Morgenlandreise 52

Öfters erkundige ich mich im Schiffahrtsbüro, ob und wann das Schiff nun wirklich nach Bombay fährt. Und treffe auf meinen dort angestellten Freund Ali, schon deshalb, weil er mir gute Ratschläge gibt, was alles ich in diesem Moloch Karatschi auskundschaften kann. Und so traf ich vorgestern auf vier junge Holländer: Evert, Lea, Anna und Dini. Sie reisen im Flugzeug, Ankara, Teheran, Karatschi heißen ihre Stationen. Ihr nächstes Ziel ist Neu-Delhi, der Flug geht in 4 Tagen. Drei Mädchen, ein junger Mann, da sei es zu gewagt, über Land zu reisen. Für morgen haben wir eine gemeinsame Bootsfahrt verabredet. Der Tip kommt von Ali, er hat uns bereits angemeldet.


Gepäckträger vorm Bahnhof in Karatschi

Die Kleider in ihrer Farbenpracht sind ein Fest für die Augen. Die Gepäckträger auf dem Bahnhofsplatz tragen karmesinrote Gewänder und Turbane. Und auf diesem Bahnhofsplatz ereignete sich ein Wunder, ein Geschehnis, das zur Welt der Wunder gehört. Abends, die Holländer wollten noch einen kleinen Spaziergang unternehmen, zog es mich zum Bahnhof (Cantton Station). Auf diesem Platz verweile ich öfters. Es dunkelte, die Träger waren längst weg, der Platz war weit und leer. Es zog mich unwiderstehlich dort hin. Auf dem einsamen fußballfeldgroßen Platz parkte ein Pkw. Eine Tür stand offen und die Beine nach draußen gestreckt saß in ihr ein Mann in weißem Anzug und weißem Turban. Er rief mir etwas zu, und ich ging, wie einer Verabredung folgend auf ihn zu. Er machte eine Geste, mich ins Auto zu setzen, er lud mich zu einem joint ein. Dini und Lea waren mir in einigem Abstand gefolgt. Wir setzten uns zu dritt hinten in den Wagen. Und rauchten in Andacht, vom besten Kraut, es wächst in Peschawar, nahe der afghanischen Grenze. Wenn ich auf einen Fürsten getroffen war, so war dieser Mann hier ein Prinz: Jahwad. Als wir aus seinem Wagen stiegen, stand der Mond leuchtend wie ein Opal senkrecht über uns. Wölkchen, die über den Himmel huschten, gaben ihm eine Einfassung, eine Aureole. Gebannt schaute ich hoch. Ein nie gesehnes Schauspiel bot sich mir. Ich wußte, es sind Wolken, ich wußte, ich stehe auf dem Platz vorm Bahnhof in Karatschi, meine Aufmerksamkeit auf die Dinge meiner Umgebung war um nichts geringer als sonst. Doch dort oben tat sich eine andre, überwirklichere Welt auf. Rösser, Götter, Göttinnen, Männer, Frauen, jeglichen Alters, Kinder, allerlei Gefährte, beladen mit allerlei Geräten, die gesamte Weltgeschichte zog dort oben vorbei. Ich schaute, schaute, schaute.

Als ich mich aufmachte zu meinem Schlafgemach, war ich für wie lange Zeit dort allein?

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