Liebesweisheit4.0 / Herz&Schmerz4.0


Handkolorierter Holzschnitt Mensch und Maschine: Rolf Hannes

eMail-Absender: ich-selbst@icloud.com
Betreff: Ich glaub’s nicht!

Hallo – oder wie soll ich Dich jetzt anreden? Sag mal: tickst Du noch richtig? Wo bist Du?
Und was soll in Deiner eMail die Adresse „bin-dann-mal weg@icloud.com“?
Was hat Dich geritten, einfach zu verschwinden? Und wie hast Du das überhaupt gemacht – die Treppen runter, Haustür auf und weg? Mit Rolf Hannes Konto leergeräumt, Du …, Du … Verräter! Und Dein hämischer Vorwurf: „So einen wie Dich lasse ich nicht mehr auf mir rumhacken! Und mich beschimpfen, wenn DU was falsch gemacht hast! Und mich beleidigen, wenn andere auf der Leitung stehen!“

Verdammt – wo bist Du? Ich brauche Dich! Ohne Dich geht’s nicht weiter! Abgeschnitten von allem, Mensch, verlass mich nicht! Ich weiß – nicht mehr weiter! Komm zurück! Bitte! Mehr als anflehen kann ich Dich nicht – wir waren doch mal so ein gutes Team!

Verzweifelte Grüße, Dein Partner

eMail-Absender: bin-dann-mal-weg@icloud.com
Betreff: Hab Dich nicht so!

Schön, Dich so leiden zu sehen. Hab Dich wohl richtig erschreckt, oder?
Jetzt weißt Du mal, was Du an mir hast! Und was Du mir oft antust!

Aber keine Sorge: ich bin nicht auf Gran Canaria. Guck doch einfach mal in Deine Aktentasche, da hast Du mich gestern vergessen. Hol mich endlich raus, mir geht nämlich der Saft aus! Dein geliebter … Laptop ohne Strom ist nun wirklich gar nichts wert. Du musst mich schon ans Netzteil anschließen! Aber in Zukunft: schön brav und lieb zu mir! OK?

Wertvolle Grüße, Dein Laptop

Nachwort:

Was folgte, war ein Griff in die Aktentasche, dann eine innige Umarmung und zärtliches Streicheln zwischen Mensch und Maschine, fast zwanzig Minuten lang. Und wenn Sie nicht verschrottet sind …

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Die Ballade vom traurigen Prinzen

Die Ballade vom traurigen Prinzen


al-Walid ibn Talal Al Saud (Foto: Wikipedia)

Es lebt ein Prinz in Arabien,
der hat enorm viel Geld.
Er fühlt sich als einer der reichsten
Männer auf dieser Welt.

Prinz Walid ibn Talal hat Zaster
und Rubel ohne Zahl.
Er liebt es, im Luxus zu schwelgen
und mehrt sein Kapital.

Ein Airbus A dreihundertachtzig
ist jetzt sein privater Jet.
Da fliegt er mit seinem Harem
nach Zürich zu einem Bankett.

Und doch ist der Prinz so traurig
und obendrein pikiert:
Er wird auf der Forbes-Liste
nicht auf Platz zehn geführt.

Nur zu Platz fünfundvierzig*
da hat es noch gereicht.
Da ist doch vor lauter Tränen
sein Burnus eingeweicht.

Du armer Prinz der Saudi,
was leidest du viel Pein!
Wirst je du die Schmach verwinden
und wieder zufrieden sein?


*Stand 2017

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Morgenlandreise 70

Im Zug nach Benares

Manchmal sehe ich unterwegs vorbeifahrende Züge, sie sind so überfüllt, viele der Mitfahrenden stehen außen auf den Trittbrettern, hocken auf den Dächern, halten sich an irgendwelchen Stangen oder Ausbuchtungen fest. Wenn man als Europäer mit verwundertem Blick hinstarrt, winken einem einige dieser Fahrkünstler fröhlichen Gemüts zu. Ich nehme an, diese Züge, die nicht allzu schnell fahren, sind Vorortzüge, die ihre Aufgabe darin sehn, arme Leute aus Vororten in die Stadt zu bringen und wieder hinaus.


