Michael Bakunin und der Anarchismus

Erich Mühsam in der Festungshaftanstalt Ansbach 1919

1972 wurde ich Mitarbeiter im Team, das sich um Karlfried Graf Dürckheim und Maria Hippius gefunden hatte, abgelegen in einem Tal des Schwarzwalds. Der Mittelpunkt für unsre Gäste, die sich rundum in den Bauernhäusern des Rüttetals einquartierten, war das Herzlhaus. Es hieß, es sei so zu Ehren Theodor Herzls genannt worden, der einmal dort gewohnt habe. Gewiß verbürgt sei außerdem der Aufenthalt von Erich Mühsam, der sich einige Wochen dort vor den Anfeindungen der Nazis versteckte.

Erich Mühsam, ein Mann, der mich schon während meiner Zeit als Buchhändler in München beschäftigt hatte. In einer Gruppe jüngerer Buchhändler lasen wir uns die Gedichte der Expressionisten vor, so auch einiges von Mühsam.

Wehe der Erde

Die Sterne hängen tiefer denn je
und starren zur Erde in angstvoller Glut.
Sie spiegeln der Menschheit klagendes Weh.
In ihrem Widerschein flackert Blut.
O, schaut nicht nieder auf unsre Schmach,
so ihr von göttlichem Lichte seid.
Des Menschengestirnes Glanz zerbrach,
und unser Göttliches wimmert in Leid.
Krieg heult in die Welt. Es rast der Tod.
Der Schrecken wütet. Die Erde brennt.
Entmenschte Gebete flehn Gott in den Kot …

O Scham vor den Sternen am Firmament!

Was mich aber heute auf seine Spur bringt, ist sein Verhältnis zur Theorie der Anarchie eines Michael Bakunin.

An Ricarda Huch schrieb Erich Mühsam im September 1924: Meine ganz unermeßliche Liebe zu der Gestalt Michael Bakunins wuchs von der Zeit an, da ich zuerst von ihm hörte, über ihn las, immer höher, solange ich nur irgend Neues von ihm erfahren konnte. Und je intensiver ich mich dann – zumal in den Jahren meiner Haft – mit Marx und den Marxisten beschäftigte, umso stärker ward meine Abneigung gegen die seelenlosen Rechenkünste, mit denen hier die tiefsten Menschheitsprobleme gelöst werden sollen, umso stärker meine Bejahung des religiösen Feuers, das von Bakunin ausgeht. Wenn wir am 1. Juli 1926 seinen 50. Todestag begehn, so wird , wenn es nach meinen Wünschen geht, die Feier ein Begräbnis des autoritären Marxismus sein und ein Geburtsfest für den Toten.

Herzlhaus

Fortsetzung folgt.

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