Traum vom Fliegen

für Alexandra

Ich stand, etwas düsterer Stimmung, im Stadtpark und beobachtete ein Blatt, das zu fallen drohte. Es war bereits verfärbt: Braun und rot und strahlte diesen merkwürdig morbiden Glanz aus, den Herbstblätter an sich haben. Die Sonne spielte diesen Farben in einer Art letzter Kraft vor dem Untergang das tödliche Aroma zu. Mich fröstelte etwas. An das Meer musste ich dabei denken, an eine Brise, die mir durchs Haar weht und an die Möglichkeit zu fliegen. Weit weg zu fliegen: Ein Schwan unter Schwänen zu sein, entlang der untergehenden Sonne. Zu fliegen und zu verschwinden, dachte ich. Vielleicht lag der Grund meiner Melancholie darin, dass ich mich allein fühlte, verliebt und verlassen. Aber ich hatte sie ja nicht gefragt, die Frau meines Herzens, aus Feigheit meine Gefühle nicht offenbart. So war ich, wie so oft in meinem Leben, allein zurückgeblieben.

Ich stand weiter vor dem Baum, dessen Blätter leise raschelten, und hatte nur Blick für das eine Blatt, das noch zart am Baum hing.


Zeichnung: Rolf Hannes

Plötzlich riss ein Windstoß es ab von seiner dünnen Bande zum Baum und wehte es davon. Es war so leicht und flog so bewegt und beinahe fröhlich wirkend in die Ferne. Dann war es weg. Jetzt fühlte ich mich, als hätte der Windstoß nicht nur ein harmloses Blatt vom Baum geweht, sondern ein Stück meiner Seele mit hinfort geblasen. Mit dem kleinen Blatt war also ganz plötzlich ein Riss in mein Innenleben gekommen, und ich spürte die Verwirrung in mir, setzte mich auf den kühlen Boden, und sah kaum die Lücke im Blattmeer des Baums vor mir, wo noch vor Sekunden das mir schon so vertraute Blatt gehangen hatte.

Fortsetzung folgt.

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