Alastair

Alastair in seinen jüngeren Jahren in Schloß Schleißheim

Einer der exotischsten Menschen, denen ich begegnet bin, war zweifellos Alastair. Peter Berling hatte einen Film gedreht mit diesem seltsamen Menschen. Er brachte Alastair an einige der Orte, wo er einmal gelebt hatte, etwa in das Schlößchen Lustheim, eines der Gebäude der Schloßanlage Schleißheim.

Alastair lag auf einem Hotelbett, in einem weiten seidenen Kleid in Weiß mit schwarzen Punkten und grauen Schraffuren darauf, eher ein Hosenanzug, bauschig und weitärmelig. Ich dachte: Dieses Wesen ist nicht hergegangen, es ist geflogen und hat sich hier niedergelassen, erst herumgeflattert, sich stoßend an der Begrenzung des Zimmers, an Lampe und Vorhangstange. Nun muß es wieder zu Kräften kommen.

Aus welcher Zeit kam dieser Vogel dahergeschwirrt? Er hatte im moulin rouge jene sagenhafte Yvette Guilbert tanzen gesehn (Toulouse-Lautrec hat sie auf seinen Plakaten lithografiert) und hatte als junger Mann vor der Jahrhundertwende auf einer Londoner Bühne selbst zu tanzen begonnen, unter dem Gejohle des Publikums.

Er hatte kostbare bibliophile Bücher illustriert: E.T.A. Hoffmann, Gustav Meyrink, Prosper Mérimée, Edgar Allen Poe. Alastair mochte es nicht, mit Beardsley verglichen zu werden. Er sagte: Ich bin viel exzentrischer, viel schwindsüchtiger als Beardsley.

Man munkelte, er sei das illegitime Kind des englischen Königs mit einer spanischen Tänzerin. Er sei dann einem Baron Voigt untergeschoben worden.* Es hieß, vom englischen Königshaus erhalte er eine lebenslange apanage.

Sein Markenzeichen war ALASTAIR, der gefallene Stern. Unter Freunden nannte er sich Hanaël. Eine Zeichnung, die ich besitze, hat er so signiert. Sie entstand im Flugzeug bei den Dreharbeiten von Berlings Film. Wenn er jedoch von sich sprach, nannte er sich die großen Katzen: der Plural ist bescheidener, ich könnte niemals sagen die Große Katze.

Die großen Katzen haben schlecht geschlafen, sie grämen sich über die Torheiten in der chinesischen Botschaft.

Er las regelmäßig mehrere Tageszeitungen, englische, französische, spanische. In der Folgezeit, nachdem er sich durch Berlings Film wieder München angenähert hatte, wohnte er monatelang in der Pension am Biederstein. Dies Haus schien für Alastair gemacht. Es stand in einem verwilderten Garten, geduckt zwischen Sträuchern und Spalierbäumen, im Besitz und unter der Führung der Gräfin Harrach.. Wenn ich das Grundstück betrat, war´s mir, wie wenn ich aus der Welt geriete, exterritorial  Es konnte kein altes Haus sein, aber alles an ihm benahm sich uralt. Türen, Treppen, Dielen, alles hatte seine eignen Geräusche und Gerüche. Empfangen wurde ich von einem derdienstbaren Mädchen mit artigstem Benehmen. Alastair erzählte, sie kämen aus England, hätten den Schliff und die Anmut der Damen am früheren englischen Hof.

Dann stand ich vor Alastairs Zimmertür, und da sie ledergepolstert war, kratzte ich sanft mit den Fingernägeln daran, bis eine Stimme von innen rief: Die großen Katzen lassen bitten.

Alastair lag in einem Bett, die Decke aufgeschlagen, hatte eins seiner kostbaren, selbstentworfenen Kleider an, um den Hals eine plissierte Krause, die Füße steckten in Ballettschuhen mit pompons verziert.

Tageslicht war A. verhaßt. Ich hab ihn nie angetroffen bei einem Schimmer von Tageslicht. Das wurde ausgesperrt wie der ärgste Feind. Spärliches elektrisches Licht und einige Kerzen erhellten den Raum wie in einer ausgeklügelten Inszenierung. Seine Haut vertrüge kein Sonnenlicht, behauptete er. Im übrigen mache es die Menschen häßlich. Er erinnere sich einer Matinée in Paris, die Menschen seien alle so gräßlich entstellt gewesen, selbst Isidora Duncan, sonst eine bezaubernde Schönheit, hätte ausgesehn wie eine übernächtigte Maus. Dann erzählte er von ihrem tragischen Tod. In einem offenen Wagen sitzend, bei einem ihrer unzähligen dandies, habe sich ihr shawl (sic!) in einem Reifen verfangen und sie erdrosselt. Das war ein Tod nach seinem Geschmack.

Er hatte alle Tänzerinnen und Tänzer der Welt gekannt, ihre abseitigen Karrieren und Kabalen. Er hielt sich selbst für einen der größten. Zeichnen sei nur ein netter Zeitvertreib, um die Fantasie zu beflügeln.

* Wer Näheres und noch Verrückteres erfahren will, erkundige sich bei Wikipedia unter Alastair und Baron Voigt. Fortsetzung folgt.

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