Traum vom Fliegen Folge 2

für Alexandra

Irgendwo hinter mir lebte diese Welt, saßen Menschen lachend in Kneipen, irgendwo, weit weg von mir und doch nur um einen kleinen Fußmarsch entfernt, sahen Menschen still aus ihren Fenstern, und vielleicht flog mein Blatt an einem dieser Fenster gerade eben vorbei, spürte mein Blatt diesen kurzen Höhenflug der Freiheit, ehe es langsam, einer Feder gleich sich wiegend, seines Endes kaum bewusst, zu Boden schwebte. Die Frau vielleicht, die gerade an dem Fenster stand und das Blatt von ihrem Fenster aus beobachtete, hatte es jedoch kaum wahrgenommen. Sie hatte nur geistesabwesend dem sterbenden Blatt nachgesehen, und dann die Jalousien geschlossen, um ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen. Die Geschichte, welche die Frau zu lesen begann, handelte von einem Blatt, das sich sehnsüchtig wünschte fliegen zu können, dorthin, wo es keinen Herbst gibt, dorthin, wo eine herrliche Welt immer nur im Sommer lebt. Das Blatt klagte also den Wolken sein Leid und der Herbstwind hörte es und nahm es mit auf seine Reise. Das traurige Ende der Geschichte sollte aber so sein: das Blatt, während seines Sterbens, auf der Straße liegend in einer regennassen Gasse, wünscht sich noch einmal zu fliegen: Ich will zurück zu meinem Baum, ruft das Blatt verzweifelt zu den stummen Häusern hinauf.


Zeichnung: Rolf Hannes

Ich stand auf, blickte noch einmal über diesen Baum hinweg, mit diesem Blick, der alles und nichts erfassen kann, ich spürte eine kleine Brise durch mein Haar wehen, von der Sonne war nur noch ein zarter rosa Streifen zu sehen und der Himmel dem Schwarz schon näher als dem Blau. Langsam ging ich los, verließ den Stadtpark. Als ich gedankenverloren vom Boden aufblickte, war ich bereits in einer Straße und sah, wie jemand seine Jalousien langsam schloss. Ein feuchtes Blatt lag vor mir als ich wieder zu Boden blickte. Vielleicht lag es an meiner Melancholie, daran, mich verliebt und verlassen zu fühlen, dass ich das Blatt aufhob, es vorsichtig trocken rieb und in das Buch legte, das ich bei mir trug, jenes Buch mit der Geschichte von einem Blatt, das sich so sehr wünschte, fliegen zu können.

Fortsetzung folgt.

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