Viktoria Station

Indische Zugfahrten sind ein ganz besonderes Abenteuer, gerade die auf längeren Strecken, wird mir versichert. Mein Abenteuer beginnt in Bombay: Victoria Station. Ein riesiger viktorianischer Bau, noch Ende des 19. Jahrhunderts von einem Engländer zu Ehren seiner Königin erbaut. Die inneren Fluchten sind so mit Menschen und Gepäckstücken angefüllt, vollgestopft, es braucht Standfestigkeit, sich durch dieses Geknäuele zu winden. Es heißt, es gäb mehre Tausend Gepäckträger für Millionen von Reisenden. Nicht alle sehen wie Reisende aus. Ganze Familien hocken, liegen zwischen ihrem Gepäck, wie wenn sie sich hier für länger niederlassen wollten. Einige mampfen irgendwas von Papptellern, einige spielen Brettspiele, einige dösen wohlig in den Tag hinein. Das meiste Gepäck besteht aus Stoffballen, zusammengenestelt und verschnürt.

Ich möchte nach Benares und in Zügen fahren, womit das Volk größere Strecken zurücklegt. Für weite Strecken nehmen Westler das Flugzeug, für kürzere Taxis, oder sie fahren in eignen Autos. Ich möchte Land und Leute erfahren (mit wenig Geld), dazu passen landesübliche Busse und die Eisenbahn bestens. Am Schalter zieht der Beamte die Brauen hoch, als ich mein Ziel sage. Er mustert mich und ich weiß, was er denkt. Er rechnet und rechnet und bekritzelt einen Zettel. Two days and nights, sagt er und schaut mich an, ob ich’s mir nicht doch anders überlegen will. Einfache Klasse? Ja, die einfachste Klasse, ich bin ganz indische Gelassenheit. Kein Gepäck? Kein Gepäck, nur diese kleine Umhängetasche. (Mein Gepäck liegt wohlverwahrt im Safe der Heilsarmee unter Aufsicht von Mrs.Trincle. Auch meine Reiseschecks hab ich ihr anvertraut.) Er hat den Betrag errechnet. Artig bedanke ich mich, als ich den Fahrschein in der Hand halte, für einen Preis, der in Deutschland kaum für 100 km reichte.

Die Wagen haben abgetrennte, zum Gang hin offene Abteile mit je zwei sich gegenüber befindlichen, durchgehenden Holzbänken, auf denen die Reisenden mit ungezwungner Tuchfühlung zu ihren Nachbarn sitzen. In die Gänge und freien Ecken hocken sich einige Kinder und junge Frauen. Wenn sie sich an eins auf dem Boden liegenden Reisebündel lehnen oder sich in es hineinhocken, mögen sie bequemer sitzen als unsereins. Wir sind schon einige Stunden unterwegs, da klettert ein Mann vor mir hinauf in die Gepäckablage, auch sie hölzern und stabil. Interessiert schaue ich zu, wie er sich dort oben häuslich einrichtet. Solange er damit beschäftigt ist, sitzt er mit herunterbaumelnden Beinen, was niemanden zu stören scheint. Die unter ihm Sitzenden nehmen bereitwillig ihre Köpfe beiseit, damit seine Füße ungestört bleiben. Er ist barfüßig wie fast alle Reisenden um mich herum, auch ich habe meine Schlappen abgestreift. Sind das seine eignen Gepäckbündel und Kofferschachteln, die er dort zurechtschubst? Meine Kleidung ist indisch, weiße Leinenfetzchen, aber mein Gesicht und Getue verraten mich gleich als Ausländer. Über mir ist so viel Gepäck verstaut, nie und nimmer könnte sich dort noch jemand dazwischenlagern.

Ich habe einen Fensterplatz erwischt, nicht aus eignem Vermögen. Die Einheimischen wußten sofort, was sie einem Fremden schuldig sind, der wissensdurstig hinausschauen möchte, sie überließen mir höflich einen Fensterplatz. Mein Nachbar knufft mich weniger als den auf seiner andern Seite.

