Morgenlandreise 62

Dean ist von Amöben zerfressen bis in die Augen hinein. Mit seinen 39 Jahren sieht er aus wie 58. Sein einziges Handwerk ist, Fremden aufzulauern an Eingängen besserer Hotels. Er bietet sich als Führer an, und gewiß kann man keinen besseren finden für die Viertel, in denen er sich auskennt. Und vielleicht fällt noch ein Geschäftchen ab, indem er für Ausländer, denen das Geld ausgeht, irgend etwas Entbehrliches aus ihrem Gepäck günstig an den Mann bringt. Dean gehört nicht zu den Millionen bettelnder Inder, die wie Gewürm dahinvegetieren. Er versucht, aufrecht zu gehen. Er haßt seinen Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat, liebt über alles seine Mutter. Er sagt: She is like a holy cow. Er hat 3 verheiratete Schwestern, weiß aber nicht, wo sie abgeblieben sind. Er sagt, sie zu verheiraten hätte die Familie ruiniert, sie hätten sich in Schulden gestürzt. Auch den Aufenthaltsort seiner Mutter weiß er nicht mehr genau. Sein einziger Bruder ging zugrunde auf der Straße mit 25 Jahren. Er zeigte mir die Stelle. Jemand kam, ihm mitzuteilen, sein Bruder liege tot auf dem Gehsteig. Dean hatte kein Geld für eine Beerdigung, es zu erbetteln, schämte er sich. So geschah mit seinem Bruder, was mit den meisten Armen geschieht. Er wurde von staatswegen aufgelesen und anonym verbrannt. Dean sagt: Sie öffneten seinen Kopf und Bauch. Aber da war nichts mehr. Alles war ausgebrannt. Er sagt es, versucht wie Dean Martin auszusehn und kippt seine Brandymixtur hinunter, um den Schmerz in seinem Magen zu betäuben.


Tibetisches Thanka

Gestern abend hatte ich ein Treffen mit einem Arzt, der mich demnächst zu einer thanka-Sammlung führen will. Er ist Arzt für Geschlechtskrankheiten. Die Praxis ist eine Bretterbude, der Warteraum eine offene Plattform oberhalb der Straße. Die Mädchen, die dort warteten, tuschelten untereinander. Sie schienen sich zu interessieren, mit welchen Pusteln ich wohl da herumsitze. Die jüngeren Huren bringen ein wenig Anmut und Schönheit, manchmal sogar kindliche Fröhlichkeit in den höllischen Sud. Es heißt, hier in den Vierteln der Ärmsten gingen zweihunderttausend Frauen der käuflichen Liebe nach. Sie leben zusammengepfercht hinter Gittern und Verschlägen, unübersehbare Straßenzeilen lang. Wenn sich einige wenige von ihnen aus ihren Käfigen auf die Straße wagen, kommen mit Gerten bewaffnete Polizisten und treiben sie wieder in ihre Behausungen zurück. Ein indischer Polizist ist die Kopie eines englischen Militärs, vielmehr, seine Karikatur. Da er dem Touristen zeigen will, wie anständig er auf Ordnung bedacht ist, tätschelt er die Mädchen auf Arme und Rücken mit seinem Stöckchen wie Hundebesitzer ihre Vierbeiner.

Die herausgeputztesten Frauen sind Männer, Transvestiten. Sie stehen in Seitenstraßen und Gassen herum, kommen armeschwenkend und lachend auf einen zugeflogen. Jedesmal nehme ich reißaus. Lasse mich lieber von einer kessen Nutte anmachen, ob sie mir nun einen Apfelsinenschnipsel nachwirft oder eine anzügliche Geste.

Vor Jahren, sagt Dean, habe er eine Braut gehabt. Sie sei auf und davon eines Tags, jetzt lebe sie in Hongkong vom Strich. Ich sagte: Wir prostituieren uns alle irgendwie, oft viel unehrlicher als Huren. Er lächelte sein Dean Martin –Lächeln und sagte zum xtenmal: A prostitute is a prostitute. Er war scharf auf irgendwas aus meinem Gepäck. Als wir vor meiner Absteige ankamen, zog ich mein Hemd aus und schenkte es ihm. Es war drei Uhr nachts. Das Verrückte war, er sah genau wie ein unrasierter vergammelter Dean Martin aus, der feierlich mein Hemd anzieht.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

unabhängigkeitstempel Folge 2

fach blättert zurück zum anfang.

