Morgenlandreise 15

Anderntags, nachdem ich erfahren hatte, es gebe keine Grenzstation, außer (vermutlich?) bei Basra, fuhr ich in einem Taxi zur deutschen Botschaft. Sie liegt in einem parkähnlichen Grundstück, davor gibt es einen Platz mit Bänken, wenn es noch so ist, wie ich es damals antraf. Im Zickzack lief ich um die Bänke herum, setzte mich für eine Weile, lief dann wieder eine Strecke, dann endlich auf die Botschaft zu. Kein Mensch weit und breit, ich kam mir vor wie in einem Einmannstück. Schließlich faßte ich mir ein Herz und klingelte an einem großen schmiedeeisernen Tor. Ein Männlein (irakischer Hausmeister?) kam dahergeschlurft und fragte mich durch die Stäbe, was ich wolle. Ich möchte den Botschafter sprechen, antwortete ich, und dachte bei mir, bloß nichts Subalternes. Der sei nicht da, und heute sei gar niemand zu sprechen, nobody, sorry. Damit ließ er mich wieder allein vor verschlossenem Tor. Ich nahm es wie einen schicksalshaften Wink, denn mir war bewußt, wenn ich mich einmal in der Botschaft erklärt hätte, wäre meine Reise beendet gewesen.

In der Nacht war ein Plan in mir gereift: Entweder ich begebe mich in die Obhut der deutschen Botschaft oder muß in den Süden Iraks, nach Basra. Der Kaufmann im Mercedes hatte mir versichert, es gebe außer bei Basra wahrscheinlich keinerlei Grenzübergang in den Iran. Er zeigte mir auf seiner Karte diese Stelle, wo 2 Städte nahe beieinander lagen: Basra im Südosten des Irak und Khorramshar im Westen des Iran. Wenn es einen Grenzübergang gibt, dann dort, dachte ich, und vielleicht, wenn die Weiterreise über Land sich als zu schwierig darstellt, könnte ich am Persischen Golf ein Schiff bekommen, das mich nach Indien bringt. Ich führte nichts Bösartiges im Schilde, konnte jedermann von meiner Arglosigkeit überzeugen und war mir meines guten Sterns bewußt.

Hauptbahnhof in Bagdad, wie er zu meiner Zeit ausgesehen haben mag.
Foto: Wikipedia

Auf dem Vorplatz des Bahnhofs trat ein älterer Herr auf mich zu, er sagte höflich, er sei für die Sicherheit von Ausländern zuständig, womit er mir dienen könne. Ich möchte nach Basra, sagte ich ebenso höflich. Wir benahmen uns wie zwei gentlemen zueinander. O gewiß, dabei könne er mir helfen, ob er einmal meinen Paß sehen könne. O gewiß, sagte ich und reichte ihn ihm. Er prüfte ihn mit aller Umständlichkeit und fand nichts Verdächtiges. Wie erwähnt, ich hatte nur ein afghanisches Visum, in schönen arabischen Lettern ausgeführt. Inzwischen nahm ich an, die meisten Iraker könnten weder lesen noch schreiben, sie sind schlicht Analphabeten, und so hielten sie mein afghanisches Visum für ein irakisches. Ein Ausländer ohne ein solches, das wußten sie, wäre sofort aus dem Verkehr gezogen worden. Ein Fremder, der vor dem Hauptbahnhof in Bagdad erklärt, er wolle nach Basra fahren, ohne ein irakisches Visum im Paß, war schlechterdings nicht vorstellbar. Mein afghanisches Visum mußte ein irakisches sein, alles andre war zu ungeheuerlich, zumal in meinem Aufzug, mit Stiefeln und olivgrünem Seesack. Der Mann besorgte mir eine Fahrkarte nach Basra. Er hatte sich seinen Bakschisch verdient, wir trennten uns wie alte Bekannte.