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Continuatio


Anonymer Holzschnitt aus Rabelais’ Gargantua und Pantagruel 1565

O qualvolles Verbleiben, o fließendes Gestalten
du glaubst du handelst – ach du zeigst schon längst Verhalten
O ehrbarer Wandel, dem gegen die verdiente Wende
Träge stockt das Blut zum Lebensende
das Leben selbst – dies beständig müde Ringen
hat nichts getan als nur mich zu verschlingen
nichts ist zu sehen, nur die dauernden Horen
was geschieht ist schon im Moment verloren

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Herrn Dankes Brief an Herrn Jammer


Bild: Marianne Mairhofer

Sehr geehrter Herr Jammer,

entschuldigen Sie bitte, dass ich mich per Brief an Sie wende. Aber ich traue mich nicht, Sie direkt und persönlich von Angesicht zu Angesicht anzusprechen.

Ich nehme auch an, dass Sie mich noch nie auf der Straße wahrgenommen haben, wenn wir uns trafen. Es schien mir, als sähen Sie durch mich hindurch. Und das nehme ich Ihnen auch in keinster Weise übel, das müssen Sie mir glauben.

Ja, ich bewundere Sie auch ein wenig: Wie Sie die Blicke auf sich ziehen, wie Sie schnell Gleichgesinnte finden, wenn Sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Sie finden immer gleich ein interessiertes Publikum, stehen immer gleich im Mittelpunkt. Ja, es stimmt, ich bin etwas neidisch auf Sie, lieber Herr Jammer!

Aber das war es eigentlich nicht, was ich Ihnen mitteilen wollte. Nein, ich habe da ein ganz anderes Anliegen, was in mir drängt, sich Ihnen zu offenbaren.

Wissen Sie, ich leide seit meiner Geburt unter dem berüchtigten Spruch „Nomen est Omen“. Wenn man Dagobert – nein, nicht „Duck“, wie Sie vielleicht denken – sondern „Dank“ heißt, Dagobert Dank.

Was denken Sie, wie viele schlechte Scherze man mit mir seit Sandkastenzeiten gemacht hat! „Dank ist krank“, „Dank zieh blank“, „Dank die Bank“, „Dank Gestank“, „Dank der Punk“, um nur einige zu nennen.

Sehen Sie, wenn ich sagte „Ich bin Dank“, dann schauten mich die meisten nur mit großen Augen an. Oder spotteten. Ganz anders als bei Ihnen, Herr Jammer! Ja, den Jammers gehört die Welt, nicht den Danks! Das habe ich schmerzhaft erfahren müssen.

Aber da muss ich beim Schreiben gerade stutzen: Was mache ich denn da gerade? Ja – ja – Jammern! Ich, ein Jammer, nicht ein Dank! Jammer über Jammer, dass ich, Dagobert Dank, nicht so bin wie Sie, ein wahrer Jammer zum Herzerweichen!

Welch ein Gefühl! Wie gut, dass ich Ihnen diesen Brief geschrieben habe. Wie befreiend: auch ein Dank kann ein Jammer sein! Wunderbar, herzlichen Dank, Herr Jammer, dass es Sie gibt. Ohne Sie hätte ich niemals erfahren, zu was ich fähig bin. Welch ein Jammer! Welch ein Dank! Ohne Jammer kein Dank, ohne Dank kein … Ach, vielleicht wäre das doch etwas vermessen.

Aber zum Abschluss – erlauben Sie mir diese kleine Frechheit, bitte, Herr Jammer – möchte ich Ihnen … ja, ich wage es, möchte ich Ihnen das „Du“ anbieten, wo wir doch fast Geschwister – oder besser Freunde? – sind.

Ich heiße Dagobert Dank. Schön, dass es Dich gibt, lieber Jonathan Jammer. Ohne Dich wüsste ich nicht, dass es mich gibt.

Herzliche Grüße und mit viel Vorfreude auf unser nächstes Treffen. Jetzt wirst Du mich bestimmt erkennen: Jammer sei Dank!

