Das Paradies in der Küche

Selbst wenn ich meine Augen schließe, sehe ich ihn noch vor mir. Einen Korb, geflochten aus Weidenästen verschiedener Brauntöne. Wie er, ganz alltäglich eben, in der Küche meiner Großmutter stand, neben einem Strauß Wildblumen, deren Namen ich niemals gekannt habe, obwohl ich sie so oft um ihre wilden, springenden Farben beneidet und noch öfter an ihnen gerochen habe, nur um die Natur in meiner Nase zu spüren. Der Korb war randvoll gefüllt mit Äpfeln, Jonagold und Idared und Sorten, die ich noch nie gekostet hatte. Für mich waren Äpfel stets der Inbegriff des perfekten Fruchtkorbs gewesen, wie Großmutter das Gefäß aus Weidenholz beschrieb, gefüllt mit den prallen Schönheiten des Herbstes. Ich weiß noch, einmal warf ich den Korb um, als ich heftig weinend nach einem Streit mit meinem größeren Bruder in die Küche lief. Nachdem Großmutter mich verarztet und unseren Streit durch liebe Worte auseinandergefitzt hatte wie die Wollknäuel, die sie immer abends vor dem Stricken auseinanderlöste, sammelten wir das kostbare Obst auf. Diese Früchte des Lebens, sagte sie, sind mehr als nur ein Korb, woraus bald Marmelade entsteht. Du kannst das Leben an ihnen ablesen, in seinen Bahnen und Formen.

Ich dachte nicht weiter über ihre Worte nach, so wie das wohl alle Enkel mit einer gütigen Großmutter machen, die gerne mal öfters weise Worte sagt. Der Gedanke an die Apfelmarmelade, angehaucht mit einem säuerlichen Geschmack dank des frischgepressten Zitronensafts, zusammen mit dem süßen Brot, das es immer an den Wochenenden auf dem Land gab, ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Wanda Walisch - Das Paradies in der Küche

Zeichnung: Rolf Hannes

Das Leben formt die Äpfel und wir formen das Leben mit unseren Entscheidungen, egal wie diese ausfallen. Die Apfelblüte erblüht und wir erfreuen uns ihrer Schönheit, aber diese Erinnerung wird auch verwelken, wenn wir in den Genuss der prächtigen Äpfel kommen. Du siehst, he, hör mir zu, alles kommt und geht, aber…

Du, Oma, darf ich einen Apfel essen? fiel ich ihr ins Wort. Sie schaute erst etwas streng, gab mir dann jedoch einen mit roten Backen. Pass auf die Kerne auf. Wenn du möchtest, können wir versuchen, deinen eigenen kleinen Apfelbaum großzuziehen. Sie hatte recht, mit dem, was sie mir erzählte, wenn ich es auch später erst begriff.

Ihr seht, mache Äpfel fallen vom Baum und schlagen hart auf, bekommen Beulen und ertragen es, wenn wir ihre schlechten Stellen herausschneiden, damit sie unserm Anspruch genügen. Ihr seht, alles kommt und geht, aber am Ende kommt es auf die Einstellung an, wie wir das Leben sehen, die Apfelbäume, die Welt, alles ist unserer Einstellung überlassen. Das Leben ist wirklich wie ein Fruchtkorb, und es schmeckt uns.

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