Wie verletzt (Ende)


Zeichnung: Rolf Hannes

 

Damals konnte man es noch hören

In deiner Werkzeugecke oder bei deinen

Karnickeln und Hühnern.

 

Ich hab dich nie gefragt,

ob du ihnen Namen gegeben hast.

Hast du?

 

Vielleicht hast du nie einen Platz

gefunden. Außer Löcher im Hirn.

Vielleicht verklebt es dir auch

 

den Geschmack am Leben. Also:

sich selbst bestäuben.

Von der Ostsee oder von Holland

 

zu träumen,

und von da nach Amerika.

Oder wär es nicht besser gewesen,

 

sein Adressbuch zu verlegen.

Im Sommer war dein Gesicht etwas dunkler

als dein altes DDR-Radio.

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Der Verdacht


Lithografie Das Gerücht: A. Paul Weber (1893 – 1980)

Es wird getuschelt und geraunt,
geflüstert und gemunkelt,
man tut am Ende ganz erstaunt,
die Wahrheit ist verdunkelt.

Zu schön, dass es die andern sind,
die nun das Fett abkriegen,
ob Opa oder Nachbars Kind,
man spinnt, bis sich die Balken biegen.

Ein jeder tut noch was dazu,
der Tratsch, er macht Vergnügen,
er nimmt dem Opfer jede Ruh,
es weiß, dass alle lügen.

Und ist die Tat, die’s niemals gab,
enttarnt und aufgeflogen,
dann bleibt der Makel bis ans Grab,
obwohl er nur erlogen.

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ZEN 27


Zeichnung: Rolf Hannes

Der Heiligenkranz des Yakushi-Buddha

Eines Wintertags kam ein stellungsloser Samurai zu Esais Tempel. Ich bin arm und krank, sagte er, meine Familie leidet Hunger. Bitte, helft uns, Meister.

Esai war das Kind einer mittellosen Witwe, sein Leben war entbehrungsreich, er hatte nichts zu geben. Er wollte den Samurai schon wegschicken, da besann er sich des Standbilds des Yakushi-Buddhas in der Halle. Er kletterte hoch, nahm den Heiligenschein ab und gab ihn dem Samurai. Verkauft’s , sagte Esai, er wir dir weiterhelfen.

Der verblüffte aber hilflose Samurai nahm den Heiligenschein und ging. Meister, schrie einer von Esais Schülern, dieses Sakrileg! Wie konntest du so etwas tun?

Sakrileg? Bah! Ich kenne Buddhas Geist, der erfüllt ist mit Liebe und Mitgefühl. In der Tat, hätte er den armen Samurai erlebt, hätte er ihm einen Arm gegeben.

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Wie verletzt (Fortsetzung)


Zeichnung: Rolf Hannes

Und nun lass uns die geschrienen Wörter
zweier Hetären vergessen,
die ihren Job einfach nur schlecht
gemacht haben. Die Hirnkranke

streichelt dich immer noch nicht.
Sie gelingt nicht mal in ihre eignen Finger.
Da wächst dann nichts mehr an
Verwirrung. Du bist nun der Klarste

unterm Haus.
Ich vergess‘ nie mehr deinen Blick,
als ich beim Kartoffelschälen in der Küche saß.
Heute erst begreif ich,

dass du dich gewundert hast,
dass ich nicht längst verblutet war.
Selbst noch als du die Schalen
zu deinen Tieren getragen hast,

schüttelte sich ganz leicht dein Kopf
zwischen den Schultern.
Es gibt wohl doch ein Abhimmeln,
dacht ich hättest du vor dich hin gemurmelt.

Also dir selbst zugeflüstert.
Denn du hast irgendwann
am liebsten
nur noch mit dir selber geredet.

Das beruhigte mich so.

Wird fortgesetzt.

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Eine Beobachtung


© Holzschnitt R. H.