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Am Ufer des Pauls

Radierung für Jean Genet: Rolf Hannes

Am Ufer des Pauls

So tun. Ach nee, sollt ja
von Rilke was werden. Also: wie
sterben. Nee. Das war in
Paris. Erzähl mir von Pauls
Tod. In Jena. In Paris. Vierzig
Jahre auseinander. Aber im
Kopf. Leg mich zu euch.
Nur Gras zwischen den
Fingern. Wo wärn wir sonst
lieben geblieben. Ein
Gesicht neben dem
meinen. Angeschädelt
halten wir uns auf der Spitze
des Eiffelturms. Nun sei nicht
mehr sauer. Nur weil du
nicht mehr weißt, wo
gradeaus ist …

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Hühner im Paradies 2. Folge

Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, war ich jede Woche zweieinhalb Tage in Basel, derweil die Hühner für sich allein blieben. Im Hühnerhaus eingebaut befand sich ein solarbetriebenes Stalltürchen mit Dämmerungsschalter, und innen hatte es einen großen Futterbehälter mit Körnern. Draußen fanden sie zusätzliches Futter von hunderten von Spinnen, Käfern und Würmern. Um den Durst zu stillen, hatten sie zwei mit Quellwasser gefüllte Teiche.

Wenn ich von Basel zurückkam, war mein erster Gang immer zu den Hühnern, um zum rechten zu sehen und die gelegten Eier einzusammeln. Sie bekamen auch meine Gemüseabfälle, am liebsten hatten sie die vom Spargel.

Am zweiten Tag, als ich zu den Hühnern ging, um die gelegten Eier einzusammeln, waren sie alle unter dem Hühnerhaus versteckt, außer einem, dem hatte ein Habicht die Innereien gefressen.

Mit einem schlechten Gewissen bin ich nach Basel gefahren. Als ich wieder zurückkam, oh welch ein Glück, es waren noch alle Hühner vorhanden. Doch am zweiten Tag wieder das gleiche Bild, ein Huhn war vom Habicht zerfetzt worden. So ging das auch in der darauf folgenden Woche. Wenn ich von Basel zurückkam, fand ich kein Huhn vom Habicht getötet, stets nur wenn ich in Les Grimels anwesend war.

Da wurde mir plötzlich klar, daß, wenn ich nicht da war, die Hühner sich unter dem Hühnerhaus versteckten, sobald der Habicht seine Runden flog. Aber wenn ich dort war, haben die Hühner vermutet, jetzt ist der Oberhahn hier und haben sich in Sicherheit gefühlt.


Grafik: Kurt Meier

Mit einem riesigen Fischernetz hab ich das ganze Hühnergehege abgedeckt. (Dazu brauchte ich ein 5 Meter breites Netz mit einer Länge von 150 Metern.)

Am späten Nachmittag, bevor ich den letzten Teil anbringen wollte, gönnte ich mir eine Pause. Als ich zurückkam, war der Habicht, der seine letzte Gelegenheit wahrgenommen hatte, noch im Gehege. Nachdem er sich an einem Huhn gütlich getan hatte, ist er nicht mehr hinausgekommen, die Öffnung war zu klein. Er brauchte viel mehr Platz zum Aufstieg. Mit meiner Hilfe konnte er dann doch noch aus der vorhandenen Öffnung entkommen.

Von nun an hatten die Hühner ihre Ruhe und legten die besten Eier, die ich je gegessen habe. Der Fuchs kam auch vorbei, aber das Graben war ihm zu mühsam, er gab es bald auf.

Fortsetzung folgt.

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Morgenlandreise 14

Als wir in die Stadt hinein fuhren, erzählte er mir von den tausendfältigen Schachereien und Tricks und wie korrupt alle Behörden seien. Stellen Sie sich vor, ich mit einer ganz eindeutigen Aufgabe hier, muß nach 3 Monaten zurück nach Deutschland, um mein Visum neu zu beantragen. Warte dann Wochen darauf, weil man herausfinden will, ob ich nicht doch eine jüdische Großmutter hatte. Mir fiel ein, in meinem Gepäck befand sich ein israelischer Schlafsack, möglicherweise aus der Armee, die galten in Tramperkreisen als die besten. Sollte ich offen bekennen, ich hätte nicht den Schimmer eines irakischen Visums in meinem Paß? Hätte er mir Rat gewußt? Viel eher hätte er mich auf der Stelle aus seinem Auto bugsiert.

