Wanderer, Läufer und Tippelbrüder Folge 3

In der Wirtschaft bin ich der erste Gast an diesem Morgen. Man ist erstaunt, als ich sage, ich sei allein. Und, nein, ich habe nicht vorbestellt. Ich möchte nur frühstücken, ich komme zum erstenmal. Nur einfach frühstücken geht nicht, es gibt eine Anrichte voller Köstlichkeiten, ich darf mir von allen soviel nehmen wie ich will. Und bitte, hier ist noch eine Ecke frei, alle anderen Tische sind vorbestellt. Als erstes ein Glas Apfelsinensaft, es kommt unbestellt von allein. Dann ein Heißgetränk. Welches? Einen Milchkaffee, bitte. Alles in der Pauschale von Zwölffünfzig inbegriffen. Heute ist Sonntag und Reformationstag, da darf man nicht kleinlich sein. Und inzwischen füllen sich die beiden ineinandergehenden Gaststuben mit Großfamilien. Manche haben zwei Kinderwagen dabei und drei Hunde. Und einen Säugling noch auf dem Arm der Großmutter. Und alle, die sich bei mir vorbeischieben, wünschen mir einen guten Appetit. Es herrscht große Verbundenheit in der Berufsgruppe der Ausflügler. Sie kommen aus einer Richtung, die ihnen erlaubt, mit Autos vorzufahren. Die Brötchen sind winzig, sehr schmackhaft und noch warm. Was heißt hier winzig, du darfst dir soviel davon nehmen wie du verkraftest. Und erst von dem, was in den abgedeckten Kesseln schmort und dampft. Nein danke, ich nehme mir vielleicht noch ein Hörnchen. Und noch einen Milchkaffe bitte. Wie Sie mögen.


Zeichnung: Rolf Hannes

Ein Familienvater, er schiebt nur einen Kinderwagen vor sich her und hat nur einen Hund im Schlepp (einen riesigen weißen wohlerzogenen Labrador) und eine Frau und ein Kind, er rummst zum zweitenmal an meinem Tischbein vorbei. Er findet seinen vorbestellten Platz nicht. Er nickt mir jedesmal mit bittstellernden Augen zu. Ich würde sonstwas für ihn unternehmen, ich weiß zugut, wie ihm zumute ist.

Vierzehnzehn, sagt die hübsche, sehr zuvorkommende Bedienung, und ich erinnere mich: zwölffünfzig. Ja, bei einem Kaffee, den zweiten müssen wir extra berechnen. Aha, also fuffzehn, und beiderseits noch einen schönen Tag, und wenn Sonntag und Reformationstag zusammenfallen, kann man nicht kleinlich sein. Bei zwölffünfzig, soweit war ich vorauseilend in Gedanken, kann ich leicht auf dreizehn aufrunden. Geschickt, diese Leutchen. Ich will mich nicht knickrig zeigen und sage mit Leichtigkeit: fuffzehn. Und im Hinausgehn überlege ich: 90 Cent, das waren mal eine Mark achtzig. Das war mal ein kleiner Kaffe mit Brezel bei Edeka (stehend), war einmal. Und ging leicht auf 2 Mark aufzurunden. Geschickt, diese Gehobene Gastronomie heutigentags.

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