Der Bioladen

Das spezielle Lebensmittelgeschäft für die etwas besseren Bioökokonsumierer lag zentral und mit der Straßenbahn gut erreichbar in der Innenstadt. Trotz der geringen Rente und der eingeschränkten Möglichkeit für sie in dieser Bioapotheke einkaufen zu können, ging sie einmal in der Woche dorthin, um irgendetwas zu erstehen. Danach fühlte sie sich besser, weil sie etwas gekauft hatte, was sie sich so teuer eigentlich nicht leisten konnte.

Inzwischen kannte sie das Geschäft schon ganz gut. An der Brottheke, die von einer langen Reihe von Lichtstrahlern beleuchtet wurde, und die um die Mittagszeit noch fast vollständig mit Brotwaren aus Vollkorn bis Dinkel und garantiert nur Bio ausgelegt war, ging sie langsam vorbei und dirigierte ihren Rollator zwischen der Brottheke und der rechtsseitigen Einkaufswagenschlange durch, bis sie die anschließende Käsetheke erreichte. Es duftete nach den verschiedensten Ziegen-, Schafs- und Rohmilchkäsesorten. Sie wusste, dass sie sich heute kein Käsestück würde kaufen können. Aber anschauen wollte sie sich die schönen, mit Kunstlicht beschienenen Käselaibe doch. Sie blieb stehen und studierte die Preise der Hartkäse aus Italien und der Schweiz, da die Bedienung noch lange mit den Kunden an der Brottheke beschäftigt war.

Rechts neben der Käsetheke stand ein runder Bistrotisch aus Holz und ein Schild forderte den Kunden auf, den neuen Rooibostee aus Afrika zu probieren. Aber das tat sie doch lieber nicht, zum einen, weil ihr Magen diesen Tee nicht verträgt, sie zu einem ständigen Aufstoßen zwingt, und das Drücken im Magen ihr ein allgemeines Unwohlsein verursacht, zum anderen könnte die Verkäuferin in der Zwischenzeit bis zu ihr vordringen und sie fragen, ob man ihr einen Rooibostee mitgeben darf. Das wollte sie vermeiden.

Sie machte eine neunzig Graddrehung mit ihrem Rollator und blieb unschlüssig stehen bis sie rechts neben sich auf hölzernen, glatten Lattenregalen die neuesten Angebote von Weihnachtsgebäck wie Dinkelvanillekipferl oder Vollkornspringerle als auch die unterschiedlichsten Sorten von Winterschokoladen entdeckte. Aber Weihnachtsgebäck wollte sie sich selbst backen, also brauchte sie sich keine Gedanken zu machen, welche der vielen Gebäcksorten auszuwählen wären.

Sie erinnerte sich, dass sie neben dem Bistrotisch mit dem Rooibostee ein großes naturbelassenes Weinfass stehen sah, auf dem viele Flaschen mit bunten Etiketten standen. Sie schwenkte den Rollator nochmals um 180 Grad und ging ein paar Schritte zurück auf das Weinfass zu. Tatsächlich standen dort Weinflaschen mit der Beschriftung „Vin Primeur 2014“. Da sie grundsätzlich die Haltung vertrat, dass man sich ab und zu etwas gönnen sollte, streckte sie ihren rechten Arm in Richtung der Weinflaschen aus, ergriff eine davon am schlanken Flaschenhals und hob sie mit leichtem Abwärtsschwung hinunter in das schmale Körbchen ihres Rollators, wo sie sicher, aber mit einem verräterischen Klirr landete. Nichts war bei dieser Aktion zerbrochen, was sie mit Befriedigung feststellte. Dann schritt sie ihre Runde durch den Bioladen bis zur Kasse ab.

Sie stellte sich ans Ende der Kundenschlange braver Bürger, die bereit waren ihre ausgesuchten, teuren Waren zu bezahlen. Einige Minuten stand sie wartend in der Schlange, genug wertvolle Zeit, um über Sinn und Zweck eines Vin Primeur nachzudenken. Ein leichtes Zittern des linken Augenlids drängte sie zu einem Entschluss. Sie stellte die Weinflasche mit einem Seufzer in einem nahezu ausgeräumten Regal in ihrer Nähe ab und lief an der zweiten unbesetzten Kasse vorbei in Richtung Ausgang. Erleichtert verließ sie den Bioladen. Das gesparte Geld konnte sie für etwas Besseres ausgeben. Ihre grauen, vom Star getrübten Augen, suchend auf die nächste Herausforderung gerichtet, glänzten vor Vorfreude.

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