Extrapost 16

Jefta

Am 29. Januar 2019 wurde beim Bundesverfassungsgericht die Klage gegen das Jefta-Gesetz eingereicht. Die Petition wird angeführt von Marianne Grimmenstein, die 9394 MitstreiterInnen dafür fand,.

Die 93 Seiten umfassende Klageschrift, die auch für juristische Laien gut lesbar ist, kann hier eingesehen werden. Sie liest sich wie ein Krimi, sagt Frau Grimmenstein:

http://www.frackingfreieshessen.de/index.php?page=Thread&postID=8022#post8022

Wir sollten fest entschlossen sein, nicht jegliche politische Sauerei durchgehn zu lassen.


Marianne Grimmenstein mit den gebündelten Klageschriften

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Wie war‘s?


Foto: Friedel Kantaut

Es schien doch die Sonne.
Oder war es doch mitten in der Nacht.
Die einen gehen vor die Hunde,
weil sie nur Wasser trinken.
Die anderen schleichen ganz leise davon.

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Morgenlandreise 51

Die Geschichte vom Umweg

Eine Frau war auf dem Weg nachhause. Sie ging (oder war es ein Mann?) ihre Strecke wie tausendmal zuvor. Nachsinnend dies und das. Sie schaute nicht viel um sich her, sie kannte ihren Weg im Schlaf. Sie hatte einen Engel in ihrer Begleitung. Im Buch der Vorsehung, es ist geschrieben ohne Buchstaben, es ist geschrieben in Stein, in Holz, in Wasser, in Luft, in diesem Buch stand, die Frau werde sich verlaufen auf ihrem Weg nachhause. Der Engel wußte den Grund. Nämlich, auf dem Weg, den die Frau jahrelang gelaufen war, lauerte eine Schlange darauf, sie zu beißen. Das wäre ihr Tod. Und im Buch der Vorsehung stand nichts von Tod, dort stand, sie werde einen Umweg wählen. Das war die Aufgabe des Engels, sie diesen UMWEG finden zu lassen. Nichts Leichtereres und nichts Schwierigeres. Die Frau verlief sich. So sehr war sie in ihr Sinnen vertieft, daß sie den Weg nicht achtete, sie kam von ihm ab.


Relief auf einer Tür. Solche hölzernen Türen sind wie Wesen, die eine Geschichte erzählen.

Es war einer dieser Augenblicke, die gescheiter sind als wir, wir alle wissen von ihnen, wo der Mensch vollkommen abläßt von allem Kennen, Wissen, Können. Die Frau ging einfach ihren Weg, und es war der richtige.


Eine weitere märchenhaft schöne Tür, mit Eisenblech bemantelt.

Meine Beobachtung war: Meistens wohnten arme Leute dahinter. Einmal, als ich bewundernd vor einer solchen Tür stand, wurde ich auf einen Tee eingeladen.

Ich stand also gedankenverloren vor der Schönheit dieser Tür, da näherte sich ein altes Weiblein, grüßte mich mit gefalteten Händen, stellte mir ein Höckerchen hin und brachte mir im Handumdrehn eine Schale Tee.*

Alles schweigend in einem wundervollen einfachen Zeremoniell. Im Nachhinein war mir wie in einer alttestamentarischen Szene. Stellvertretend für alle Wanderer dieser Welt wurde ich bewillkommnet.


* Tee ist im Orient jederzeit in Bereitschaft, ob im Barbierladen, beim Händler im Basar, in der Herberge, im Bus, allüberall.

 

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Extrapost 15

Im Februar 2010 begannen die Bauarbeiten für Stuttgart 21. Jahrzehnte vorher schon brachten sich dutzende Politiker, Baufirmen, Architekten, Statiker in Stellung. Kurzum, alle die Unverdächtigen, die ein Milliardengeschäft witterten. Jahrelang wurden die Pläne von einer wachen Bevölkerung begleitet und heftig diskutiert und infrage gestellt.