Er erzählte von einem Kollegen, dem aufgebrachte Iraker die Autoreifen zerstochen hatten, nur weil sie vermutlich aus Israel stammten. Erst kürzlich seien zwei deutsche Fahrer umgebracht worden, ein dritter kam mit einem Kopfschuß davon. Er ist halbwegs verblödet und stottert seitdem. Niemand fahndet nach den Mördern. Wie wenn er ahnte, was in mir umging, und um mich stumm zu halten, zählte der Kaufmann alle Schrecknisse und Gefahren auf. Er wechselte mir einiges Geld und setzte mich vor dem nächstbesten Hotel ab. Ich spürte wie erleichtert er war, mich loszusein. Das Hotel war eine Absteige namens Ashur Banipal. Genau das Richtige, dachte ich, denn ich sah nicht aus wie ein Reisender, in meinen Stiefeln, den Seesack geschultert, er stammte aus dem gleichen Laden wie der Schlafsack.

 

Merkwürdigerweise fand der Mann hinter der Rezeption an meinem Paß nichts auszusetzen. Er händigte mir einen großen Schlüssel aus und winkte einen vierschrötigen Mann herbei, der mich zum Zimmer führte. Dort angekommen, fingerte mein Begleiter nach dem Schlüssel. Es schien mir nicht sinnvoll, ihn die Tür aufschließen zu lassen, denn ich ahnte, er wollte vor mir im Zimmer sein. Es war ein wenig schwierig, ihn daran zu hindern, aber ihn die Tür aufschließen zu lassen, bedeutete, daß ich ihn so schnell nicht wieder losgeworden wäre, und unter dem mißbilligenden Blick dieses Hausdieners gelang es mir, die Tür zu öffnen. Er wollte sich geschickt an meiner Seite ins Zimmer schieben, aber ich kam ihm zuvor, drehte mich zu ihm, verstellte ihm den Weg und sah ihn unmißverständlich verärgert an. Sir, sagte ich, I need my rest. Bevor ich mich befreien konnte, packte er mich an beiden Armen und zischte: Whisky, Dollari? Whisky?

Gegen meine Gewohnheit schloß ich mich im Zimmer ein. Stehenden Fußes untersuchte ich meinen Schlafsack, fand ein eingenähtes Etikett, trennte es heraus und zerstückelte es sorgfältig, um es bei nächster Gelegenheit in einem Abfluß verschwinden zu lassen. Dann lag ich für Stunden wie gelähmt auf meinem Bettgestell, zwischen ihm und mir mein israelischer Schlafsack, nicht fähig, mir vorzustellen, wie es weitergehen könne. In der Nacht, als ich wach wurde, schlich ich zur Tür und fühlte und hörte durch sie hindurch, wie mich auf der anderen Seite der Hausdiener belauerte.

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Hühner im Paradies

Ein großer Gemüsegarten, ein Kartoffelacker, Hühner, Bienen, Hund und Katzen, damit konnte ich in Les Grimels meinen Jugendtraum ausleben. Les Grimels ist ein Weiler mit 13 Häusern in den Hochvogesen, im untersten Zipfel des Departement Lorraine in Frankreich. Durch glückliche Umstände konnte ich dort ein dreihundert Jahre altes Bauernhaus mit zwei Hektar Land bewohnen und bewirtschaften.

