An und für sich

Der Regen kommt quer und ein heftiger Wind treibt über den Domplatz. Am Römisch–germanischen Museum stellen sich Punks und Polizisten gemeinsam unter. Sieht nach einer Demo aus, die nassen Fahnen hängen traurig herum. Umgedrehte Schirme wirbeln umher.

Im Museum Ludwig ist es schön warm. Die bläuliche Beleuchtung in der Toilette stimmt mich schon ein und bald stehen wir vor den ersten Bleistiftzeichnungen. Natürlich kann ich mir wieder mal keinen Namen merken. Obwohl er sie alle unter die Bilder geschrieben hat. Und zusätzlich durchnummeriert. Scheint ein ordentlicher Mensch gewesen zu sein.

Oft sind es Zyklen, kleine Zeichnungen, mit Buntstift koloriert. Erst nörgeln die Kinder, das hätten sie auch malen können. Später werden sie zugeben, das ein oder andere Bild sei ganz schön gewesen. Von dem mosaikähnlichen sprechen sie, von dem, in dessen rötlichen Kästchen sich spitze Kirchendächer einreihen. Oder der noch tastende Engel, ein ganz helles Aquarell, schön luftig, wie Engel eben.

Irgendwann gleite ich ab, bin plötzlich zwischen anderen Bildern angelangt. Picassos, sicher zehn Werke, wenn man die Skulpturen mitzählt. Doch das sind nicht meine liebsten. Die hängen viele Schritte weiter, hinter den Surrealisten, den russischen Künstlern und den Figuren von Hans Arp. Meine Bilder sind blau, monochrom blau, um genau zu sein. Zwei sind es hier und sie weben den Faden des blauen Lichts weiter, den die Toilettenbeleuchtung zu spinnen anfing. In eines der Kunstwerke sind Schwämme und Kiesel eingearbeitet. Was hat sich Yves Klein dabei gedacht? Die Frage ist einfacher zu beantworten als die, was das Objekt eines mir unbekannten Künstlers aus Schokokeksen und Sauermilch soll. Ich sehe genau hin, doch Maden oder sonstige Zersetzung kann ich nicht erkennen.

Gesa-Frerichs-Matrisch

Bild: Marianne Mairhofer-Dornauer

Manchmal wird mir bei Kunst schlecht. Im Keller ist es soweit. In der Ansammlung widerlicher Nichtigkeiten, marodem Kinderspielzeug und angegammeltem Knäckebrot hinter Vitrinen, die in einem vermufften Häuschen dämmern, endet mein Verständnis für Kunst. Immerhin werfe ich einen Blick auf eine freizügige Videoinstallation und wünsche, die Kinder hätten es nicht gesehen. Sie haben, wie ich später erfahre.

Klee hatte Skoliose und seine schönen Bilder waren unter den Nazis entartet. Ich mag seine Kunst, seine zierlichen Linien auf Pergament, seine dunklen Farben, die sich abwechseln mit hellen Pinselstrichen, seine Aquarelle, die so leicht wirken, als könnten sie vom Papier gehaucht werden. Mit einem schwachen Atemzug.

Nachdem wir Postkarten gekauft haben, regnet es immer noch. Köln kann heute nur mit der U-Bahn erobert werden. Kurz noch in einige Läden. Dann zum Bahnhof. Die Punks sind mittlerweile eingekesselt und müssen in Flaschen pinkeln.

Der Zug steht schon am Bahnsteig und saugt uns auf. Ratternd verlassen wir die Stadt und gleiten wieder in die Ländlichkeit zurück aus der wir am Morgen anreisten. Die Bilder und Objekte wirken noch. In meinem Kopf und in den Gesprächen der Kinder. Es ist nicht nur die Kunst an und für sich, die in mir nachklingt. Auch das Museum in seiner Gänze, bei der blauen Toilettenbeleuchtung angefangen, gibt sie der Kunst einen würdigen Rahmen. Damit man sie ansehen kann, auch wenn einem bei manchen Objekten ein wenig schlecht wird.

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