Es gab während des ersten halben Jahrzehnts eine Schlichtungsrunde unter der Führung Heiner Geißlers, diesem Saulus, der sich offenbar zum Paulus gewandelt hatte. Während all dieser 5 Jahre hab ich die Runde von Monat zu Monat verfolgt und im Netz dazu meine Gedanken geäußert. Damals hieß mein Portal futura99; es wurde von wohlmeinenden Idioten zerstört.

Was sich im Nachhinein als Glück herausstellte, denn wenn ich bis dahin von hunderten Firmen, die alle das Wörtchen futura benützten, fortwährend belämmert wurde, konnte ich sie durch die Neugründung futura99phoenix abschütteln. Die futura entstand wie Phönix aus der Asche neu.


Ehemaliger Kopfbereich der Bahnsteige im Sept. 2014 (Foto: Mussklprozz)

Zurück zu Stuttgart 21. Anfing die Bahn listig und harmlos mit einem Kostenrahmen von 2 bis 2,5 Milliarden Euro. Die alte Masche: Klein anfangen, um dann stickum den Rahmen zu vergrößern, nach der Methode: wenn es erst mal läuft, kann es niemand mehr bremsen. Und vorneweg gebärdete sich unsre Kanzlerin als die allgewaltige Gallionsfigur. Wir alle konnten sie damals sagen hören:

WENN STUTTGART 21 NICHT GEBAUT WIRD, IST DEUTSCHLAND NICHT ZUKUNFTSFÄHIG.

Seither glaub ich dieser Frau kaum mehr was. Sollte man sie in Anlehnung zum Gröfaz zur Mäfraz küren? Zur weiland mächtigsten Frau aller Zeiten, wie sie sich selbst ja geschmeichelt sah? Oder sollte man sie im Bauloch, also dem Desaster Stuttgart 21 gleich mitversorgen?

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ANALOG

Kleinstadt – das Viertel hinter dem Stadttheater, ich wohnte allein in einem Hinterhaus am alten Judenfriedhof. Quer gegenüber in der Seitenstraße, im vierten Stock, lebten Freunde.

Wenn ich irgendwann in einer Nacht ein Bild zu Ende gebracht hatte und das Aufundabgehen davor, mich davor auf den Kopf zu stellen, oder überraschend ins Zimmer zu kommen und so zu tun, als ob ich mein Bild noch nie gesehen hätte, wenn das alles langweilig wurde, besuchte ich meine Freunde. Ich schleppte das Bild in den vierten Stock und zwang sie, es sich anzusehen und Kommentare abzugeben und trank ihren Wein.

Kann der Rechner die inzwischen größer gewordene Entfernung zu der WG in der Querstraße gegenüber ausgleichen?

Mein Bedürfnis nach Darstellung und Kommunikation ist gleichgeblieben. Meine Ungeduld erwartet von mir Spontaneität. Ich will nicht immer warten, bis ich eine Ausstellung habe, und ich überlege, ob es sinnvoll ist, meine Bilder durch digitale Treppenhäuser zu schleppen. Denn Wein kann ich später trinken.

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Das große Flattern

Am 5. Juli 2016 schrieb ich diesen Text, den ich, nachdem ich gestern stundenlang das Geschehen im englischen Unterhaus verfolgt habe, nochmals hier veröffentliche:

Meistens wurschtelt sich die Europäische Union auf dem kleinsten Nenner durch das Dickicht der Politik, und nach den Einflüsterungen der 10 000 Lobbyisten ist das der Status Quo des Kapitalismus.

Nachdem nun die Hälfte der Briten die Schnauze voll hat von der Gängelei Brüssels und dem Gesäusele von Freiheit und Frieden für die Länder Europas, ergreift die brüsseler Bürokratie das große Zittern.

Wie sehen sie aus, die beiden Hälften in Großbritannien, die Hälfte, die sich für den Austritt, die andere, die für den Verbleib gestimmt hat? Ich habe mir 2 Gespräche angehört. Eins, geführt unter einigen Fischern in Cornwall. Ihre Meinung: Sie verarmen unter der behördlichen Gleichgültigkeit ihrer Regierung. Wie ich sie verstand, meinten sie weniger die behördliche Willkür Brüssels, als den Umstand, daß Brüssel sich nicht um ihre soziale Not kümmert oder sie zuläßt. Und wenn es so ist, brauchen sie dieses Brüssel nicht, diese herbeigewünschte und herbeigefaselte Europäische Union, die ewig das Lied der Freiheit singt, die nur die Freiheit des Kapitals meint. Vielmehr brauche Brüssel einen Tritt vors Schienbein, damit sich dort einiges verändert.