In einer Stadt, in der ich manchmal einige Wochen meiner Ferien verbrachte, hatte ich ein merkwürdiges Bauwerk entdeckt, einen Obelisk. Ich war ein Landkind, es war der erste Obelisk meines Lebens und ein rätselhaftes und wunderliches Ding, an dessen Kanten und Flächen ich in die Höhe starrte. Er stand inmitten eines Platzes, eine riesige Nadel, die in den Himmel deutete.

Zu diesem Platz strebten vier Straßen im rechten Winkel zueinander und umschlossen Platz und Obelisk gleichmäßig. Eine meiner Beschäftigungen war, mich am Rand einer dieser Straßen zu entfernen, ich lief streckenweise rückwärts (das war in den 50ern noch möglich, weil die Gehsteige noch nicht so vollgepackt waren), dabei den Obelisk unverwandt im Auge behaltend. Das Wunder war: mit jedem Schritt streckte sich der Obelisk und wuchs in die Höhe.

Näherte ich mich ihm, schrumpfte er. Er schrumpfte und wurde plumper. Wenn ich auf dem Platz angekommen war, lohnte es kaum mehr, ihn wegen seiner Größe anzuschaun.

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ZEN 26


Zeichnung: Rolf Hannes

Die Einbrecher

Gosa Hoyen pflegte zu sagen: Wenn mich Leute fragen, was ZEN ist, erzähle ich ihnen diese Geschichte.

Der Sohn eines Einbrechers, der bemerkte, sein Vater sei dabei zu altern, bat ihn, er möge ihm das Geschäft der Familie erklären, bevor er sich davonmache.

Der Vater willigte ein, und in dieser Nacht brachen sie gemeinsam in ein Haus ein. Als sie eine große Truhe öffneten, sagte der Vater zum Sohn, er solle hineinklettern und die Kleider herauswerfen. Sobald der Sohn drin war, schloß der Vater die Truhe und machte argen Lärm, so daß das ganze Haus aufgestört wurde. Dann machte er sich aus dem Staub.

Gefangen in der Truhe wurde der Junge ärgerlich und verängstigt und überlegte wie er sich befreien könne. Dann kam ihm der Einfall, ein Geräusch zu machen wie eine Katze. Die Familie befahl einer Magd, eine Kerze zu nehmen und in der Truhe nachzuschaun.

Als sich das Schloß öffnete, sprang der Junge heraus, blies die Kerze aus und sprang an der erschreckten Magd vorbei nach draußen, die Leute hinter ihm her. Er bemerkte einen Brunnen am Wegrand, warf einen großen Stein hinein und verschwand in der Dunkelheit.

Die Verfolger versammelten sich um den Brunnen, herauszufinden, ob der Einbrecher ertrunken sei.

Als der Junge zuhause ankam, war er sehr sauer auf seinen Vater, und er versuchte ihm seine Geschichte zu schildern. Doch der Vater sagte: Versuch nicht, mir die Einzelheiten zu erklären. Du bist hier. Du hast die Kunst erlernt.


Mit den ZEN-Geschichten 26 bis 30 fahren wir nun fort, im Anschluß an die
Geschichte 25, damit wir dann endlich alle beisammen im Kasten haben.

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Wie verletzt


Zeichnung: Rolf Hannes

Paul, ich mach mich mal vom Acker.
Du brütest mir zu viel in der Sonne.
Und kennst immer noch die Geschichte
jedes Bäumchens, das du gepflanzt hast.

Wie viel Schnee weht dein Flüstern
nun davon. Das kleinste Ästlein tanzt,
wenn es deine Stimme hört.
Entwirft dir deine Trance jetzt immer

noch ein Puderschmolln?
Wenn man sich nie seinem
Traum verschreibt, also nur schweigt
und verglüht …

Weißt du noch,
als von der Sense deines kleinen Traktors
der Saft der Wiese hinunterrann.
Es war dein Lächeln.

Das sich von ganz
allein gemalt hat.
Es war dein letztes Grünen.
Wir mussten uns nie begreifen

oder etwas erzählen.
Du bleibst die Lebenspoesie,
nach der ich mein Leben lang
suchen werde.

Wird fortgesetzt.

