Traum vom Fliegen Folge 3

für Alexandra

In einer Kneipe bestellte ich ein Bier und sah, wahrscheinlich recht düster, vor mich hin. Eine Frau sprach mich an mit dem Satz, schon viele Bäume hätten ihre Blätter verloren, und auch sie spüre den Herbst. Ich lächelte ihr zu, hob mein Glas und dachte dabei ans Meer, an eine Brise, die mir durchs Haar weht und ans Fliegen.

Als ich nach Hause kam, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und betrachtete länger den Telefonapparat. Aber ich rief die Frau meines Herzens nicht an, dachte nicht nur ans Meer, an die Brise, die durch mein Haar weht, nicht nur an einen Schwanenzug bei Sonnenuntergang, ich dachte an ein sterbendes Blatt, welches sich zurück sehnte, an seinen Baum. Ich trank noch ein Bier, legte mich dann schlafen und träumte vom Fliegen. Ich flog leicht wie eine Feder durch eine Häuserschlucht, vorbei an einem Fenster, wo die Frau, die mich in der Kneipe angesprochen hatte, gerade die Fenster schloß und mir nachrief, daß die Herbstblätter nun sterben und nie mehr Sommer sei.


Zeichnung: Rolf Hannes

Traurig und mit trockenem Mund erwachte ich, trank ein Glas Wasser und betrachtete, im Dunkeln sitzend, wie der Regen gegen meine Fensterscheibe schlug und wie die Tropfen an der Scheibe herabrannen.

In meinem Buch wußte ich ein trockengeriebenes Herbstblatt und in meinem Herzen einen unbewohnten Ort.

Erst als langsam der Tag erwachte, ging ich wieder zu Bett und schlief traumlos bis in den Nachmittag.

So vergingen noch einige Tage, ich sah noch mehrere Jalousien sich vor mir verschließen, saß öfter in der Kneipe, sammelte aber keine Herbstblätter mehr, dann: Kam der Winter.

Ende

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