Es lebe der Aphorismus!

(Der 225. von 365)


Radierung: Rolf Hannes

Das Problem sind nicht die Eliten, die gab es immer schon. Das Problem heute sind Menschen wie du und ich, also die, die nicht zur Elite gehören, und die zur Transgression neigen. So verlangt man von mir bei meinen Vorträgen die Sprache der Eliten zu sprechen. Weiche ich von diesem Skript ab, werde ich bestraft, nicht ernst genommen, oder es wird gutmütig angenommen, diese Abweichung sei selbst elitären Ursprungs. Da ich ja ansonsten elitäre Sprache verwende, wird die Abweichung durchaus – findet sie im Rahmen des Erlaubten statt – als originell gesehen. Die Elite kritisiert sich gerne selbst. Jetzt aber weht ihnen ein harter Wind entgegen in Form von Ablehnung durch die nicht elitäre Klasse derer, die genug haben von dem Schein der Liberalität.

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Wunderblock 10

Kaum ver Blut.

        
Grafik: Friedel Kantaut

bis eines tags nachts herz??

Nach meiner letzten blonden
Streife schien ich nicht mal mehr
erschüttert. Ab da geplagt vom
Ficken wollen. Kein Wort konnte
man mehr mit dir reden. Hast du
kein Moped, wie Klaus? Nun
unterlaufen wir unser Leben und
unsre Gefühle schon so lange.
Nun sollte die Unerreichbarkeit
deines Geheimnisses allmählich
wohl doch auch keine Rolle
mehr spielen. Oder glaubst du
immer noch, das was du
verbirgst, wäre irgendwann mal
von Bedeutung.

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Morgenlandreise 6

Was mich am meisten und im guten beeindruckt, sind die einfachen Verrichtungen des Lebens. Etwa eine Beobachtung in Ostanatolien. Dort sah ich einige Frauen und Mädchen Getreidekörner von der Spreu trennen. Aus großer Entfernung, aber soviel sah ich: Die Kurdinnen hockten und standen um eine Plane herum, auf der sie das Getreide liegen hatten. Sie schoben große flache geflochtene Teller darunter und ließen es, indem sie sie hochhoben, langsam wieder auf die Plane rinnen. Der Wind blies die Spreu zurseite, die schweren Körner blieben auf der Plane. Das wiederholten sie Mal um Mal, so daß immer weniger Spreu zurückblieb. Vor tausenden von Jahren kann es nicht anders gewesen sein.


Kurdinnen trennen die Spreu vom Korn.

Meine Fahrer hatten mich gewarnt, ja nicht vom Auto wegzugehn. Es sei sehr gefährlich, mit Kurden Kontakt aufzunehmen. Es heißt, sie räubern ganze Busse mit Reisenden aus. Der Eufrat ist die Grenze zum Land der Kurden. Ab da flohen meine türkischen Fahrer wie gehetztes Wild über die Autostraße. Nur an von Polizei und Militär gesicherten Tankstellen wagten sie sich aus den Autos. Wenn jemand unterwegs pinkeln mußte, machte er das aus dem Fahrerhaus heraus.

Menderes hat versucht, Kurden in Häusern seßhaft zu machen. Sie haben diese für sie eigens gebauten Häuser gemieden und sind in ihre eignen, schnell improvisierten zurückgezogen. An einigen von Soldaten zerstörten Siedlungen sind wir vorbeigekommen. Die Kurden erwehren sich der zivilisatorischen Einvernahme und sie haben meine Sympathie.


[Das hab ich 1977 geschrieben. Ich hatte keine Ahnung vom politischen und militärischen Kampf in Kurdistan. Wahrscheinlich sind meine türkischen Fahrer reiner Propagande aufgesessen und haben sie an mich weitergegeben. Jedenfalls ging mir auf, daß die meisten Kurden in Häusern wohnten und keine für sie gebauten Dörfer brauchten. Ihre Häuser waren vom türkischen Militär zerstört worden, aus sinnloser Rache, weil die Kurden frei sein wollten, so frei, ihre Sprache sprechen zu dürfen].

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Nacht

Mein Traum weiß:
Das Universum ist bis auf
meine Gedanken leer.

