der krampf des organisten

es begann, als die stimme des bischofs sich erhob und in weitere höhen sich vorwagte, das tantum ergo, direkt zu beginn, diese klimax, diese berühmte, schon für knaben schwer ohne kippen und krächzen zu erreichen, und so verstieg sich auch die stimme des erzbischofs in der höhe, zwar geleitet von der orgel, aber wer will schon immer am geländer gehen, trat auf einen losen kiesel, der am berghang lag und verlor bald die balance. folgte in einer kühnen schraube schräg über den rechten flügel den vorauseilenden tönen des orpgelpaniers und schmerzte so den organisten, erst im kopf, im ohr, das kann man nachvollziehen, riss ihm dann gewaltig die augenblicklich verspannte schulter empor und fuhr ihm ins bein, ins rechte, dessen besockter fuß besorgt nach dem hölzernen pedal des tiefen B tastete, wohl spürend, was da jetzt im anzug war, ein kampf, ein krampf, ein krampf.

wie auf das unwiderrufliche geheiß eines erzengels klumpten die muskeln seiner wade, seines oberschenkels augenblicklich, während er mit weit geöffnetem mund und verhärteten anschlägen der tastatur versuchte die balance zu halten in der melodie, dem drohenden bass, auf der orgelbank, begehrte das bein zu strecken, während der schmerz quer durch seinen körper riss, sich stützen musste mit dem linken fuß des gleichgewichtes halber, ausgerechnet auf das fis des basses, und dann das gis, unglück nimm deinen lauf.

Hans Balfer - der krampf

Collage und Zeichnung: Rolf Hannes

jetzt schrien die orgeltöne durch die kathedrale, die dissonanten bässe wummerten nach götterdämmerung, das orgeltier, es fauchte, stöhnte, dröhnte dem organisten durch mark und bein und karriere. der bischof, derweil verstummt, erschrocken, sah mit aufgerissnen augen zu den silbernen pfeifen seines letzten gerichts hinauf, aus denen pfeifend und zischend laute eines geqüälten organismus entwischen. erschrocken hielten sich die orgeltöne selber an den pfeilern fest, denn was ihnen folgte, war nicht die gewohnte harmonie, der wohlklang oder die majestätische gebärde.

als erste verließen die engel das große weihnachtsfenster, sang- und klanglos, ohne halleluja und auf wiedersehen zersprang das alte glas, sprang in splittern auf den kalten boden. maria und josef hatten den überstürzten aufbruch noch gar nicht bemerkt, als einen orgelton hoch oben in der vierung das kalte grausen überkam.

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