Der Bucentaur


© Rolf Hannes

Der Bucentaur (venezianisch: il Bucintoro), war eines der prunkvollsten und kostbarsten Schiffe des 18. Jahrhunderts und die Staatsgaleasse des Dogen von Venedig. Er ließ sich jedes Jahr am Himmelsfahrtstag aufs freie Wasser der Adria fahren, gefolgt von hunderten Schiffen der venezianischen Kaufleute, Priester, Künstler, Handwerker. Der Senat, die Adligen der Stadt, der Kardinal, Botschafter, einige wenige ausgewählte Maler und Musiker waren die unmitelbaren Gäste auf dem Schiff des Dogen. Auf offener See wurde Venedigs spirituelle Vermählung mit dem Meer, dem die Stadt alles verdankte, erneuert indem der Doge einen kostbaren Ring ins Wasser warf. Ein rauschhaftes Fest bis tief in die Nacht hinein endete in einem Feuerwerk, das weithin sichtbar war bis zur dalmatinischen Küste.

Napoleon, dieser dickliche kleinwüchsige Emporkömmling, der 1797 der Republik ein Ende setzte, wollte ein Zeichen seiner Macht. Seine Soldaten aber, die ins Arsenal eindrangen, wurden nur von bloßer Gier geleitet. (Sie müssen die geistigen Vorläufer heutiger Anpreiser und Verwalter von Hedgefonds gewesen sein.) Sie wollten sich des Blattgolds versichern, das große Teile der Aufbauten des Bucentaur überzog. So zerschlugen sie diese unersetzliche Schönheit sinnlos in viele Stücke und schleppten die Trümmer auf die Insel San Gorgio Maggiore, um sie dort anzuzünden. 168 Ruderer, die übrige Schiffsmannschaft, die unter ihrem letzten Dogen ein zurückgezogenes, fast privilegiertes Leben geführt hatten (alles, was das Arsenal betraf, stand unter strengster Geheimhaltung), kurzum, alle gedemütigten Venezianer erlebten so das Ende ihres stolzen Schiffs. Drei Tage und Nächte loderte ein Scheiterhaufen wie eine Fackel zur neuen Zeit, die dann doch nicht kam.

Den Bürgern Venedigs, die dieses Weltenfeuer sahen, fuhr es so in die Glieder, weder die bösen noch die guten rührten sich. Es kam zu keinerlei Ausschreitungen, nicht gegen den Dogen, nicht gegen die Senatoren, nicht gegen die Eroberer.

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