Der deutsche Untertan, vom Denken entwöhnt Folge 2

REITSCHUSTER: Was meinen Sie mit neuen ersatzreligiösen Ismen?

KRAUS: Der Mensch braucht Religion, Rückbindung, Sinnvermittlung über das Diesseitige hinaus. Da die christlichen Kirchen das offenbar immer weniger leisten (wollen), sucht sich der Mensch neue Religionen: Ersatzreligionen, diesseitige Zivilreligionen. Die entsprechenden „Sinn“-Vermittler stehen bereit. Sie diktieren den Menschen, vor allem den Menschen im Westen der Welt, besonders aber in Deutschland, womit sie sich zu identifizieren haben – mit jeder Menge an hochideologischen Ismen, also autoritären Denkmustern: mit Antifaschismus, Antirassismus, Multikulturalismus, Egalitarismus, Humanitarismus, Universalismus, Kosmopolitismus, Pazifismus, Genderismus. Das sind die neuen vermeintlichen Heilslehren.

REITSCHUSTER: In meinem Blog haben Sie vom deutschen Autorassismus geschrieben. Jetzt im Buch wieder, warum?

KRAUS: Der Begriff Autorassismus ist eine Anspielung auf den gängigen Begriff Autoaggression. Letzterer besagt, dass sich manche Menschen in extremer Form bis hin zum Suizid selbst Gewalt antun, in harmloserer Form sich selbst nicht ausstehen können. Auf die Deutschen bezogen heißt das: Sie dürfen und mögen sich nicht mögen, sie sollen ständig auf Sündenstolz machen, sie sollen sich selbst hassen und von der Erde verschwinden wollen. „Grüne“ Politiker und Publizisten marschieren voran, indem sie Vaterlandsliebe „zum Kotzen“ finden (Robert Habeck) oder hinter Transparenten hinterhertrotteln mit den Aufschriften „Deutschland verrecke“ usw.

REITSCHUSTER: Sie prägen das Wort Islamophilismus: Was meinen Sie damit?

KRAUS: Die Deutschen haben seit Jahrhunderten ein seltsames Verhältnis zum Islam. Lessing setzte den Islam mit dem Christentum und dem Judentum gleich. Hitler mochte die „Mohammedaner“ als Verbündete gegen die Juden. Die 68er mochten die Palästinenser wegen deren Hass auf Israel. Heute machen alle inkl. christliche Kirchen auf „Dialog“. Krampfhaft versucht man, Islam und Islamismus zu unterscheiden. Islam sei ja Frieden, Islamismus eine terroristische Entartung. Aber: Im Arabischen gibt es keine Unterscheidung von Islam und Islamismus. Anders ausgedrückt: Islamismus ist die Reinform von Islam. Alles, was die Scharia an menschen- und frauenverachtenden Praktiken mit sich bringt, wird ignoriert: Ehrenmorde, Kinderehen, Mehrfachehen, Genitalbeschneidungen usw. Aber der Deutsche hat das „kultursensibel“ als Bereicherung zu sehen, ja gar zu mögen. Deshalb der Wortbestandteil „Islamo-Philismus“.

REITSCHUSTER: Sie sprechen vom „volkspädagogischen Nanny-Staat“. Was konkret meinen Sie damit, wie funktioniert er?

KRAUS: Vor allem unter Linken gedeiht ein neuer autoritärer Charakter prächtig. Er empört sich über schlecht getrennten Müll und SUV-Fahrer. Man giert geradezu nach Verboten: Was man essen und trinken soll, dass man nicht rauchen soll, dass man keine Kreuzfahrt machen soll. „Verbietet uns was!“ steht auf Schildern von sog. Klimaaktivisten. Ein gefühliges neues Gouvernantentum ist entstanden. Zugedeckt werden all diese Verlogenheiten mithilfe politisch korrekter Semantik: „No to racism!“ „Refugees Welcome!” ”Black Lives Matter” (BLM)! Tragt Regenbogenmasken! Für Diversität! Multikulturalität! Wer anders tickt, bekommt von den vielen Nannys eine heftige Ermahnung oder gar eine Denunziation verpasst. Mittlerweile gilt schon als Nazi, wer gegen den Gender-Irrsinn argumentiert. Es reicht, kritische Worte über Merkels Grenzöffnung zu äußern. Oft genügt der Vorwurf der „Kontaktschuld“, wenn man auf Facebook oder Youtube oder Twitter ein politisch inkorrektes LIKE gibt. Will sagen: Im Namen der sogenannten Zivilgesellschaft werden die Toleranz-Gouvernanten immer intoleranter und immer reaktionärer.

