Der Schreibteufel

Erst komme ich, dann kommt er. Manchmal nur Sekunden, nachdem ich auf meinem Schreibtischstuhl Platz genommen habe, erscheint er auf der Bildfläche. Spätestens nach ein paar Minuten, in denen ich mich warmschreibe, ist er immer da. Für andre ist er unsichtbar, aber ich, ich sehe ihn genau.

Frech blitzen mich seine pechschwarzen Augen an, er hat den winzigen und unförmigen Körper eines Kobolds und erinnert mich an die müllfressenden Olchis aus den Büchern meiner Kinder. Der hier auf meinem Bildschirm frisst Buchstaben, Wörter, verschluckt ganze Sätze und beißt Ideen tot, noch bevor sie sich in Geschichten verwandeln können. Ich nenne ihn Schreibteufel. Neulich habe ich ihn in einem Anfall von Wut angebrüllt: Sotan!, als Mischung aus Satan und Wotan, die er mir erscheint, aber anders als beim Rumpelstilzchen hat die Namensnennung nicht zu seiner Auslöschung geführt. Er hat sich nur verwundert seine drei roten Teufelshaare, die wie dünne Mohrrüben aus seinem ansonsten kahlen Kopf sprießen, gekratzt und hämisch gegrinst. Nicht ich habe Macht über ihn, er beherrscht mich.

Corinna Reinke - Der Schreibteufel

Klecksbild: Rolf Hannes

Der kleine Mistkerl kann sich in Nullkommanichts zu zimmerfüllender Größe entfalten. Wie eine Kaugummiblase entsteigt er dem Bildschirm, verklebt mir den Kopf, vernebelt mir die Sinne. Die glorreichen Ideen, die ich in frühmorgendlicher Dämmerstunde geboren habe, verwässern wie Regentropfen auf dem See.

Zufrieden mit seiner Attacke schrumpft er auf die Größe eines Flummis, um wie ein Derwisch auf der Kante des Bildschirms herumzuhüpfen. Von dort springt er auf meine rechte Schulter und kreischt mir ins Ohr: Deine Kinder haben Hunger und Langeweile, dein Nachbar hat Fieber, du musst deine Eltern anrufen, das Auto zum TÜV bringen, den Wasserhahn reparieren und das Licht im Flur, du musst zum Zahnarzt, einkaufen, das Laub vor der Tür harken und … Ruhe! brülle ich gegen diese ganze Kakophonie von Pflichten an, sei endlich ruhig, ich will nichts müssen, ich will schreiben!

Er versucht es auch auf die sanfte Art, legt sich lasziv auf die Tastatur unter meinen Händen, knickt die Teufelsborsten nach hinten und säuselt: Wäre es nicht viel schöner, ein Eis mit Sahne an sonnigem Ort zu löffeln, in einen bequemen Kinosessel zu sinken und sich in fernen Landschaften zu verlieren, zu träumen mit dem Herzallerliebsten bei Violinklängen?

Und so geht das mit uns beiden, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Sie glauben mir nicht? Sie meinen, dieser Teufel treibe sein Unwesen allein in meinem Kopf? Na, dann kommen Sie mal vorbei. Sie werden ihn schon kennen lernen. Heute zum Beispiel war er nur gnädig, weil es allein um ihn ging und niemanden sonst.

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