Auch: Mich gibt es nicht.
Aber: Von wem ist die Nacht?


Foto: Johannes Tosin

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Freischwimmer


Foto: Friedel Kantaut

deine augen sind so hungrig
eine sehnsucht nach dem ufer, einer strömung, die dich trägt
deine augen sind so hungrig,
nach einer welle, die dich bedroht und deinen mut abwägt

geh doch über wasser
wandle durch die luft
zerstöre deine gruft
sei mehr als traurigkeit

deine augen sind so hungrig
du bist so klein, und so unendlich groß
deine augen sind so hungrig
entkomme der wasserhölle       lass einfach los

geh doch über wasser
wandle durch die luft
zerstöre deine gruft
sei mehr als deine traurigkeit

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Morgenlandreise 5

Ein Gang durch die Agora, das ist eine Art Markt, Basar, wachen Auges, und du denkst, die Filme von Bunuel sind in Hollywood gedreht. Morgen möchte ich dort Fotos machen. Habe Angst davor. An einem Pfahl, vor einer kleinen Metzgerei, von denen es eine ganze Straße gibt, hingen ein Dutzend Hammelköpfe, frisch abgeschlagen, mit allem Drum und Dran. Mit erschreckten Augen und Mäulern. Der Platz ist übersät mit Knochenstücken, Fellfetzen, Innereien.


Sie halten mir die Hammelköpfe hin wie Trophäen.

Mut haben, sich zu sehn. Das ist das einzige, was zählt. Und das Unmögliche. Röntgenschreibe, keine Schönschreibe bitte. In Fahrt kommen, alles weglassen, nur das: Wirklichkeit. Neben mir tötet jemand ein Huhn. Er steht mit einem Fuß auf seinen Flügeln, ein Bub auf seinen Beinen. Mit einem Taschenmesser wird dem Huhn der Kopf abgeschnitten.

Sitze derweil in der Nähe palavernder Türken, schlürfe Kawe wie sie und rühre meine Kamera nicht an.

Ich werde das wieder versuchen, es haut nicht hin. Ich bin zu nah. Und das Gefühl, Unanständiges(!) zu tun beim Fotografieren. Die Türken, Männer, Frauen, Kinder verrichten, was sie alle Tage verrichten, ungerührt, es ist ihr Leben. Nur ich, der Fremde, der Ästhet wittert das Besondere, das Exotische, die Tierquälerei.

Es sollte mich stumm und beschämt machen, genau das, statt mich sentimental zu stimmen.

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Extrapost 2

An das Bundeskanzleramt
Frau geschäftsführende Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
Willy-Brandt-Straße 1 | 10557 Berlin

Hamburg, 26. Februar 2018
Betr.: Historisch einzigartiges Experiment

Sehr geehrte Frau geschäftsführende Bundeskanzlerin Merkel,

„… Dass wir hier ein historisch einzigartiges Experiment wagen, und zwar eine monoethnische, monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird glaube ich auch klappen, aber dabei kommt es natürlich auch zu vielen Verwerfungen.“

Dies waren die Worte des Politikwissenschaftlers Yascha Mounk im Live-Interview mit Caren Miosga in den Tagesthemen vom 20.02.2018. Ich konnte meinen Ohren gar nicht trauen, was ich da gehört hatte und musste mir die Sendung unbedingt noch einmal ansehen.

In der ARD-Mediathek erschien der Hinweis „Dieses Video kann leider nicht abgespielt werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ (Quelle: Hier) Glücklicherweise bin ich aber auf YouTube fündig geworden und: Nein, ich hatte mich nicht verhört. Herr Mounk hat tatsächlich von einem historisch einzigartigen Experiment hinsichtlich der Migrationskrise gesprochen! (Quelle: HierEin Experiment mit lebenden Menschen!