Das Projekt Hühnerhaltung realisierte ich, nachdem die wichtigsten Kräuter gepflanzt und einige Gemüsebeete angelegt waren. Ein kleiner Kartoffelacker war auch schon in Arbeit. Hinter dem Haus war ein steiles großes Feuchtgebiet. Zuoberst eine gefaßte Quelle. Wenn das Wasser in der Zisterne überlief, verteilte es sich über das ganze Gebiet.

Im oberen Teil entstand auf 500 Quadratmetern das Hühnergehege. Umschlossen mit einem Drahtzaun, den ich auf die ganze Länge bis 35cm in den Boden eingrub. Mit einer Höhe von zwei Metern seien die Hühner vor den Füchsen sicher, sagten mir die Fachleute. Ein Teil des Hühnerhauses befand sich auf Pfählen, damit es waagrecht stand. Die Hühner hatten unter dem Haus ein gutes Versteck. An den Schmalseiten habe ich zusätzlich noch angebaut, auf einer Seite eine mit Hühnerdraht verschlossene Kükenaufzucht-Einrichtung, auf der anderen einen einseitig offenen Unterstand, damit die Hühner im Sand baden konnten.

Das eigentliche Hühnerhaus war groß, problemlos hätten drei Jugendliche darin übernachten können. Die Einrichtung hatte ich nach den neuesten Erkenntnissen einer langjährigen Untersuchung der ETH Zürich befolgt: 30 cm Einstreu, Säge- und Hobelspäne, und eine mit Hühnerdraht verschlossene Kotgrube. Die Sitzstangen auf der Kotgrube hatten alle die gleiche Höhe, so gab es keine Kämpfe um höhere Plätze.

Im Gehege habe ich dann noch zwei Teiche angelegt und einen außerhalb für die Frösche. In den obersten Teich floß das überlaufende Wasser von der Zisterne. Diesen habe ich mit Teichfolie ausgelegt, die zwei darunter ließ ich naturbelassen. Nach kurzer Zeit war die ganze Wiese trocken.


Grafik: Kurt Meier

Nun zu den Hühnern. In einer Hühnerzucht konnte ich den Restbestand von 12 Junghennen kaufen mit einem sehr schönen Hahn. Das Angebot an Hähnen war recht groß. (Männer, also Hähne gabs mehr als genug.) Verteilt, das heißt zusammengepfercht in zwei Pappschachteln, hat sie mir der Verkäufer übergeben.

Auf ihrem zukünftigen Gelände, als ich die Schachteln geöffnet hatte, dachte ich, nun werden sie mit großer Freude heraus ins Gras hüpfen. Denkste. Da sie noch nie Gras gesehen hatten, vergingen ein paar Minuten, bis sie zögerlich aus den Schachteln schlichen. Aber kurze Zeit später war die Freude spürbar, sie fühlten sich wohl in ihrem Paradies von 500 Quadratmetern Grasfläche.

Fortsetzung folgt.

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Extrapost 5


Aktionswoche vom 23. Juni bis 1. Juli 2018

Der US-Militärstützpunkt Ramstein ist ein zentrales Drehkreuz für die Vorbereitung und Durchführung völkerrechtwidriger Angriffskriege. Die meisten tödlichen Einsätze US-amerikanischer Kampfdrohnen, u.a. in Irak, Afghanistan, Pakistan, Jemen, Syrien und Afrika, werden über die Satellitenrelaisstation auf der US-Air-Base Ramstein durchgeführt.

US-Drohnenpiloten auf verschiedensten Militärbasen nutzen Ramstein für die Steuerung der Killerdrohnen in weltweiten und illegalen Kriegseinsätzen. In Ramstein analysieren und aktualisieren ca. 650 MitarbeiterInnen ständig die Überwachungsdaten der vermeintlichen Zielpersonen und leiten ihre Daten dann weiter.