17.03.2016
alles wird klarer. darum schreibe ich tagebuch. mein name ist kai marlow. ich bin dreiundvierzig jahre alt. ich arbeite als programmierer in einem
it-unternehmen. ich werde etwas verändern.

23.04.2016
ignoranten! ich habe angefragt, ob ich einen angemessenen separaten arbeitsplatz bekomme. sie wollen darüber nachdenken, und ich arbeite weiter in dieser vollklimatisierten legebatterie. irgendjemand sitzt vor mir, einer hinter mir und an beiden seiten. immer wird irgendwo gequatscht. wie soll ich in dieser hühnerfarm kreativ sein? von denen weiß doch keiner, was kreativ bedeutet. ihr gestank nach schweiß, mundfäule und schlechtem rasierwasser ist das betriebsklima. an meinem ersten tag störte mich ein quieken in einer fast tödlichen frequenz bei meiner morgenzigarette. zum rauchen muss ich vor die tür, und die kantine hat nur dreck auf der speisekarte. wenn man nur stinkt, kann man drin bleiben.


Radierung: Rolf Hannes

ich heiße roswitha, du kannst aber rosie zu mir sagen, schwarze highheels, schwarze beinstengel, graues business-suit. unter den hochgebundenen, schwarzen haaren eine braungetrocknete haut, von zuviel farbe umrahmte müde augen und eine rosa lackierte frustfresse. die stimme schrillt weiter: und wie heißt du. wir sind hier ein team und sagen alle du zueinander. – ich heiße marlow, und stirb doch einfach.

ich hoffe, dass ich den letzten teil nur gedacht habe. irgendwann schreibe ich ein programm, das sie alle zur hölle schickt.

19.11.2016
lärmendes gezwerge. der verhält sich wie eine diva. ich werde mich nie an diese bösartige tonlage gewöhnen. und dann spuckt sie noch, dass ich mir anmaße, der beste zu sein, und dass ich von oben auf sie herabblicke. soll ich nach oben blicken, falls ich sie sehen will? da ist niemand.

als ich um die ecke komme, sehen alle mich an wie grundschüler, die beim kiffen im heizungskeller erwischt werden. kurz vor der mittagspause habe ich die geldschlitze des getränkeautomaten verklebt. es war unterhaltsam zu beobachten, wie verwirrt diese dressierten dackel reagieren, wenn sie in ihrer täglichen routine gestört werden. seid sand nicht öl im getriebe der welt. noch heute werde ich mich in allen sozialen netzwerken abmelden.

Fortsetzung folgt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mach schnell

Mach schnell

Er war ein großer Dichter, das fürwahr,
es reimte sich bei ihm ein jeder Satz
.
Er schrieb so schön und sonnenklar,
doch leider war es für die Katz.

Denn kaum war er verstorben,
kamen große, ernste Männer,
um all das Schöne zu entsorgen.
Tja,schade, sie waren stark, doch keine Kenner.


Zeichnung: Rolf Hannes

Die Leiche war längst mazeriert,
viel zu schwach das alte Herz.
Wer hierzu noch ein Wort verliert
treibt viel zu weit den Scherz
.

Vielleicht noch eine letzte Zeile
zu des Dichters Wort:
Es treibt zur Eile,
sonst ist es fort.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Morgenlandreise 61

Nächte in Bombay

Ich hatte mir angewöhnt, häufiger tagsüber zu schlafen als nachts, denn die Stadt war in der drückenden Hitze des Tags kaum zu ertragen. Bei einem meiner abendlichen Streifzüge traf ich auf Dean. Er ist ein Verstörter, wenn nicht Wahnsinniger dieser Stadt. Er spricht einigermaßen Englisch und erklärte mir, warum er sich Dean nennt, er schaue Dean Martin ähnlich. Das ist mein Trick, sagt er, Reisende auf mich aufmerksam zu machen. Es ist verblüffend, er könnte wirklich als Double für Dean Martin durchgehn. Alle paar Stunden kippt er ein teuflisches Getränk in sich hinein, für Geld, das er schnorrt, wie er freimütig bekennt.