Ein Experiment mit den hier lebenden Menschen

Von Frau Miosga im GEZ-zwangsfinanzierten System-TV kam keinerlei Nachfrage hinsichtlich dieser Aussage und auch in den Mainstreammedien erfolgte nirgends ein Aufschrei der Empörung. Lediglich die Freien Medien schrieben darüber. Nun könnte man ja meinen, Herr Mounk, der an der Universität in Harvard Politische Theorie lehrt, hat sich in den Tagesthemen versprochen. Interessanterweise hat er in der Spiegel-Ausgabe 40/2015 vom 26.09.2015, also zu dem Zeitpunkt, als die vermeintliche Flüchtlingskrise so richtig an Fahrt aufnahm, Folgendes geäußert:

„Vor allem geht es um mehr als ein kurzes, fremdenfreundliches Sommermärchen. In Westeuropa läuft ein Experiment, das in der Geschichte der Migration einzigartig ist: Länder, die sich als monoethnische, monokulturelle und monoreligiöse Nationen definiert haben, müssen ihre Identität wandeln. Wir wissen nicht, ob es funktioniert, wir wissen nur, dass es funktionieren muss.“ (Quelle: Hier)

Frau Merkel, Sie erinnern sich bestimmt noch an den kurzen Auftritt von Herrn Prof. Dr. Thomas Rödel bei der Einweihung des Fraunhofer Institutes in Halle im Januar 2016, als dieser ein Plakat mit der Aufschrift „Keine Experimente CDU“ hochhielt, Ihre Festrede unterbrach und aus dem Saal geführt wurde. (Quelle: Hier) Was aber passiert, wenn das Humanexperiment nicht klappt? Wurde der Souverän überhaupt zu einem solchen Feldversuch gefragt?

Schon Nicolas Sarkozy hatte im Dezember 2008 im Palaiseau in Paris von dem Ziel der Vermischung der Rassen gesprochen (Quelle: Hier) und auch der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, sprach davon, das Verschwinden von monokulturellen Staaten und den Prozess der Umsetzung der multikulturellen Vielfalt in allen Staaten weltweit zu beschleunigen. (Quelle: Hier)

Was aber ist das Endziel?

Ihnen, der Europa-Preisträgerin der Coudenhove-Kalergi-Stiftung aus dem Jahre 2010 (Quelle: Hier), sagen die Mainstreammedien nach, Sie würden die Dinge vom Ende her denken. Was aber ist das Ende, das Ziel? Die von den Herren Mounk, Sarkozy, Timmermans und Coudenhove-Kalergi angesprochene multiethnische Demokratie nebst Rassenvermischung mit einer eurasisch-negroiden Zukunftsrasse? (Quelle: Hier)

Und was sollen die vielen Verwerfungen sein? Die Aushebelung der Rechtsordnung und der Strafverfolgung, gewalttätige Übergriffe seitens derjenigen, die hier schon länger leben, und seitens der Neubürger, sexuelle Übergriffe auf Frauen u.v.m.? In diesem Zusammenhang tut sich auch der US-Chef-Globalisierungsideologe Thomas P.M. Barnett besonders hervor, dessen Bücher „Der Weg in die Weltdiktatur“ und „Drehbuch für den 3. Weltkrieg“ seit 2016 in deutscher Sprache käuflich zu erwerben sind.

Auf die unsägliche Rolle der NATO im Nahen und Mittleren Osten unter der Vorherrschaft der USA und die vielen Todesopfer hatte ich schon mit meinem offenen Brief – auch dieser wird übrigens wieder ein offener Brief – vom 23. Mai 2017 an Sie hingewiesen.

Was für ein teuflisches Spiel wird hier gespielt?

Was wird hier für ein mieses, was für ein teuflisches Spiel gespielt? Menschen werden mithilfe der NATO und deutschen Waffen aus ihren Heimatländern vertrieben, begeben sich auf den oft tödlichen Weg über das Mittelmeer und die einheimischen Bevölkerungen sollen sich ehrenamtlich als Flüchtlingshelfer betätigen und sich hinsichtlich ihrer Identität wandeln.

„Ich frage mich, wie lange wir das ohne große gesellschaftliche Verwerfungen durchhalten“, wird der Ex-BND-Chef August Hanning in der WELT vom 31.12.2017 zitiert. (Quelle: Hier) Tja, Frau Merkel, nicht nur Herr Hanning fragt sich das, sondern mittlerweile sehr viele Menschen.