Holzschnitt von Isaac Robert Cruikshank, 1873: Die Esel im Parlament
(gleichen den heutigen auf den Regierungsbänken auffallend) © Britisches Museum

Und wie sah das andre Gespräch aus? Es war ein Interview mit einem Bänker aus der City of London. Einem dieser gegeelten Fatzken im Maßanzug, der täglich mit einer Meute seinesgleichen Milliarden um den Globus jagt, um aus Geld Geld zu hecken. Er sagte: Es wäre eine Katastrophe für die Wirtschaft Englands, würde die Wahl für den Brexit ausfallen. London könnte den ersten Rang unter den Finanzplätzen verlieren. Und als sein Gesprächspartner durchblicken ließ, Frankfurt könne dann möglicherweise die Rolle Londons übernehmen, sagte er unumwunden, dann müsse er wohl nach Frankfurt ziehen.

Was zeigen uns diese beiden Standpunkte? Sie zeigen eindeutig: Die kleinen Leute, die, die sich durchschlagen müssen mit kleinem Lohn und kleiner Rente, die zeigen Brüssel den blanken Arsch. Die anderen, die Profiteure beim Maggeln und Schachern, sie möchten den Brüsselern den Po schlecken.*

Auf beiden Seiten gibt’s eine Menge Wankelmütiger. Gehören sie zu denen, die sich fürs Bleiben hätten entscheiden sollen, obwohl sie für Nein stimmten, oder hätten sie fürs Aussteigen stimmen sollen, obwohl sie sich fürs Drinbleiben entschieden haben? Fragen sie sich. Das sind die Leutchen der Mittelschicht, die nicht recht wissen, wo sie am besten fahren. Sie hängen ihr Fähnchen am liebsten in den Wind, der ihnen die meisten Vorteile verspricht.

Nun, wie auch immer, wenn sich die Apparatschiks in Brüssel und sonstwo, etwa der Nobel-Mafioso Jean-Claude Juncker, oder der Süßholzraspler Martin Schulz, oder unsre Mutti Merkel sich nicht bald etwas einfallen lassen, wird es zuende gehn mit der bürokratisch unzulänglichen EU.


*Anders die Situation in Schottland. Die Schotten waren mehrheitlich für den Verbleib in der EU. Schon um den Engländern, die sie hassen, eins auszuwischen. Und was hört man aus Nordirland grummeln? Dort möchte die Elite, diejenigen, die fürchten, es könnten ihnen außerhalb der EU die Fälle davonschwimmen, sie möchten sich am liebsten mit Irland wiedervereinigen. Ohoh, Old Albion, es steht schlecht um deine Zukunft.

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Das ist doch löcherlich!

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Hat Tucholsky gesagt. Das stimmt ja auch – und wiederum auch nicht. Denn wo ein Loch ist oder eine Lücke oder ein Riss, ist oft auch Ärger. Den will man zustopfen. Beziehungsweise das, das Loch, und damit auch ihn, den Ärger.

Seit längerem blicke ich von meinem Lieblingssessel aus auf ein Loch, vielmehr ein Löchlein, daumengroß, in der Wand gegenüber. Die Tapete hinter den Heizungsrippen ist eingedrückt, es handelt sich also mehr um eine Delle als um ein tiefes Loch. Sitze ich im Sessel, fällt mein Blick unweigerlich auf das Loch. Er wird geradezu angezogen von dieser Hässlichkeit. Vom Mangelhaften. Dem Reparaturbedürftigen. Ich kann nicht darüber hinwegsehen oder daran vorbei oder in mein Buch oder in die Zeitung. Ich starre auf dieses Loch, ein leichtes Unwohlsein breitet sich in mir aus, das sich steigern kann bis zum Ärger, bis zum Nicht-mehr-Aushalten. Dann muss ich aufspringen, wütend und verzweifelt darüber, dass ich mich von einem Loch in der Wand beherrschen lasse. Löcherlich ist das!