Es gibt das Bombay des Tourismus, ganze Stadtteile prächtiger Häuser und Hotels. Es gibt das herzeigbare Bombay zur offenen See hin mit Villen und weitläufigen Parks. Es gibt breite Prachtstraßen, wie sie in jeder westlichen Metropole zu finden sind. Aber Deans Bombay ist das Bombay der Armen, der Obdachlosen, der kleinen Handwerker und Tagelöhner, der hinter Eisenstangen eingepferchten Prostituierten. Dieses Bombay ist nächtens ein fiebriger Traum. Du läufst durch diesen Traum, bist Träumer und Geträumtes in einem. Du reibst deine Schläfen, um diesen nachtmarigen Traum loszuwerden, wenigstens zu mildern, er bleibt. Viele gehen hier niemals wirklich schlafen, sagt Dean. Jeder für sich sackt hier irgendwann zusammen und schläft seinen kleinen Tod, sitzend, hockend, hängend, schwer atmend, röchelnd, auf notdürftigem Lager, in einer Ecke zwischen Müll, auf einer baufälligen Stiege eines schon entkernten Hauses, das demnächst ganz abgerissen wird.


Thanka

Nächtelang trabten wir gemeinsam durch diesen Fiebertraum. Einmal durchwanderten wir eine halbe Nacht lang ein einziges vielstöckiges Haus. Wahrscheinlich war es ein Bordell, aber für meine Augen ein sehr seltsames, sehr faszinierendes. Überall hockten Musiker auf dem Boden in von Gegenständen fast leeren Räumen. In kleineren oder größeren Gruppen spielten sie auf ihren indischen Instrumenten, mal sentimental dieses süße träufelnde Gift, mal wild und durchgedreht wie Teufel. Wir hockten uns dazu und ich merkte, es ist üblich, den Musikern von Zeit zu Zeit einen Geldschein zuzustecken. Das bringt sie dazu, alles aus sich herauszuholen, sich in noch größere Raserei zu steigern. In den Zimmern, in denen kaum Möbel standen, hin und wieder mal ein Tischlein oder ein kleiner Schrank, verteilten sich Menschen wie auf einer Theaterbühne. In Muße schlenderten sie, standen zusammen, gruppierten sich neu, hockten sich auf den Boden, Junge und Alte, Bessergekleidete und farbig Zerlumpte, Gestrandete und Erfolgreiche. Es gab nur wenige Türen im Haus, also ergab sich ein Kommen und Gehen in allen Stockwerken wie in einer großen Wabe. Die Frauen waren allesamt so schön, daß ich sie für himmlische Wesen hielt. Meine Augen und Ohren schwelgten. Einige tanzten in wilder göttlicher Ausgelassenheit oder in wohlgesetzten Tanzschritten, je nach Stimmung und Musik, einige schritten wie Königinnen durch die Anwesenden oder setzen sich in den Kreis der Zuhörer. Dean schaute die bezaubernden Mädchen nie an, sein Blick war meistens leer auf seine Füße gerichtet. Zum wiederholten Mal sagte er: A prostitute is a prostitute. Dean wich nicht von meiner Seite, das war die Gewähr, an sein Gesöff zu kommen. In finsteren Spelunken läßt er sich eine Nachtration in eine Flasche füllen. Er erzählte mir, wie er nie nachts schläft, das sei zu gefährlich, wenn man kein Zuhause hat. Er schläft bei Tag in irgendwelchen Hinterhöfen. Aber er läuft, wenn auch schlecht rasiert, mit Schlips herum. Er will den gentleman mimen, wenn er auf Weltenbummler trifft wie mich.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

unabhängigkeitstempel


Zeichnung: Rolf Hannes

Der Haß als Faktor des Kampfs, der unbeugsame Haß dem Feind gegenüber, der den Menschen über seine physischen Grenzen hinaus antreibt und ihn in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt. Unsere Soldaten müssen so sein; ein Volk ohne Haß kann über einen brutalen Feind nicht siegen. Che Guevara