Wissen Sie eigentlich, wie schlimm es sich anfühlt, wenn ein Oberstufenschüler zu einem nach einer ganz normalen Biostunde kommt und ihnen sagt, er befürchte, dass wir bald Bürgerkrieg in Deutschland haben werden? Können Sie sich vorstellen, wie sich in Deutschland geborene Schüler mit Migrationshintergrund fühlen, denen Biodeutsche auf der Straße zunehmend mit Ablehnung begegnen?

Sind Sie in der Lage, sich in Menschen hinein zu versetzen, die jahrelang in Deutschland geduldet werden, jedoch aufgrund des Duldungsstatus ihre Zukunft nicht planen können? Meinen Sie, es ist toll, wenn eine muslimische Schülerin plötzlich zwangsverheiratet wird?

Frau Merkel, nehmen Sie bürgerkriegsähnliche Zustände billigend in Kauf?

Und die Sorgen einer Mutter können Sie wohl kaum nachvollziehen. Daher empfehle ich Ihnen als Lektüre den Spiegel-Bestseller Deutschland außer Rand und Band. Durch dieses Buch können Sie sich mal einen Überblick verschaffen, wie es um Deutschland tatsächlich bestellt ist. Unter anderen Umständen hätte ich Ihnen dieses Buch übersandt, doch ich gehe davon aus, dass Sie wahrscheinlich noch nicht einmal das Buch Scharia in Deutschland von Sabatina James, welches Ihnen von Vera Lengsfeld am 3. Oktober 2015 überreicht wurde, gelesen haben. (Quelle: Hier)

Eine letzte Frage noch: Nehmen Sie mit Ihrer Weiter-so-Politik bürgerkriegsähnliche Zustände, wie sie von dem früheren CIA-Chef Michael V. Hayden in der Washington Post vom 1. Mai 2008 für europäische Länder gezeichnet wurden, nicht billigend in Kauf? (Quelle: Hier)

Mit freundlichen Grüßen
Petra Paulsen

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März


Zeichnung: Rolf Hannes

Du hoffst nicht mehr
dass das Jahr hier endet
der mitleidslose Schnee
bleibt einfach liegen
du gräbst ein Loch
in den Boden
und horchst

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Morgenlandreise 4

Tamam, ein Wort das Alles bedeutet und Nichts.

Es wird mir klar: meine Reise hat nichts mit Ferien machen zu tun. Gestern sah ich ein kleines Mädchen, vielleicht 6 Jahre alt, wie es ein andres winziges Mädchen (Schwester?) sich hockend übers Knie legte, um zu betteln. Das lag gekrümmt, mit verrenkten Gliedern, förmlich zusammengestaucht, irren Blicks stumm und reglos da. Und wurde feilgeboten wie ein Beinstumpf. Ausgebeutet, gleich einem Stück Holz, einer Puppe. Das kleine verkrüppelte Wesen streckte einen Finger zu dem bettelnden Mädchen hin, und das nahm ihn und streichelte ihn geschäftsmäßig. Dieses Stückchen Finger ist der letzte Faden. Wenn er reißt, wird der Himmel dunkel vor Blut und Dreck, und ich seh Allah oder Jahweh wie er nach einem Fetzen bedrucktem Papier schaut, weil er sich den Hintern abputzen will. Und der Himmel ist das Arschloch Gottes, ungeputzt.


Die beiden Schmiede vergessen ihre Not im Rhythmus der Schläge.

Jedes Lächeln ist ein Zugeständnis, daß das Herz stärker ist als der Dreck. Wenn du das Lächeln eines Arbeiters entdeckst, ich meine das wirkliche Lächeln, das vom Herzen kommt, so wiegt es mehr als alle Almosen, die du feigerweise gibst.

Ich habe mir angewöhnt, in mein Waschbecken zu pinkeln. Eine Erinnerung: Wie Maria K. ziemlich ungeniert in französische Waschbecken pinkelte, nachts, wenn sie nicht über die Gänge wollte. Sie stand, zum Becken halb abgewandt, hob ein Bein abgespreizt an und den Po übers Becken. So pinkelte sie fröhlich, ein bißchen wie männliche Hunde. Ich hab das nie gekonnt in ihrem Beisein.

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Erwachen

Erwachen

Vor längerer Zeit war ich in einem Altenpflegeheim tätig. Als die Bewohner zu Mittag aßen, wurde ich auf eine alte Frau aus Sizilien hingewiesen, die in ihrem Stuhl saß und irgendwie nach links blickte. Ich würde mich um sie kümmern können und setzte mich neben sie.