Die US-Regierung hat mittels Drohnen in Pakistan, Jemen und Somalia fast 5000 Menschen außergerichtlich getötet sowie über 13.000 im Afghanistan-Krieg. Ungezählte Opfer gab es durch US-Drohnen im Irak, in Syrien und in Libyen. Die große Mehrzahl der Opfer waren Unbeteiligte wie Frauen, Kinder und alte Menschen. Die Mordbefehle werden per Joystick über die Satelliten-Relaisstation in Ramstein an die jeweiligen Drohnen übermittelt. Ohne Ramstein würde der gesamte Drohnenkrieg auf unbestimmte Zeit empfindlich behindert.

Zugleich war Ramstein logistisch unverzichtbar für die Durchführung des brutalen US/NATO-Kriegs in Afghanistan und des US-Angriffskriegs im Irak. Gleiches gilt für drohende US-Interventionskriege, einschließlich an den Grenzen zu Russland.

Die Komponenten des US-Raketenabwehrschildes sind in verschiedenen NATO-Staaten stationiert, eine seiner Befehlszentralen ist in das AIRCOM, das Hauptquartier aller NATO-Luftwaffen, auf der US-Air Base Ramstein integriert.

Außergerichtliches Töten von BürgerInnen anderer Staaten auf deren Territorien verstößt nicht nur gegen die Menschenrechts-Charta der UNO und gegen das Völkerrecht, sondern auch – wenn das Verbrechen von deutschem Hoheitsgebiet ausgeht – gegen unser Grundgesetz. Das wollen wir nicht länger hinnehmen, weder das illegale Treiben der USA in Deutschland noch deren Völkerrechtsverbrechen von deutschem Boden aus, noch deren Unterstützung durch die Bundesregierung.

Wir fordern daher vom Deutschen Bundestag und von der Bundesregierung, den USA die Nutzung von Ramstein als Basis zur Drohnenkriegsführung zu verbieten und die Satelliten-Relaisstation zu schließen, zugleich selbst auf die Anschaffung von Kampfdrohnen für die Bundeswehr zu verzichten und die Einführung von Kampfrobotern im Militär zu ächten, sowie die illegalen Ausspähpraktiken der NSA in Zusammenarbeit mit dem BND, wofür Ramstein ein Kristallisationspunkt ist, zu beenden.

Ohne persönlichen Einsatz und demonstrative Aktionen können die brandgefährliche Militärpolitik der Bundesregierung und die Kriegshandlungen der US/NATO nicht gestoppt werden.

Deswegen rufen wir im Rahmen einer längerfristigen und umfassenden Kampagne auf zur Demonstration und Kundgebung vor der Air Base Ramstein.

Aktionsbüro Ramstein-Kampagne
Marienstr. 19/20
10117 Berlin


https://de-de.facebook.com/stoppramstein/about

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Morgenlandreise 13

Wir fuhren über Mosul, die ganze Nacht hindurch bis zum frühen Morgen. Denn, so sagte mein Fahrer, auch hier sind Kurden, genau so schlimm wie auf der andern Seite, nachts anzuhalten ist zu gefährlich. Nachmittags erreichten wir Bagdad.

Wikipedia: Karte des Irak

Endstation war ein großräumiges Gelände der irakischen Armee. Die LKWs, Sattelschlepper ohne den hinteren Aufbau, würden umgebaut, so hatte mir mein Fahrer erklärt, dort wo der Container fehle, käme ein Rammgerüst hin, um Pfähle und Rohre in die Erde zu rammen. Nun standen wir zu sechst zwischen den angelieferten Wagen und harrten der Dinge.

Der Chef der Truppe hatte in einem Büro erfahren, sein deutscher Kontaktmann sei aus der Stadt kommend unterwegs. Ich hatte mich ins Fahrerhaus verkrochen und döste vor mich hin, als ein Mercedes mit deutschem Nummernschild heranfuhr, dem ein etwa 30jähriger Mann entstieg, der offenbar für deutsche Firmen in Bagdad die behördlichen Dinge regelte. Fahrer und Kaufmann kannten einander. Großes Hallo. Dann verschwand er für einige Minuten in einer Wellblechbude und kam in Begleitung eines Soldaten zurück, der ein metallenes Köfferchen trug. Darin waren die Pässe der Fahrer, wir konnten sie darin liegen sehen, als der Soldat uns das geöffnete Köfferchen hinhielt, aber leider, leider müsse er mit der Rückgabe warten, bis sein Oberst zurück sei. Das alles sagte er in fast unverständlichem Englisch, aber die Fahrer kannten das Zeremoniell bereits: es hieß nichts andres, als daß der Bakschisch noch geregelt werden mußte.

