Begegnungen

Niemand weiß, wo ich bin. Vielleicht werde ich auf ewig verschollen sein, von heute auf morgen einfach weg, verschwunden in den Weiten der Fremde, die nie fremd für mich war. Keiner hat eine Ahnung, wer ich bin. Nicht minder wenig weiß ich über sie, die mich umströmen, berühren im Vorübereilen, anblicken, wegschauen. Was uns trennt, ist weniger als das, was uns verbindet und so komme ich an, spüre, dass ich weit genug gegangen bin.

Komm herein, sagst du und öffnest mir selbstverständlich Tür und Heim, lässt mich nicht in dem Regen stehen der so plötzlich gekommen ist um alles zu ertränken. Ich entledige mich meiner Schuhe, beuge mich vor dir und der niederen Schwelle deines Hauses, trete barfuß in dein Leben. Meine Vergangenheit und deine Gegenwart sind Schwestern und was meine Erinnerungen suchen, kann ich hier finden. Der festgestampfte Boden birgt das Feuer, kreisrund, in der Mitte seiner Kargheit glüht der Raum. Alles hat seinen Platz, alles findet Beachtung in der Alltäglichkeit deines Seins, ist vertraut, Tag für Tag, ein Leben lang.

Fühl dich wohl, sagst du, und wieder verstehe ich nicht was du sprichst, weiß aber, was du meinst, und die Worte lösen sich auf in dem Lächeln, das wir uns gegenseitig schenken. Überall auf der Erde gibt es sie. Menschen, die meine Seele wiedererkennt, Landschaften, die an meine Wurzeln rühren. Männer, Frauen, Kinder, die mich Demut gelehrt haben, damit ich die Wunder sehe, die mir helfen, aus dem Hineingeborenen hinauszutreten. Immer wieder komme ich in einem Zuhause an. Immer mehr, die ganze Welt ist Heimat.


Bild: Rolf Hannes

Und dann sitze ich mit überkreuzten Beinen, lasse meinen Blick über dein Gesicht schweifen und du gewährst mir voll Freundlichkeit diese Reise meiner Augen.

Ohne Scheu taxieren wir uns, nehmen das Außen und das Innen wahr, unmittelbar, unmissverständlich. Draußen fließt der Regen, wäscht alles rein. Hier drinnen steht die Zeit still und ich koste aus, lasse mich von deiner Sanftmut und Ruhe heilen. Du hast zu spielen begonnen, erzählst mir mit einer Flöte vom Gestern und Morgen und vom Schmerz des Menschseins. Ich summe mit, lasse irgendwann meine Stimme frei, singe von Glück und Leid und unsere Musik klingt in den Mythen der Vorfahren wider. Dazwischen, immer wieder, dieses Lächeln.

In der Tasche meiner Jacke begleitet mich eine Kastanie. Glatt poliert, matt glänzendes Rotbraun, wunderschön wie deine Augen. Wo ich herkomme, ist gerade Herbst. –

Ich lege meinen Talisman neben die Flöte, falte die Hände vor der Brust, verneige mich leicht und trete in die Hitze der tropischen Sonne hinaus. So schnell, wie der Regen gekommen ist, ist er wieder gegangen, doch die Erde schickt nun dampfende Schwaden ins satte Blau und wird den Himmel bald erneut trunken machen, bereit für eine neue Vereinigung.

Und ich wandre weiter, leichten Schritts, mein Herz ist wieder ein Stück größer geworden, weil ich einen Teil davon bei dir zurückgelassen habe.

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