Das Alter der Frau war nicht zu schätzen, aber sicher betrug es über 90 Jahre. Sie hatte aber sehr kleine und sehr gepflegte Hände. Sie trug eine Magensonde, durch die wurde ihr Nahrung eingespritzt. Wenn sie Italienisch hörte, würde ihr das vielleicht helfen.

Also erzählte ich ihr alles, was mir zu Sizilien einfiel: von meiner Reise mit dem Rad um die Insel herum vor nunmehr vier Jahren, von Agrigent, Catania, dem Regen von Syrakus; dann erwähnte ich Pirandello, Sciascia, den Fürsten Lampedusa; ich sang ihr einen Titel von Lucio Dalla vor (Vita), die italienische Nationalhymne und den Ohrwurm mit dem Refrain Volare, der eigentlich Blu dipinto di blu heißt, in den 1960-er Jahren der Hit und immer noch eine heimliche Nationalhymne.

Keine Reaktion. Ich weiß nicht, was ich noch alles erzählte, mein Italienisch ist immer noch flüssig und dialektfrei – man könnte sagen, wie von einem Florentiner. Doch was wirkte, war wohl der Gesang. Nach 20 Minuten drehte sie sich ganz leicht zu mir her und sah mich an. Eine Art Erwachen vollzog sich. Man sah es in ihren Augen. Sie schaute mich an, bewegte sich unruhig und fing zu stöhnen an, und ich summte dazu, um es zu begleiten. Ich hatte sogar den Eindruck, sie wollte etwas sagen, doch es blieb unhörbar.

Leider wurden wir dann gestört, ich musste weg, verabschiedete mich mit einem Streicheln. Später dachte ich an die berühmte Szene, in der Naomi Feil Kontakt zu einer über 100-Jährigen aufnimmt, zu Gladys Wilson. Auch ihr gelang es, durch ein Lied, das sie mit der Hand klopfend rhythmisch unterstrich, die Frau zu einer Reaktion, zum Erwachen und sogar zum Mitsingen zu motivieren. Das ist sehenswert.


Foto: Der Autor an der Arethusa-Quelle in Siracusa (Syracus), 2014

Da handelt es sich um Menschen, die schon in der letzten Phase der Demenz stecken. Wenn sie keine Anregungen erhalten, ziehen sie sich völlig zurück, geraten am Ende sogar in die Embryo-Haltung und vertrocknen schließlich innerlich. Es ist ein Protest. Sie ziehen sich von der Welt zurück in sich selbst.

Woanders erlebte ich eine über 90-jährige Frau mit Kopftuch, die immer fein lächelte, nicht mehr sprechen konnte und nur mehr ihr Essen hin- und herschob und es über den Tisch verschmierte. Aber auch sie zeigte Reaktionen. Auf meine Nase, die nach einem Fahrradsturz lädiert war, deutete sie mit dem Finger und grinste. Vielleicht hätte man ihr etwas Russisches vorlesen können. Manchmal hielten sie und eine andere Bewohnerin sich an den Händen, und einmal saß ein Pfleger zwischen ihnen und hielt, über Kreuz, die Hand der einen und der anderen.

Diese Frau klopfte manchmal monoton mit ihrem Löffel auf den Tisch. Es war ihr Weg, auf sich aufmerksam zu machen. Die letzte Phase der Demenz (bei Naomi Feil die fünfte). Man meint, diese letzte Phase könne und müsse vermieden werden, indem man viel mit diesen Leuten arbeite. Da ist noch ein wenig Bewusstsein vorhanden, man kann es hervorlocken, und gerade kurz vor Ende des Lebens, wird uns in einem Buch über die Terminale Geistesklarheit von Michael Nahm gesagt, kommt es bisweilen zu einer völligen Aufklarung, die indessen nicht lange dauert.

Die Persönlichkeit ist nur verschüttet und verschleiert, ist nicht völlig verschwunden, und in der anderen Welt erwacht sie nach einer längeren Rekonvaleszenz wieder ganz. Daran glaube ich.

https://www.youtube.com/watch?v=CrZXz10FcVM

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