Collage: Rolf Hannes

Dieses Loch hat zu viel Einfluss auf meine Stimmung. Ich muss etwas tun. Also besorge ich im Baumarkt eine spezielle Spachtelmasse für Rauhfasertapeten. Es gelingt mir durch akrobatische Verrenkungen meinen mit der Spachtelmasse beschmierten Zeigefinger hinter die Rippen des Heizkörpers zu schieben. Das Loch ist gefüllt. Dem habe ich’s gegeben! Kein klaffendes böses Grinsen mehr von der Wand. Ich bin zufrieden. Selbst ist die Frau.

Die Zufriedenheit wärmt mich bis zum nächsten Tag. Mein Blick fällt – nein! nicht etwa auf die perfekt reparierte Stelle – auf ein weiteres Löchlein, viel kleiner als das andere, direkt unter dem Fensterbrett.

Ich sitze so wie ich immer in meinem Sessel sitze. Fixiert auf Loch Nummer eins habe ich Loch Nummer zwei die ganze Zeit nicht gesehen!?

Tucholsky hat gefragt: „Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? Oder läuft es zu einem anderen Loch, um ihm sein Leid zu klagen

Ich vermute letzteres, aber mehr noch als die Tatsache, dass es offenbar mehr Löcher in der Tapete gibt als ich zunächst gesehen habe, beschäftigt mich nun die grundsätzliche Frage: Warum fällt mein Blick auf die Löcher in meinem Leben, warum wird er von Löchern und anderen Mängeln geradezu zwanghaft angezogen? Ich komme ja bald zu nichts anderem mehr als zum Löcherstopfen. Soll in meinem Nachruf einmal stehen: Sie war Meisterin darin, Löcher aller Art zu stopfen!? Nein!

Ich brauche ein neues Verhältnis zum Loch. Ein Loch soll da sein dürfen, wo etwas nicht ist. Es soll nichts sein dürfen. Nichts, das mich berührt, auffordert und anklagt. Lochlos glücklich will ich sein!

Das ist nicht löcherlich!

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DE JANEIRO

Willi van Hengel, seit Jahren einer unsrer kreativsten und exzentrischsten Autoren, zeigt in der legendären Brotfabrik in Berlin-Weißensee sein Theaterstück:

Viel Aufsehn, begeisterte Besucher, rundum gelungne Theaterabende, das wünscht futura99phoenix.

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Morgenlandreise 50

Karatschi

Seit ein paar Tagen bin ich in Karatschi, sie ist die irrste Stadt, der ich je begegnet bin. In 10 Tagen, heißt es, gehe ein Schiff nach Bombay.

Vorgestern früh in meiner kleinen Gasse, als ich dabeiwar, mich unter einer am Wegrand freistehenden Pumpe zu waschen, erschlugen ein paar Kinder eine Ratte. Eins hatte sie mit einem Stein getroffen. Alle miteinander warfen sie nun Steine auf das verschreckte Tier, bis es zuletzt unter einem Steinwall begraben lag. Diese Ratten sind nicht die bösartigen, unsichtbaren Kanalbewohner wie in Deutschland. Hier spazieren sie dick und fett am hellichten Tag über Mäuerchen, Dächer und Straßen. In Mersin (Türkei) tummelten sich kaninchengroße Ratten zwischen den von der See ausgespülten Steinblöcken der Hafenmole. Die Kinder stöbern sie auf, indem sie mit Gerten die Ratten aus ihren Löchern stochern und bewerfen sie mit allem Möglichen, was sie grad in die Hand kriegen. Das ist ein kurzweiliges Spiel der Kinder. Sie lachen und freuen sich, die Ratten fürchten um ihr Leben.