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Ramstein

Ramstein ist ein kleiner Ort in der südwestlichen Pfalz. Zu trauriger Berühmtheit gelangte er 1988 durch ein verheerendes Unglück, das sich ereignete während einer Flugschau auf der dort von den USA betriebenen Air Base. Es gab mindestens 70 Todesopfer und über 1000 Verletzte.

War dieses Unglück groß, so ist das, was diese Air Base seit all den Jahren weltweit anrichtet, ein wahres unauslotbares Verbrechen.

Ihr obliegt Planung und Steuerung der Einsätze der Kampfdrohnen, die rund um den Erdball zehntausende Menschen, Männer, Frauen, Kinder töten. Ohne allen richterlichen Beschluß, ohne jegliche Legitimation des Völkerrechts. Nur aufgrund der Behauptung, so den Terrorismus zu bekämpfen, nimmt sich die USA heraus, gezielt zu morden.


Eine der US-amerikanischen Kampfdrohnen, Foto: Paul Ridgeway

Nicht wenige ernstzunehmende Künstler, Friedensaktivisten, Politiker, Wissenschaftler, weisen nach: So wird der Terrorismus nicht bekämpft, so wird er vergrößert. Das kümmert unsre willfährige Regierung nicht im geringsten. Sie nickt alles, was der globalen Strategie der USA dient, kritiklos ab. Sie läßt sich ihr ausliefern wie ein Vasallenstaat.

Ein kleiner Silberstreif am Horizont: Vom 3. – 10. September findet in Ramstein ein Friedenscamp statt, mit viel Aufklärung, Musik*, Bewegung für Geist und Gemüt. Dabei sein wird Eugen Drewermann, Willy Wimmer (jahrelang Staatssekretär), Daniele Ganser (einer der gründlichsten Friedensforscher), Ken Jebsen, Lisa Fitz, Dieter Hallervorden undundund. Nicht nur Trübsal wird geblasen, es wird gefeiert.


*Es gibt eine sehr bekannte Band, die sich nach dem Ort (eingedenk des Unglücks), aber infolge der Unkenntnis des Namens Rammstein nannte und es so beließ. Ich nehme an, sie ist auch von der Partie.

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ZEN 16

Tuschezeichnung: Rolf Hannes

Kakua war der erste Japaner, der Zen in China studierte, und von Beginn an, das war im Jahr 1171, befleißigte er sich des Wahren Lernens.

Während seines Aufenthalts dort reiste er nicht. Er lebte auf einem abgelegenen Berg und meditierte ohne Unterlaß. Wenn Leute auf ihn trafen und ihn baten, etwas zu predigen, sagte er einige Worte, um danach seinen Ort zu wechseln, wo man ihn nicht so leicht finden konnte.

Als Kakua nach Japan zurückkehrte, erfuhr der Kaiser von ihm und bat ihn an den Hof, damit er ihn und seine Untergebenen in Zen unterrichte. Kakua stand vor dem Kaiser schweigend. Dann faltete er aus einem Ärmel seiner Robe ein Blasrohr, blies kurz hinein, verbeugte sich geziemend und verschwand. Niemand erfuhr was aus ihm wurde.


Die ZEN-Geschichten 1 – 16, die bislang in der futura99phoenix fehlten, haben wir nun hier nachgetragen. Freuen würden wir uns, wenn unsre LerserInnen die bereits erschienenen 17 – 25 nochmals entdeckten. Sie sind ganz leicht zu finden, wenn im Suchkästchen ZEN eingegeben wird.

Im Anschluß werden wir den Reigen mit den Zen-Geschichten 26 bis 30 beenden.

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Der Stempel


Foto: Klaus Ender

Der Stempel hat kein schönes Los,
man drückt stets oben drauf,
dann geht die Arbeit unten los,
er nimmt’s nicht gern in Kauf.

So geht es nun sein Leben lang,
er strampelt sich nur ab
und vor der Zukunft wird ihm bang,
sein Gummi, der macht schlapp.

Und wenn er sich mal wehren will,
weil ihm der Druck zu groß,
dann schmiert er arg und hält nicht still,
so rächt er dieses Los.

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