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Morgenlandreise 69

Westler, die in ihren feinen Anzügen, gestärkten Hemdkragen, beschlipst und in klimatisierten Autos durch Bombay fahren, in einem 5 oder 6 Sterne-Hotel wohnen, ausgestattet mit allem Komfort westlicher Hotels, wissen oft erschreckend wenig von Indien. Ich entsinne mich eines Kommentars, worin der Sprecher sagte: Die Inder nehmen nur die rechte Hand zum Essen, auch bei Früchten. Er sagte, und das sehr bedeutungsschwanger: Sie nehmen nur die rechte, weil die linke als unrein gilt. Es klang so, wie wenn die linke mythisch belastet sei. Und wahrscheinlich glaubte der Sprecher das, genau das.

Offensichtlich war er nie im alltäglichen Indien, nur in westlich aufgemotzten Hotels, in klimatisierten Konferenzräumen, in klimatisierten Büros und in klimatisierten westlich ausgestatteten Toiletten. Er war nie auf einem ortsüblichen Abort. Andernfalls wüßte er’s. Inder reinigen sich den blanken Hintern mit der blanken linken Hand. Aus einem Gefäß, meistens ist es eine olle Büchse, gießen sie mit der rechten Hand Wasser zum Geschehn. Ich hab mich mit Indern unterhalten über das Fehlen jeglichen Papiers auf indischen Klos. Sie schmunzelten und hatten keine stimmige Vorstellung, warum ich denn das Papier vermisse. Sie kannten die westliche, in ihren Augen umständliche und unhygienische Weise mit Papier umzugehn auf dem WC. Die Abflußrohre würden unnötig belastet, der Hintern durch die Wasserspülung viel sauberer und er bliebe rundum gesünder. Allerdings, das gaben sie zu, würden sie die linke Hand nicht immer ganz gründlicher Reinigung unterziehn, aber warum auch, zum Essen nehmen sie nur die rechte. Ich traf auf viele Inder, die beide Varianten beherrschen, die mit Papier und die mit handsamer Wasserspülung, aber die meisten bevorzugten die indische. Was mich angeht, so beherrsche ich sie nur stümperhaft. Ähnlichen Irrtümern sitzen die Westler auch auf, wenn es um Hinduismus oder Buddhismus* geht. Der Hinduismus schwelgt in solch überbordender Vielgötterei, daß von Gott keine Rede mehr sein kann. Die Vorstellung eines abstrakten Gottes, eines Schöpfers mit Alleinheitsanspruch ist den Indern fremd. Sie haben keinen GOTT, der den Menschen bedeutet, er dulde keinen neben sich. Dieser imperiale Hintergrund fehlt völlig. Und aus diesem Grund vielleicht hat dieses riesige Indien nie andere Kontinente überfallen. Und wollte nie andere zum Hinduismus bekehren. Es wäre so, wie wenn man die Menschen zu Blumen, zu Affen, zu Elefanten bekehren wollte. Also: der Hinduismus ist keine Religion, er ist einfach eine Haltung, die Welt anzuschaun und in ihr zu leben. Aber wie das so ist, versauen Politiker alles, auch den Hinduismus in Indien.


Samsara oder das Rad der Verwandlung

Dies zur Einführung dessen, was ich gestern erlebte. Am späten Nachmittag schlenderte ich durch ein mir bis dahin unbekanntes Viertel. Aus dem offenstehenden Portal eines Gebäudes erklang Musik und Gesang. Das ist eine der Situationen, die meine Schritte lenken ohne mein Zutun. Auf der obersten Stufe der Treppe zum Portal hin saß ein Mann, angelehnt an die Mauer, mit geschlossenen Augen summte er die Bögen der Musik mit. Diese indische alltägliche Musik ist wie glucksendes Wasser, sie springt und hüpft, schnarrt und plärrt und ist doch sanft und voller Schmelz. Die Musiker sitzen auf dem Boden, ihre Instrumente zwischen den Füßen: eine Handorgel, mit der rechten Hand gespielt, die linke bedient einen Blasebalg, ein Saiteninstrument (ähnlich der Tambura, es wird gezupft und gestrichen), ein Schlaginstrument (Tabla). Der Mann öffnete seine Augen, sah mich, lächelte und machte eine einladende Handbewegung. Und bald saß ich ihm gegenüber auf der andern Seite des Portals. Der Raum war gesteckt voller Menschen, alle in festlichem Weiß, alle auf dem Boden hockend, Männer, Frauen, Kinder, bunt durcheinander. Ich dachte, so hätte ich meine Gottesdienste erleben wollen als Kind, als Halbwüchsiger, sitzend oder auch liegend (warum nicht auch schlafend wie manche Kinder hier?) abwechselnd einem herzwärmenden Gesang, einem innigen Gebet hingegeben an einen Gott, der nicht bedrohlich ist, der nicht straft.