Meine Behausung ist ein Loch ohne Fenster und festen Boden. Sie hat eine solide Stalltür mit einem Vorhängeschloß dran, und, wie schon vermerkt, vor der Tür ist meine Waschstelle. Alle in der Gasse der Ölsardinen (wie ich sie für mich nenne, ich glaube sie hat gar keinen Namen) holen sich ihr Wasser dort. In dem Schiffahrtsbüro, das ich bei Ankunft gleich ansteuerte, um das nächstbeste Schiff nicht zu versäumen, traf ich auf einen jungen Mann, tiptop europäisch in Schale und mit Schlips. Er sprach mich in flüssigem Englisch an, ob ich eine Schlafstelle suche. Er sah meinen Seesack, ich sah sein ehrliches Gesicht, er sah mein erstauntes Gesicht, er schätzte mich richtig ein, ich schätzte ihn richtig ein. Und so kam der Handel zustande. In dieser Stadt, sagte der junge Angestellte im Haus des Schiffahrts- und Flugbüros, wo es so viele böse Trickser gibt (so ähnlich drückte er sich aus), sei ich am sichersten in einer Straße mit armen Schluckern aufgehoben. Er hat recht, ich fühle mich in der Gasse schon wie zuhause. Abends oder nachts komme ich sehr spät und hundemüde zu meinem Schlafplatz, schlafe in meinem Schlafsack auf einer auf dem Sandboden liegenden Matratze sofort ein, morgens nicken mir die Leute freundlich zu, die Kinder lungern händeklatschend und feixend um mich herum.


Tschiel über Karatschi

Über der Stadt kreisen Adler, majestätische Vögel. Tschiel heißen sie auf Urdu. Sie stürzen sich zwischen den Verkehr, irgend etwas zu erwischen und weichen jeder Gefahr geschickt aus. Einfall für eine Geschichte: Ein Mensch, am Ende seiner Tage, verwandelt sich in einen solchen Vogel. Nun segelt er schwerelos über den Dschungel der Stadt, alle Plätze, alle Gassen und Straßen überblickend, die er als Mensch nie sah, nie fand. Aber jetzt weiß er nichts mehr damit anzufangen.

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Rollkoffer

Abenddämmerung in schwarz/weiß.
Ein heruntergekommenes Motel an der Landstraße.
Der Wind bewegt das an Ketten aufgehängte Schild.
Die Neonschrift ist dunkel, die Aufhängung quietscht.
Am Tor ein handgemaltes Schild: Mitarbeiter gesucht.
Ein schwarzer Wagen hält auf dem Randstreifen.
Ein Mann steigt aus, beugt sich ins Auto, greift seinen
abgewetzten Koffer und geht auf das Motel zu.

Wenn ich diese Szene mit einem Rollkoffer drehe,
baut sich statt Atmosphäre und Spannung nur Lärm auf.
Oder, zwei Liebende, die über ihre Gefühle reden,
begleitet vom Rumpeln der Hartgummiräder auf Kopfsteinpflaster.
Die Vorhölle für jeden Tontechniker.

Nachdem der Mensch das Rad erfunden hat,
muss etwas schiefgelaufen sein,
und der Teufel erfand den Rollkoffer.

Trotz einer identischen Silbe hat ein Rollkoffer
überhaupt nichts mit Rocknroll zu tun.
Welcher Musiker zieht seine Gitarre hinter sich her
wie eine gottverdammte Tigerente. Total unsexy.


Foto: Friedel Kantaut

Als meine Oma noch zum Wochenmarkt ging,
hatte sie ihren Rolli dabei, um ihre Einkäufe nach
hause zu ziehen. Okay, sie war alt, und es gibt keinen
Grund für Milliarden Reisende, sie nachzuahmen.

Moderne Nomaden ziehen ihr Überleben hinter sich her,
getrieben vom unrhymthmischen Lärm der Hartgummiräder.
Also gut, der Rollkoffer ist praktisch und entlastet deinen Rücken.
Aber, was willst du mit einem gesunden Rücken,
wenn du nie den aufrechten Gang gelernt hast.

Beim nächsten Mal rede ich über eine weitere Schöpfung
der Hölle, dem Etagenbett, und über finnische Möbelhäuser.

Bedankt.

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