ihre Wirkung entfalten.

Nein, ich habe keine Lust, über die Mächtigkeit unserer Gegner und ihre immer perverser werdenden Methoden zu klagen, denn sie haben sich längst ad absurdum geführt. Sie erinnern mich an die Ritter des 14. Jahrhunderts, deren einzige Innovation es war, ihre Rüstung immer mehr zu verstärken, um sie unverwundbarer zu machen. Das Ergebnis war, dass so ein gepanzerter Ritter, wenn er vom Pferd fiel, unfähig war, wieder aufzustehen. Bei Bodengefechten musste er von einem oder zwei Pagen gestützt werden, denn wenn er hinfiel, kam er ohne fremde Hilfe nicht mehr auf die Beine. Von da an ging es mit dem Rittertum zu Ende.

„Lass Dich nicht verhärten“

Was sagt uns das, in Bezug auf die Kämpfe, die wir in den Zeiten von Corona bestehen müssen? Der Sänger Wolf Biermann hat das in der DDR-Diktatur so formuliert: „Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit, die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen und brechen ab zugleich. Du lass Dich nicht verbittern, in dieser bittren Zeit… lass dich nicht erschrecken, in dieser Schreckenszeit, das wollen sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken, noch vor dem großen Streit“.

Nein, wir wollen die Waffen nicht strecken und uns nicht aus Angst vor dem Virus von unseren Mitmenschen entfremden lassen.

Wenn die Geschichte eins lehrt, dann, dass keine Diktatur ewig währt. Das ist die unsterbliche Botschaft der Friedlichen Revolution von 1989, als eine bis an die Zähne bewaffnete atomare Supermacht und ihre Vasallen praktisch über Nacht verschwanden, weil ihr massenhaft die Legitimation entzogen wurde. Damals wurde eine politische Klasse, die eben noch unbesiegbar schien, ihrer Macht beraubt. Das hat die Herrschenden in den westlichen Demokratien keineswegs erfreut. Die haben richtig geschlussfolgert, dass ihnen ein ähnliches Schicksal blühen könnte.

Deshalb wurde alles getan, die Bedeutung und vor allem die Botschaft der Friedlichen Revolution herunterzuspielen. Das Problem war, dass die Diktaturen des 20. Jahrhunderts ihre Machtmittel: Lager, Gefängnisse und Ermordung ihrer Gegner gründlich delegitimiert hatten. Es musste nach subtileren Unterdrückungsinstrumenten gesucht werden. Da fand sich im Nachlass der Diktaturen manch Brauchbares.

Fortsetzung folgt morgen.

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