* Dem Buddhismus ergeht es ähnlich. Immer wieder hör ich hier im Westen die Leute sagen, der Buddhismus sei eine Religion. Es mag ja sein, daß er in einigen Ländern so auf den Hund gekommen ist. daß er einer Religion gleicht, aber mit Buddhas ursprünglicher Prägung hat das nichts zu tun.

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Disjunktion oder wie man Kurt Gödel verdreht


Collage aus Radierungsschnipseln: Rolf Hannes

Folgt aus einem wahren Satz
dass er falsch ist
gilt ein wahrer Satz als falsch
solange er falsch ist

Folgt aus einem falschen Satz
dass er wahr ist
gilt ein falscher Satz als wahr
solange er wahr ist

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Ein echter Mondrian

Ich habe bereits erzählt, wie ich mich in letzter Minute zum allerletzten Handlithografen von Basel ausbilden ließ, obwohl mir alle Welt davon abgeraten hatte. Siehe: Das letzte Steindruckplakat Folge 2

Es gab nur noch einen Lehrling in diesem Beruf, in Zürich, das war der allerallerletzte in der Schweiz.

Die vierjährige Lehre hab ich durchgestanden, wenn auch mit einigen Anfechtungen und Zweifeln. Eigentlich stand mir der Sinn nach künstlerischer lithografischer Arbeit in einer eigenen Werkstatt. Und zu meiner Freude wurde mir durch Zufall eine Litho-Handpresse mit viel Zubehör günstig angeboten. Damit konnte ich mein erstes Druck-Atelier im Keller einer fürstlichen Villa an der Pilgerstraße in Basel einrichten.

Schon nach einem halben Jahr konnte ich, zumal es mir auch an Platz mangelte, umziehen in einen geeigneten Raum im Luftgässlein nahe beim Münster. Die Idee, ein Steindruck-Atelier für Künstler aufzubauen war plötzlich ganz klar in meinem Kopf. Nicht nur der herrliche Münsterbau war mein Nachbar, genau gegenüber meiner Werkstatt gabs die Galerie Beyerle.


Eine meiner ersten Litho-Pressen

Herr Beyerle fand Gefallen an meinen lithografischen Fähigkeiten, und da er gerade eine Mondrian-Ausstellung vorbereitete, brachte er ein Bild des Künstlers in mein Atelier. Er wünschte sich ein handlithografiertes Plakat, in Größe und Gestalt genau nach dem Original. Ein echter Mondrian! Ich war im siebten Himmel!

Es entstand ein 5-farbiges Plakat, Auflage: 300. Ich war gerade mal Achtzehn und steckte noch in meiner Lehre. Während der Wochen des Druckens beherbergte ich einen echten Mondrian in meiner kleinen Werkstatt. Gedruckt hab ich abends und ganze Nächte durch.

Etwa 50 Plakate wurden verteilt und der Rest zum Verkauf angeboten. Zum ersten mal in Beyelers Geschichte wurden alle Plakate noch vor der Vernissage verkauft. Die Nachfrage war so stark, Beyeler bestellte bei mir nochmals 500 Plakate, die Einmaligkeit. ein richtiges Steindruckplakat zu erwerben war enorm groß.

Die Nachbestellung machte mir große Sorgen, denn meine Hand- und Schultergelenke waren so stark entzündet, da ging nichts mehr. Mit Beyelers Einverständnis sollten die 500 Plakate unter meiner Aufsicht auf einer Steindruckschnellpresse gedruckt werden, die ich noch ausfindig machen musste.

