Sufi-Geschichte 28

Hinter dem Schatten


© R. H.

Hakim Sanai sagt:

Niemand weiß, wie weit es ist vom Nichts zu Gott. Solange du an dir festhältst, wirst du wandern, rechts und links, Tag und Nacht, für tausend Jahre, und dann, nach all der Anstrengung, öffnest du schließlich deine Augen. Du erkennst dich selbst, durch angeborne Schäden hindurch, umherstreifend wie ein Ochs in der Tretmühle. Aber falls du befreit bist von dir, beendest du deine Strampelei: dies Tor wird sich öffnen für dich während zweier Minuten.

Gott ist nicht bei dir, solange du festhältst an Seele und Leben: du kannst nicht beides haben, dies und das. Reinige dich für Monate und Jahre, endlos, hinterlaß dich wie tot, und wenn du das hinkriegst, erreichst du das ewige Leben.

Ohne dich – ohne dich als ein Stäubchen zu sehn, kannst du unmöglich den Grund erreichen. Das Selbst kann niemals diese Luft atmen, also geh deinen Weg ohne dich selbst.

Bleib ungerührt von Hoffnung und Angst. Für die Nicht-Existenz sind Moscheen und Kirchen eins, ein Schatten, Himmel und Hölle gleicherweise. Für den, dem Führung Liebe ist, sind Glauben und Unglauben gleich einem Schleier, der Gottes Wesen versteckt.

Ohne dein Schwert fortzuwerfen, wirst du niemals ein Schild. Nur wenn du deine Krone ablegst, bist du ermächtigt zu führen. Der Tod der Seele ist die Vernichtung des Lebens, aber der Tod des Lebens ist die Rettung der Seele.

Niemals bleib stehn auf dem Pfad: werde zum Nichts selbst für das Nichts, und wenn du beides aufgegeben hast, Eigenart und Verstehn, wird die Welt zur Welt. Wenn das Auge rein ist, sieht es Reinheit.


Hakim Sanai, berühmter persischer Mystiker, lebte in Ghazni (heute Afghanistan) von etwa 1080 bis 1141.

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