Morgenlandreise 51

Die Geschichte vom Umweg

Eine Frau war auf dem Weg nachhause. Sie ging (oder war es ein Mann?) ihre Strecke wie tausendmal zuvor. Nachsinnend dies und das. Sie schaute nicht viel um sich her, sie kannte ihren Weg im Schlaf. Sie hatte einen Engel in ihrer Begleitung. Im Buch der Vorsehung, es ist geschrieben ohne Buchstaben, es ist geschrieben in Stein, in Holz, in Wasser, in Luft, in diesem Buch stand, die Frau werde sich verlaufen auf ihrem Weg nachhause. Der Engel wußte den Grund. Nämlich, auf dem Weg, den die Frau jahrelang gelaufen war, lauerte eine Schlange darauf, sie zu beißen. Das wäre ihr Tod. Und im Buch der Vorsehung stand nichts von Tod, dort stand, sie werde einen Umweg wählen. Das war die Aufgabe des Engels, sie diesen UMWEG finden zu lassen. Nichts Leichtereres und nichts Schwierigeres. Die Frau verlief sich. So sehr war sie in ihr Sinnen vertieft, daß sie den Weg nicht achtete, sie kam von ihm ab.


Relief auf einer Tür. Solche hölzernen Türen sind wie Wesen, die eine Geschichte erzählen.

Es war einer dieser Augenblicke, die gescheiter sind als wir, wir alle wissen von ihnen, wo der Mensch vollkommen abläßt von allem Kennen, Wissen, Können. Die Frau ging einfach ihren Weg, und es war der richtige.


Eine weitere märchenhaft schöne Tür, mit Eisenblech bemantelt.

Meine Beobachtung war: Meistens wohnten arme Leute dahinter. Einmal, als ich bewundernd vor einer solchen Tür stand, wurde ich auf einen Tee eingeladen.

Ich stand also gedankenverloren vor der Schönheit dieser Tür, da näherte sich ein altes Weiblein, grüßte mich mit gefalteten Händen, stellte mir ein Höckerchen hin und brachte mir im Handumdrehn eine Schale Tee.*

Alles schweigend in einem wundervollen einfachen Zeremoniell. Im Nachhinein war mir wie in einer alttestamentarischen Szene. Stellvertretend für alle Wanderer dieser Welt wurde ich bewillkommnet.


* Tee ist im Orient jederzeit in Bereitschaft, ob im Barbierladen, beim Händler im Basar, in der Herberge, im Bus, allüberall.

 

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