Tut mir leid Jungs, sagte der Mercedesmann, ihr müßt noch eine Weile warten, dann werd ich euch auslösen, vorher fahre ich nochmals in die Stadt. Er setzte sich in seinen Wagen und schien unschlüssig, was er nun machen sollte. Der Soldat hielt das Köfferchen unter seinen Arm geklemmt. Da ritt mich der Teufel, wie er mich öfters reitet, wenn mir was gegen den Strich geht. Ein paar Schritte machte ich auf den Soldaten zu und sagte barsch und sehr laut: Give the passports back right now, Sir. Und machte eine Bewegung, wie wenn ich als nächstes das Köfferchen an mich reißen wollte. Der Soldat zuckte zusammen, klemmte das Köfferchen aber fest unter seinen Arm. No, I must wait, stammelte er und lief zurück in seine Bude. Die Fahrer starrten mich an, entgeistert, dann lachten sie. Der Kaufmann war aus seinem Auto gestiegen. Noch bevor er zu uns herkommen konnte, ging ich auf ihn zu und sagte: Bitte, nehmen Sie mich mit in die Stadt, ich halt es nicht mehr aus. Meinen Paß hab ich in der Tasche.

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Ghasel


Wittelsbacher Brunnen (Foto: Diego Delso)

Ghasel

Mit erhaben großer Würde
Trägt dieser Brunnen seine Bürde
Des Wassers schweren Lauf
Als moralische Hürde
Erfasst Gestein die Kraft
Und wenn das Wasser stürbe
Bliebe nur der Stein
Zerbrochen und in sich ganz mürbe
Ließ er es mit sich geschehn
’s wär ihm gleich, wenn er verdürbe


Das Ghasel ist sowas Abseitiges, um nicht zu sagen
Vertraktes, es ist wohl nur Orientalen, am ehesten
historischen Persern vorbehalten, es zu verstehn.

Nun, Bernhard Horwatitsch läßt sich nicht abschrecken,
solch schwierigen Dingen nachzuspüren.

Uns anderen bleibt nur der Versuch, sich bei wikipedia
umzusehn, wie ichs versucht hab, mit wenig Erhellung.
R.H.

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Extrapost 4

70 Jahre Nakba

Graffiti in Nazareth, 2014 (Foto: PRA)

Am 9. 4. 2018 schrieb Yara Hawari:

Es ist 42 Jahre her, dass die israelische Polizei sechs palästinensische Bürger Israels erschossen hat, als sie gegen die Enteignung von palästinensischem Land protestierten. Die Proteste waren das Ergebnis kollektiver Aktionen, mit denen sich die Palästinenser nicht nur gegen die Landnahmen Israels wehrten, sondern auch Widerstand leisteten gegen die Politik, die darauf abzielt, die Präsenz der Palästinenser auszulöschen. Der 30. März 1976 ist seitdem als Tag des Bodens bekannt, und die Tatsache, dass 2018 auch 70 Jahre nach der Nakba – dem Verlust der palästinensischen Heimat und der Gründung des Staats Israel – vergangen sind, trägt zu seiner Bedeutung in diesem Jahr bei. Der im vergangenen Monat in Gaza organisierte Große Marsch der Rückkehr ist eine Erinnerung an den Tag des Bodens, die die Palästinenser mit der Forderung nach Einlösung des Rechts auf Rückkehr verbinden. Die Tatsache, dass in diesem Jahr dreimal so viele Menschen getötet wurden, wie am ursprünglichen Tag des Bodens, zeigt, dass der palästinensische Widerstand ebenso als Bedrohung angesehen wird wie vor mehr als vier Jahrzehnten.

