Alastair Folge 2

Alastair während seiner Londoner Jahre

Alastairs Gesicht war sorgfältig geschminkt, eine meißner Figurine aus dem Rokoko: über weißem Puder waren die Wangen fein gerötet, so auch die Lippen, und feine Bögen in Schwarz wölbten sich über den Augen. Nichts Aufdringliches oder gar Vulgäres hatten diese Verschönerungskünste. Seine Stimme war klar und bestimmt. Und unsre Gespräche erinnere ich als völlig unsentimental. Er hatte einen Hang zu sarkastischem Witz und pointierten Scherzen. Von K. H., der in seinem jugendlichen Eifer glaubte, ihm etwas Besonderes schuldig zu sein, sagte er, und es klang weder boshaft noch gekünstelt: Beugt er sich über mich und küßt mich. Was glaubt denn dieser süße kleine Strolch? Kommt und will mich abschlecken. Wir konnten herzlich lachen.

Einen Sommer lang hielt sich Alastair in Bad Nauheim auf. Er beklagte sich, er wäre verloren in diesem Kaff, niemand besuche ihn usw. Ich meldete mich an und schrieb, ich brächte jemanden mit, einen jungen Fotografen, Wenn er jung und schön und manierlich ist, bring ihn mit, schrieb A.

Wir fuhren hin. Der junge Fotograf war Peter Thomas, er war Berufsfotograf, hatte Sielmann bei seinen ersten Tierfilmen assistiert und ist später von München weg nach Kanada gegangen, um Hausfotograf eines reichen Kanadiers zu werden, der soviel Land besaß, daß er mit seinem Flugzeug darüber hin- und herflog.

Ich hatte P. Th. eine tolle Story versprochen. Einen seltsameren Menschen hast du dein Lebtag nicht gsehn. Das wird ein verrücktes Buch werden, du wirst sehn. Uns schwebte vor, ein Buch zu machen, mit Alastairs Zeichnungen, Briefen, Fotos, Texten. Wir fuhren also nach Bad Nauheim. Schwierigkeiten von Seiten A.s befürchtete ich nicht, immerhin hatte ich mich mit einem Fotografen angemeldet. A. bewohnte die Fürstensuite (so nannte er sie spöttisch) eines kleinen Hotels, die übliche Szene. Schwere damastene Vorhänge ließen nicht eine Spur Tageslicht ins Zimmer, obwohl die Fenster sperrangelweit geöffnet waren. Aus einiger Entfernung schwappten Musikfetzen durch die sich bauschenden Vorhänge. Es waren die Klänge des Kurorchesters. O wartet nur, gleich kommt die schöne blaue Donau, ich kenne das Repertoire auswendig, sagte A.

Von P. Th. nahm er kaum Notiz. Der saß da wie gelähmt, unfähig auch nur eine Kamera in die Hand zu nehmen, geschweige zu fotografieren. Unter einem Vorwand trafen wir uns außerhalb A.s Zimmer und besprachen, was zu tun sei. Ich sagte: Peter, nimm einen deiner Apparate und leg los. Du kriegst nie mehr eine solche Gelegenheit. Und Peter entgegnete: Ich weiß nicht, was es ist. Ich kann nicht. Ich fühle mich außerstande zu fotografieren. Ich bin wie paralysiert. Ich verstehe auch nichts von eurer Unterhaltung. Er schaut mich nicht mal an, wie wenn ich Luft wäre.

Gut, sagte ich, für dich ist das alles neu, ich kenne ihn schon eine Weile und bin weniger befangen. Es ist doch bestens, wenn er dich kaum beachtet. Hol deine Kameras heraus und fang einfach an. Wir hatten nichts Gewagteres vor, als ein Buch zu kreieren mit allem möglichen und Peters Fotos würden sich gut darin machen. Alastairs Einwilligung war ich gewiß.

Wieder im Raum begann die Qual von neuem. Peter saß wie hypnotisiert auf seinem Stuhl, ohne Regung, ohne sich am Gespräch zu beteiligen. Er saß da und wußte nicht wie ihm geschah. Und ich litt mit. Nur A. schien das alles nicht zu berühren. Nahm er an, Peter sei mein wortloser stummer Diener? Sah er über meinen faux pas hinweg, ihn nicht vor der Tür gelassen zu haben? Solche Gedanken kamen mir später auf dem Heimweg. Wir fuhren lange Stunden von Nauheim nach München zurück. Wir waren beide von unserm Mißerfolg so verstört, stundenlang lastete Schweigen zwischen uns, dunkles, brütendes Schweigen. Wir fuhren durch die Nacht, schweigend, erschöpft. Mir war, wie wenn sich diese grausame höfliche Nichtbeachtung, die Alastair Peter gegenüber bewiesen hatte, sich auf mich übertragen hätte.

Peter Thomas, dieser muntere erfolgversprechende Fotograf war an diesem Nachmittag in einem Hotelzimmer in Bad Nauheim zu einem Nichts geschrumpft. Später erwähnte ich Peter Thomas, und wie sehr ich es bedauere, daß damals keine Fotos entstanden seien. Fotos? Peter Thomas? Ich weiß von nichts.

Alastair in jungen Jahren

 

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