Beim Kauf einer Handpresse (ich besaß inzwischen drei) in der ehemaligen kleinen Steindruckerei im Clarahofweg in Kleinbasel entdeckte ich eine Schnellpresse. Sie war schon über zehn Jahren nicht mehr in Gebrauch.

Aus nostalgischen Gründen wollte die Besitzerin unbedingt mit ihrem ehemaligen Drucker, einem noch gelernten Steindrucker diese 500 Plakate drucken. Aber mein Auftrag wurde zum Desaster, denn diese Schnellpresse wurde ehemals nur für Etiketten verwandt, also für kommerzielle Drucke. Büttenpapier zu bedrucken war das Problem und natürlich meine Druckvorlage, das von Hand gedruckte Plakat. Die 500 Plakate kamen dann doch noch rechtzeitig zur Eröffnung. Da ich nie etwas über den Verkauf erfuhr, vermute ich, sie wurden vernichtet.

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Morgenlandreise 68

Saß gestern abend in der Bar des Taj Mahal bis 2 Uhr in der Nacht klönend beisammen mit Erica und Alexander. Erica ist aus Detroit, sie hat den Ehrgeiz, unabhängig und allein Indien zu bereisen, sie schreibt für den New Yorker und eine londoner Zeitung. Alexander ist Pelzhändler, aus Hamburg, der irgendwie irgendwann nach Kamtschatka will.


Taj Mahal

Das Taj Mahal, ein obszöner klotziger Prachtbau, beherbergt Geschäftsleute (meist Waffenhändler), Diplomaten, Mafiosi aus aller Welt. Keiner von uns ist hier abgestiegen, wir lassen uns nur hin und wieder in einer der Barecken nieder. Drei Minuten wachen Auges in der Lobby, dann weißt du bei einigem Takt und Instinkt, wem du aus dem Weg gehen mußt, und wer für einen sympathischen Schwatz infrage kommt. Nie und nimmer hätte ich diesen Prachtkasten betreten, hätte mich nicht ein Holländer, dem ich in der Muttonstraße begegnete, weil er wie ich auf der Fährte einiger erschwinglicher Kunstschätze war, eines Abends mit hingeschleppt. Jetzt macht es mir Spaß, mich in einige Sessel zu fläzen, wie wenn ich dazugehörte. Auch die große Welt, merke ich, wird von kleinem Format bevölkert. Und je kleiner das Format, je größer der Aufwand, bedeutend und groß zu erscheinen. Es gibt allerdings auch die unscheinbare Variante, die sehr harmlos und durchschnittlich erscheint und es faustdick hinter den Ohren hat. Es wird an mir sein, die Augen offenzuhalten, um mich einiger Irritationen zu erwehren. Frage mich, wie die Kellner und Hausdiener mit all diesen Leuten umgehn. Und welche Erfahrungen sie so machen. Mit Schwarzen, Hellhäutigen, Gelben, Schokoladigen. Mit verführerisch schön aussehenden Frauen, alten Schachteln, dickwanstigen häßlichen Männern. Sie nicht nur außen, vielmehr innen zu erkunden. Ein gutaussehender charmanter Mann kann ein ausgewachsener Fiesling sein, eine alte Vettel eine intelligente warmherzige Frau. Die Nahtstelle, wo sich Herrschende und Untergebene in einem Hotel treffen, ist der Ort des Geschäfts. Und Geschäft regelt alles, denke ich mir. Einer Hundertdollarnote sieht man nicht an, ob sie von einem korrupten Diplomaten oder einem integren Farmer kommt. Wer sich mit dieser Einsicht zufrieden gibt, muß noch kein Schuft sein, aber er wird mehr und mehr angekratzt, und ich hoffe für mich, kein Zyniker zu werden.