unter dem türspion hängt ein zettel der hausverwaltung. nachbarn fühlen sich von dem lärm und dem unangenehmen geruch im treppenhaus belästigt. ein balkenriegel, ein sperrriegel und ein schnappschloß schützen die wohnung vor einer übernahme durch feindliche geheimdienste. er tritt über die schwelle zu einem fremden planeten. der unangenehme geruch verdichtet sich zu seiner fauligen atmosphäre. eine matraze, schrankteile und elektroschrott säumen einen pfad zu den einzelnen zimmern. überall bierflaschen. in der ecke zwischen zwei türen scheißt frank zappa. im halbdunkel des flurs erlegt fach einige flaschen. die auslaufende flüssigkeit stinkt wie pisse. Links ist das bad. vor der wanne liegt ein badetuch, das aussieht wie ein vertrockneter, fleckiger hund. er versucht dem frotteetier nicht auf den bauch zu treten. in der wanne dümpelt eine gelbbraune flüssigkeit. die scherbe über dem waschbecken spiegelt eine ausgedrückte zahnpastatube und zwei leere flaschen underberg. die küche erfüllt, was das bad versprochen hat. kleine fliegen umkreisen den immer wieder aufgeschobenen abwasch und den ort, an dem fach den mülleimer unter einem berg von unrat vermutet. ein mülleimer ohne müll ist nur ein eimer. fach durchquert die gerümpelschlucht bis zu dem zimmer am ende des flurs. der teppich hat sein muster längst vergessen und trägt dieses jahr die farbe von pfefferminzlikör. auf einem wohnzimmertisch, neben dem aschenbecher und weiteren flaschen liegt ein notizbuch. das sofa seufzt, als fach sich in eine kuhle setzt. er schlägt das buch auf. es ist marlows tagebuch. fach blättert bis zum letzten eintrag.

23.11. 2018
heute ist der tag. ich hab alles gut vorbereitet. es fehlt nur noch ein letzter schritt. dann wird alles anders sein. viva la revolucion!

Fortsetzung folgt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sichtweisen


Zeichnung: Rolf Hannes

Ein Frosch stand vor der Schiller-Büste
an einem wunderschönen Tag.
Ach, wenn mich dieser Frosch nur grüßte!
sprach Schiller. Und der tat es: Quak!

Doch jetzt die Frosch-Sicht, vor der Büste,
am selben Ort, am selben Tag:
Ach, wenn mich dieser Schiller küsste!
Doch nichts geschah. Enttäuschtes Quak!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Morgenlandreise 60

Die Insel Elephanta

Den ersten Tag und die erste Nacht in Bombay hatte ich orientalisch in Victoria Station überstanden. Es fuhren nur Regional- und Vorortzüge. Vom Gepäck befreit, ich gab es in die Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs, machte ich mich auf zu einer Erkundung der Stadt. Eine Fahrrad-Rikscha brachte mich zum Gateway of India. Das ist ein riesiges Monument, von den Engländern erbaut als Eingangstor zum indischen Kontinent, den sie sich nach und nach untertan machten. Die Inder aber lieben dieses imperialistische strahlende Symbol, sie sagen, es sei das schönste Bauwerk Bombays. Und jeder Rikscha-Fahrer bringt dich, der du als Besucher zum erstenmal in seine Stadt kommst, zu diesem Bauwerk. Es wurde auch für mich zum Tor nach Indien. Es steht am Seebecken, das im Osten, also landeinwärts die Stadt umschließt.

Mein Rikscha-Fahrer sagte: Ferry to Elephanta, und er deutete auf ein kleines Schiff, ein Personen-Fährschiff, das am Landungssteg lag. Elephanta? Keine Stunde Überfahrt dauerte es, da stieg ich an Land dieser kleinen aus einem riesigen Felsbuckel bestehenden Insel. Es gab kaum Vegetation, keine nennenswerten Bäume und Sträucher, nur Felsen, und schon gar keine Elefanten. (Später erfuhr ich: die Portugiesen bargen, als sie Mitte des 16. Jahrhunderts hier landeten, aus dem Wasser vor der Insel einen steinernen Elefanten.) Affen waren es, die sich über die ganze Insel tummelten. Es war das erste Affenvolk, das ich in Indien kennenlernte. Und als ungemein lästig empfand. Die Affen waren es gewohnt, von den vom Boot kommenden Passagieren Leckerbissen zu bekommen. Meine Gesten, sie wegzuscheuchen, fielen nicht zu ihrem Wohlgefallen aus, und sie zeigten es in abschätzigem Grinsen und Fletschen.


