Das Therapeutenspiel

Das Therapeutenspiel

© Rolf Hannes

Er kam aus Berlin, war für einige Tage mein Gast. In Weißsteinbach hatte er vorher Station gemacht, dann mußte er weiter nach Winterthur und Genf. Er besucht einige Freunde, doch meistens sind es Gurus, die er aufsucht von Ort zu Ort. Wir kennen uns schon lange, und wenn er bei mir einkehrt, erfahre ich immer das Neueste vom Gurumarkt. Meine Abneigung gegen allzu abgefeimte und wohlsituierte Meister können ihn nicht abhalten, mich, was seine bescheidenere Kunst angeht, für therpiebedürftig zu halten. Und so versuchte er es bei mir neulich mit TAROT. Es war kaum zu übersehn wie mein Freund auflebte, als er mir den Spiegel vorhalten konnte.

Sobald das Spiel abgesteckt ist, wer Therapeut, wer Klient (Partient) zu sein hat, wird der Klient immer nachdenklicher, verunsicherter, der Therapeut hingegen immer kecker, gesünder, weisheitsvoller. Therapeuten leben förmlich auf in ihrer Arbeit. Allein die Rollenverteilung sorgt schon für diese Gestalt. Ich mag meinen Freund sehr gern, ich seh ihm den ganzen Hokuspokus, den er so ernsthaft betreibt, gern nach. Und es ist ja nicht nur Hokuspokus, das weiß ich ebenso gut wie er. Was weiß ich noch? Das: Wenn ich durchsetzungsfähig sein wollte, um mich zum Guru aufzuschwingen und ihm die Patientenrolle zuwiese, dann käm er genau so ins Schleudern wie ich. Wir sprechen das nicht an, er glaubte es mir nicht. Und weil ihm immer zuerst einfällt, wer von uns beiden der Therapeut und wer der Klient zu sein hat, zieh ich immer den kürzeren.

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