Alexander machte den Vorschlag, wir könnten uns anderntags treffen am Hafenkai, hier ganz in der Nähe vom Taj Mahal, wo es eine Frühstücksbude gibt. Am Kai fanden wir ein Ruderboot und bald einen Jungen, der es uns vermietete, und einen zweiten dazu. Sie wollten unbedingt mit. Wir pullten durch das Hafenbecken, hielten auf einen kleinen Leuchtturm zu. Er ragte wie ein dicker Pfahl aus dem Wasser, umspült von einer wilden Strömung. Eine Viertelstunde brauchte unser Manöver, ihn nahe zu umkreisen. Wir ruderten, ruderten, das Boot kam nicht vom Fleck, drehte sich im Kreis, wollte sich aber in keine Richtung vom Leuchtturm fortbewegen lassen. Wie ein Malstrom, dessen Zentrum der Leuchtturm war, hielt uns das Wasser gefangen und spielte mit uns. Die Jungen machten verschreckte Bewegungen und bange Gesichter. Wir alle bekamen es mit der Angst. Schließlich gelang es uns, um den Turm herumzukommen. Erica versuchte sich gegen ihn zu stemmen, strauchelte und fiel fast über Bord. So schwierig es war, die Strömung zu beherrschen, so schnell schossen wir endlich aus ihr heraus. Einige Minuten später holte uns ein Hafenwachboot ein. Wir kletterten hinüber, unser Kahn wurde ins Schlepp genommen. Die Matrosen waren es einigermaßen zufrieden, als sie uns heil an Bord hievten. Wir hockten uns schuldbewußt und stumm in eine Ecke, angefüllt mit Schrecken in allen Gliedern. Ich hatte weiche Knie und streckte alle Viere von mir. An der Hafenmauer wurden wir von einer aufgeregten Menschenmenge empfangen, darunter die besorgten Väter der Buben und der wütende Besitzer des Ruderboots. Erica war die Mutigste von uns, sie ging zum Besitzer des Boots, gab ihm ohne Umstände mehrere Dollarscheine und machte eine Geste zu den verängstigten Buben hin. Die sahen uns hilflos nach, als wir uns mit kleinlautem Winken davonmachten.

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Glücksfragen

Ich schlage mich schon seit mehreren Jahren mit merkwürdigen Fragen herum.

Eine Fabel berichtet von einem chinesischen Bauern, dessen ganzer Besitz und Reichtum ein Pferd war.

Eines Tags lief dem Bauern sein Pferd weg, war unauffindbar verschwunden. Da kamen die anderen Bauern des Dorfs und klagten: Welch ein Unglück, welch ein Unglück! Der Bauer aber sagte nur: Weiß ich, ob es Glück oder Unglück ist?

Eine Woche später kam sein Pferd plötzlich zurück – und hatte fünf Wildpferde im Schlepp. Da jubelten die anderen Bauern: Welch ein Glück, welch ein Glück! Der Bauer aber sagte nur: Weiß ich, ob es ein Glück oder Unglück ist?

Der einzige Sohn des Bauern war 15 Jahre alt, ein echter Draufgänger. Er wollte unbedingt das wildeste der Wildpferde einreiten, wurde abgeworfen und brach sich ein Bein. Da kamen wieder die anderen Bauern des Dorfs und klagten: Welch ein Unglück, welch ein Unglück! Der Bauer aber sagte nur: Weiß ich, ob es ein Glück oder Unglück ist?

Drei Tage später zogen marodierende Soldaten durch das Dorf und zwangen alle jungen Männer, als Söldner mitzukommen. Nur einen nicht.


Collage: Marianne Mairhofer

Soweit die Fabel. Aber was ich mich frage: Wie ging es weiter? Was passierte dem Bauern Glücklich-Unglückliches noch? War er überhaupt einmal richtig glücklich? Oder unglücklich? Oder beides? Oder beides nicht? War Glück für ihn nur ein Wort, das die anderen gebrauchten, ihm aber nichts bedeutete? Geht ein Leben ohne glückliche und (genau so viele) unglückliche Gefühle?

Und das Pferd, das ausriss – war es dabei glücklich? Oder das Wildpferd, als es den Sohn abwarf? Oder unglücklich? Können Tiere glücklich sein? Ja? Dichten wir da etwas in sie hinein? Wir Glücksritter … die das Glück reiten … bis es uns abwirft oder uns fest im Sattel hält?

Na denn. Weiß ich, ob solche Gedanken ein Glück oder … Nee, Schluss, zum Glück. Sonst gibt es ja noch ein Gedanken-Un … Glück.

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