Der Fernsehkopf

Die Fensterscheiben im Bus sind angelaufen. Eine Frau malt mit ihrem Zeigefinger ein rundes Gesicht auf die feuchte Scheibe. Ein dickes Kind, in einen roten Anorak hinein geschnürt, sitzt auf ihrem Schoß und betrachtet dieses Gesicht. Das Kind lächelt und die Frau lächelt zurück. Ein Zeitvertreib – gleichzeitig etwas lernen. Punkt Punkt Komma Strich – fertig ist das Mondgesicht. Auf den Kopf der Zeichnung hat die Mutter Striche gemalt, die wie Strahlen aussehen.  Die Mutter fordert das Kind auf, ein Gleiches zu tun. Neben das runde Gesicht soll das Kind auch ein rundes Gesicht malen. Das Kind streckt sich und seinen Finger gegen die Scheibe. Es beginnt zu malen. Dabei knistert der rote Anorak. Das Kind zeichnet einen Kasten, von dem eine Blume weg ragt. Die Mutter schüttelt zart den Kopf. Sie zeichnet wiederum ein rundes Gesicht neben den Kasten. Es ist das gleiche Gesicht: Punkt Punkt Komma Strich – fertig ist das Mondgesicht. Die Strahlen weisen noch weiter vom Kopf weg. Das Kind streckt sich, reckt seinen Finger. Wieder knistert der Anorak. Die Mutter nickt. Das Kind malt erneut einen rechteckigen Kasten, ohne Augen, ohne Mund und ohne Nase, nur mit einer Blume. Die Mutter blickt um sich. Sie wischt mit der Hand die Zeichnungen weg, haucht an die Scheibe und malt noch einmal: Punkt Punkt Komma Strich – fertig ist das Mondgesicht. Der Anorak knistert und das Kind malt wieder einen Fernsehkopf mit Blume als Haar.

Zeichnung: Rolf Hannes

Einst war die Welt eine Scheibe. Jetzt ist die Welt ein Quadrat: ein Kosmos mit vier Ecken und einer Fernbedienung. Eines Tages wird es uns auch selbstverständlich erscheinen, die Welt an- oder auszuschalten.

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