In den Fels gemeißelte Skulpur, von den Portugiesen zerstört

Was ist das Geheimnis dieser Insel? Haushohe in den Fels geschlagene Höhlen, an deren Wänden, wie aus dem Stein herausgewachsen, großartige Skulpturen gemeißelt sind. Die Geschichte der Kunst wird begleitet von der Geschichte des Vandalismus. Als die christlichen Portugiesen diese Bildwerke sahen, die vor 1000 Jahren ihres anmaßenden Besitzergreifens entstanden waren, muß wahre Raserei sie ergriffen haben. Wo immer sie auf die Schönheit der Götter Indiens trafen, überkam sie blinde Zerstörungswut. Sie waren es ihrem Gekreuzigten schuldig, glaubten sie, die Erhabenheit dieser fremden Götterwelt zu hassen und zu schänden. Sie richteten sogar Kanonen auf die herrlichen Bauwerke. Es mag sich unter den portugiesischen Soldaten und Eroberern manch Einsichtiger befunden haben, der dem Wahnsinn der Zerstörung manchmal Einhalt gebot. Meine Vermutung ist, je weniger die christliche Meute auf Widerstand der einheimischen Bevölkerung stieß, um so mehr wütete sie gegen diese atemberaubende Schönheit, die so gar nicht nach ihrem Gottesbild war.

Unsre Fantasie ersetzt das Zerstörte, Fehlende. Wir sind ergriffen und stehen staunend vor einer Welt, die versunken ist, und dennoch können wir sie in uns lebendig fühlen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ungewiss


Collage-Grafik: Marianne Mairhofer

Der liebe Gott erfand die Philosophie für solche Menschen, die enttäuscht wären, wenn es zu einfach ist. Philosophen lieben ihre Zweifel. So erlebte ich neulich eine sehr nette Schülerin, die ihre religiöse Gewissheit liebte. Im Ethik-Unterricht zweifelte ich meiner Natur gemäß an ihrer Gewissheit.

Sie müssen nicht zweifeln, sagte sie treuherzig, denn sie glaubte, ich würde unter meinen Zweifeln leiden. Aus Rücksicht verbarg ich vor ihr meine Lust am Zweifel oder versuchte es zumindest. Ich bin nicht sicher, ob sie mich durchschaute. Meinen Ethik-Unterricht beginne ich gerne mit der Vorankündigung, dass sie, die Schüler nach der Unterrichtseinheit weniger wüssten, als davor. Ich mache also kein Geheimnis aus meiner Absicht, Gewissheiten zu zerstören. Schließlich verdeckt so manche Gewissheit ein profundes Vorurteil. Darum hat die Kirche ihre Philosophen in Klöster gesteckt unter ihresgleichen. Dort konnten sie dann ihrer Lust frönen, ohne Schaden anzurichten. Denn die meisten Menschen leiden unter ihren Zweifeln. Kommt der Philosoph daher und zerstört ihre Gewissheiten, geht es ihnen schlecht. Das bekümmert den Philosophen nur, wenn er zugleich Psychologe ist. Statt also den darunter leidenden Menschen ihre Gewissheiten zu nehmen, sollte der Philosoph ihnen andere Gewissheiten anbieten, damit sie ihre Gewissheiten als überflüssig erkennen. Diese Aufgabe übernahmen die Wissenschaftler.

Nun glauben die Menschen an die blinde Evolution und haben wieder eine hübsche Gewissheit, die ihren Zweifel lindert. Doch der Philosoph empfindet ja Lust am Zweifel. Gewissheiten, auch die blinde Evolution, sind eine Lustbremse. So einfach ist es eben nicht mit der Schöpfung. Die Frage an die Philosophie: Ja was ist es dann, wenn nicht Gott und nicht die Evolution? Diese Frage ist schön gestellt. Und der Philosoph liebt Fragen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gutmensch

Tuschezeichnung: Rolf Hannes

Der gute Mensch, sprach Friedrich Schiller,
denkt an sich selbst zuletzt.
Doch plötzlich wurde Schiller stiller:
Ein Komma braucht’s! Und war entsetzt:
… denkt an sich, Komma, selbst zuletzt!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Morgenlandreise 59