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Morgenlandreise 12

Da lief ich einigen Deutschen über den Weg. Sie hatten den Auftrag, 4 Sattelschlepper nach Bagdad zu überführen. Mir fiel Harun al Raschid ein und Tausendundeine Nacht. Also Irak heißt das Land von Tausend und einer Nacht. Der Gedanke, ich bräuchte ein Visum für dieses Land, kam mir gar nicht, denn für alle die vielen Länder, die ich bereisen wollte, brauchte ich kein Visum, nur für Afghanistan.

An der Grenze wurde ich eines Besseren belehrt. Meine Fahrer, gewitzte und hartgesottene Burschen, gaben sich gelassen. Sie hatten auch keine Visen, sie mußten nur ihre Pässe abgeben. Sie kannten das schon, in Bagdad würden sie sie wiederbekommen. Bitte schön, hier ist mein Reisepaß, ich war ganz zuversichtlich. Die Fahrer hatten ein offizielles Schreiben für die Überführung ihrer Sattelschlepper, trotzdem entspann sich ein stundenlanges Gefeilsche um den Bakschisch. Aus einigem Abstand sah ich dem Palaver zu. Einer der Grenzer hatte mir kopfschüttelnd und grinsend meinen Paß zurückgegeben. Das Grinsen verstand ich als Aufforderung, ich müsse ihn mit größeren Leckerbissen schmieren, als ich es schon versucht hatte, nämlich einem Kugelschreiber, einem Hemd. Er steckte die Geschenke ein, schob mir meinen Paß aber immer wieder zurück. Schließlich, dachte ich mir, ist der Paß bei mir besser aufgehoben, als bei diesen Ganoven.


In Urfa hatten mir einige Fahrer vorgeführt was Zöllner wollen: Bakschisch.

Dieses Hinundher zwischen den Grenzern und den 5 Fahrern brachte mich in einen merkwürdig halluzinatorischen Zustand. Imgrunde wurde nur gescherzt, geflucht, gestikuliert, viel Tee getrunken. Ansonsten gab es in dieser Nacht niemanden, der die Grenze überqueren wollte. Wir waren also unter uns. Die Fahrer fläzten sich über Bänke und Stühle, manchmal gesellte sich einer der Grenzer dazu, ich hätte meinen können, alles sei nur Scherz, und in Wirklichkeit gebe es weder eine Grenze noch einen Irak, der auf Grenzformalitäten bestünde. Irgendwann schubste mich mein Fahrer an, alles sei in Ordnung, der Bakschisch geregelt, wir könnten fahren. Mit mir? fragte ich. Klar, du sitzt neben mir wie mein Beifahrer.

Draußen war Nacht, 4 Sattelschlepper bewegten sich auf einen geöffneten Schlagbaum zu. Ich saß im ersten Fahrzeug. Der Grenzer schien damit beschäftigt, die Autos zu zählen, nicht die Insassen. Er hatte eine Taschenlampe, mit der er zu unserem Führerhaus hochleuchtete. Es war derjenige, der mir meinen Paß dreimal zurückgeschoben hatte. Nichts anderes erwartete ich, als daß er mir mit einer Handbewegung bedeutete, auszusteigen. Später überlegte ich: Es gab 4 Autos und 5 Fahrer. Nur eins der Fahrzeuge konnte 2 Mann Besatzung haben. Wahrscheinlich war es das letzte der 4 Fahrzeuge, worin als Zweiter der Anführer der Crew saß. Da der Konvoi im Schrittempo fuhr, langsam, langsam, langsam kriechend wie die Gedanken in meinem müden, teegeschwängerten Hirn, hatte der Grenzer das erste Fahrzeug angesichts des letzten nicht mehr im Kopf. So muß es gewesen sein.

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