REITSCHUSTER: Wie steht es mit der Gewaltenteilung? Und der 4. Gewalt, also den Medien?

KRAUS: Die Gewaltenteilung sehe ich fast nur noch auf dem Papier existieren. Die Exekutive, vor allem das Kanzleramt oder eine bayerische Staatskanzlei, bestimmt, was die Parlamentsmehrheit, also die Legislative abzunicken hat. Der Bundesrat als Vertretung der Länder und Hüter des Föderalismus hat sich oft genug gleichgeschaltet. Das Bundesverfassungsgericht ist zur Beute der herkömmlichen Parteien und damit zu einem regierungstreuen Akklamationsgericht geworden – entsprechend personalpolitisch besetzt. Man nehme allein die jüngste Rechtsprechung in Sachen Klima, Rundfunkgebühren und EU-Transferunion. Und die so genannte vierte Gewalt ist ein Totalausfall. Kritik an der Regierung? Fehlanzeige! Hofberichterstattungen und Merkel-Audienzen in den Talkshows sind angesagt.

REITSCHUSTER: Ist Merkel allein schuld an neuen Autoritarismen?

KRAUS: Dass sich Merkel als CDU-Vorsitzende und als Bundeskanzlerin immer und immer wieder autoritär durchsetzen konnte, hat zum einen mit ihrer Wendehalsigkeit zu tun. Man nehme allein die Themen Atomkraft, Zuwanderung oder EU-Schuldenunion. Wer in ihrem Umkreis anders dachte und redete, war schnell plattgemacht. Zum zweiten ist Merkel ein Medienprodukt. Die arrivierten Medien, ich nenne sie Apportiermedien, bauten einen Cordon Sanitaire um sie auf, und Merkel tat, was bei den überwiegend rot-grün gestrickten Medien gut ankam. Dadurch konnte Merkel ihr „Links schwenkt, Marsch!“ bis zuletzt durchsetzen. Und alles wird ihr nachgesehen: ihr aktiv schweigendes Desinteresse an den Mord- und Schandtaten muslimischer Täter an Frauen; ihr Kinobesuch, während deutsche Soldaten in Kabul unter Einsatz ihres Lebens deutsche Staatsbürger retten, und immer wieder ihre Herrschaft des Unrechts. Ihre Partei, die CDU, wird sich davon lange nicht erholen. Die CSU, die sich ihr mit Söder unterworfen hat, auch nicht.

REITSCHUSTER: Gibt es noch Mittel dagegen? Wie retten wir die Demokratie?

KRAUS: Es wird sehr, sehr schwer. Denn was sich hier breitgemacht hat, hat sich in den Köpfen von mindestens zwei bis drei Generationen festgesetzt. Wahrscheinlich geht es uns einfach noch zu gut. Es wird ein Bohren dicker Bretter werden: Für mehr Freiheit und Eigenverantwortung! Für Rationalität statt Beliebigkeit und Hypertoleranz! Wir brauchen gebildete Eliten und mutige, konservative Intellektuelle! Wir brauchen aufklärerische, solide Bildung, denn nur ein dummes Volk regiert sich leicht. Und wahrscheinlich brauchen wir neben den mehr und mehr zu Blockparteien verschmelzenden Alt-Parteien (die Grünen gehören längst dazu) neue, erfolgreiche Parteigründungen.

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