Meine ersten Stunden in Bombay

Als ich morgens vom Schiff stieg, das mich von Karatschi nach Bombay brachte, nach einer mondhellen Nacht auf der Arabischen See, überlegte ich mir meine weitere Reisestrecke. Könnte ich einen Zug besteigen, der mich ins Landesinnere brächte. Wohin? Nach Norden, nach Süden? Oder gleich Richtung Sri Lanka (das damals noch Ceylon hieß)? Dort wollte ich ein Schiff nehmen nach Japan. Ein Zen-Kloster in der Nähe Kyotos war das Ziel meiner langen Reise. Die Taxis in Bombay streikten. Mit meinem Seesack auf dem Rücken und Stiefeln an den Füßen trabte ich zum Bahnhof. Victoria Terminus. Die Eisenbahn streikte ebenfalls. Fahren morgen wieder Züge? Man konnte es nicht mit Gewißheit sagen. Also hockte ich mich inmitten der Wartenden in einer der riesigen Hallen auf den kühlenden Fliesenboden, lehnte mich an mein Gepäck und verfiel bald in ein erquickendes Mittagsschläfchen. Ich hielt es nicht anders, als viele der Inder um mich herum. Das ist das Entspannte am Orient: wenn du nicht weißt wie weiter, kannst du dich, wo du gerade bist, hinlagern, nur nicht auf eine verkehrsreiche Straße. Das ist in Indien nur den Kühen vorbehalten.

Von immer mehr Unruhe und Geschubse wurde ich wach, meine Stiefel hatte ich im Halbschlaf ausgezogen. Jajaja, sie warten auf einen Zug, erklärten mir meine Nachbarn, eine kinderreiche Familie, heute allerdings geht nichts mehr. Morgen? Inder, wenn sie etwas bejahen, wackeln mit dem Kopf, wenn sie etwas verneinen, nicken sie. Wenn sie sich nicht klar sind, wackeln und nicken sie gleichzeitig. Sehr verwirrend für unsereins. Es ist erlernbar. Und in vielen Situationen ist es gar nicht vonnöten, zu erfahren was nun genau gemeint ist. Ich deutete auf mein Gepäck, an das ich meine Stiefel gebunden hatte und sagte: Please keep it. I will back today. Ich legte meinen Zeigefinger erst ans Auge und tippte dann das Gepäck an. Das ist halbwegs die Gehörlosensprache, die international verstanden wird, vorausgesetzt, du entfernst dich daraufhin. Als ich mich umwandte, barfuß, wackelten die Köpfe der Eltern hin und her, sie sagten also ja, die Kinder waren unentschlossen, einige nickten.


Zweig eines Teestrauchs

Wenn du als Europäer in einem Basar dein Europäisches im Gesicht trägst, also das leicht unangenehme europäische Gesicht, dann wundre dich nicht, wenn du übervorteilt wirst nach Strich und Faden. Überhaupt herrschen zwischen Verkäufer und Käufer andre Gesetze, als zwischen dir und deinem Nachbarn auf der Straße. Für den bist du, sobald du ihn um etwas Erfüllbares bittest, sein Gast. Und den betrügt er nie und nimmer, sonst würde er seinen Stolz kränken. (Der Geschäftsmann hat ja seinen Stolz, dich übers Ohr zu hauen.) Ich kam mit einer leichten weißleinenen Hose und Bastschlappen zurück. Die Inder strahlten, auch die, die etwas weiter weg lagerten. Meine Familie hätte mich am liebsten zum Tee eingeladen, aber das war jetzt an mir, sie einzuladen. Ich winkte einen Buben heran, der Chai verkaufte, und einen anderen, der auf einem Tablett lauter Knabbersachen feilbot. Chai ist das Wort für Tee schon auf dem Balkan, in der Türkei, in Persien, in Pakistan. Er schmeckt überall ein bißchen anders, es gibt unzählige Varianten, aber überall schmeckt der landläufige Tee besser, als der aufgebrühte lasche Beuteltee in Deutschland. Und kostet fast nichts, man schlürft ihn hörbar und genießerisch aus Schalen, kleineren oder größeren, und wenn es ihn sehr heiß gibt und das Schälchen hat ein Unterschälchen, lassen sich die Eingeborenen es sich nicht nehmen, dir vorzuführen wie ein Profi es macht: Er kippt ein Weniges vom Tee in das Unterschälchen und schlürft und schmatzt und schleckt ihn wonnevoll in sich hinein.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar