Morgenlandreise 46

Quetta

Es herrscht große Unruhe in Belutschistan. Wilde berittene Krieger mit langen Flinten und Krummsäbeln umkreisen die Stadt, es geht das Gerücht eines Umsturzes. Wir konnten die Reiter vom Zug aus beobachten, wie sie wilde Gebärden und Verwünschungen in unsre Richtung ausstießen. Quetta ist voller Soldaten, sie sollen wohl das Eindringen der Aufständischen in die Stadt verhindern.

Auf dem Bahnsteig, auf der Suche nach einem Hotel, traf ich auf Wolf Seidenberg, der gleichfalls ein Hotel suchte. So suchten wir gemeinsam und fanden ein Doppelzimmer im BISMILLAH. Ein sehr trauriges, heruntergekommenes Haus, das Portal flankiert von zwei Soldaten, auch heruntergekommen, finsteren traurigen Blicks. Sie würden sich wünschen, uns einsperren zu dürfen und uns nur gegen Lösegeld wieder freizulassen. Wir waren es müde, weiter zu suchen und ließen uns auf die Bruchbude ein. Sie hatte so was wie einen Gemeinschaftsraum, worin wir uns erstmal niederließen und die Beine streckten. Tschai wurde uns gebracht. Das ist das Wunder des Orients: du sitzt in einer Räuberhöhle, bestellst dir einen Tee, dein Nachbar, den du erst seit zehn Minuten kennst, dreht dir einen joint, der Tee schmeckt himmlisch, die Glieder und Gedanken entspannen sich. Gut gestimmt, fing Wolf als nächstes an, seine Gitarre gutzustimmen, und stimmte ein allerliebstes Liedchen an aus dem heimatlichen Ruhrpott. Leise und mit Zurückhaltung, unsre Nachbarn spitzten die Ohren und lächelten wohlwollend. Sie haben hier alle Schiß, sie könnten in die Umsturzwirren geraten. Auf welche Seite sollten sie sich schlagen? Einer fragte uns mit Händen und Füßen, woher wir kämen. Wolf hatte ein Stück Kreide dabei, und ohne Umstände zeichnete er eine vereinfachte Weltkarte auf den Boden, auf gestampften Lehmboden. Europa, naher Osten, ferner Osten. Und mitten in Europa liegt Deutschland, und da kommen wir her. Nach dem dritten Zug aus einem guten joint haben diese Leutchen den absoluten Durchblick, nur keine Vorstellung von Entfernungen, und Deutschland war ihnen ziemlich gleichgültig. Mehr interessierte sie Wolfs Gitarre. Sie betasteten sie vorne und hinten und zupften auch mal verstohlen eine Saite. Dann lachten sie verschämt, weil solche Musik und ein solches Instrument ihnen ungewohnt ist.

Silvester. Um Mitternacht saßen Wolf und ich uns in unserm Zimmer jeder auf seinem Bettgestell gegenüber. Kein weiteres Möbel gab es, als diese 2 hölzernen Gestelle. Wir rückten sie von den Wänden ab. Sie waren voller roter Flecken. Hingerotzte, hingespuckte blutrote Flecken, Spuckflecken von Kat-Kauern. Kat, eingerollt in einem Blatt, stecken sich die Männer, meistens ältere Männer, zwischen Unterlippe und Zähne, primen und kauen darauf herum, bis sie die rote Brühe im Mund loswerden wollen und sie gegen die nächstbeste Wand spucken. Wolf sagte: Wenn sie‘s auf den Boden spuckten, müßten sie da durchlatschen.

Wolf wußte noch ein Geheimnis für mich, ein wirkliches Geheimnis. Er sagte: Leg dich an den Sockel einer Pyramide und schau hoch an ihr. Die Fläche wird zum Wegweiser für dein Auge. Der Punkt ihrer Spitze ist der Punkt, wo sich die Unendlichkeit auftut. Die Spitze mündet in einen nadelfeinen Diamanten. Sie ist die Nahtstelle, alles sammelt sich in ihr. Das gesamte All findest du in der Spitze dieses Diamanten. Die Spitze, wohlgemerkt, hat kein Gewicht, keine Ausdehnung. Es ist der Punkt, wo das Nichts beginnt und das Alles endet. Liege so lange am Fuß der Pyramide, dein Ohr und dein Herz angeschmiegt an den glatten Stein, bis du die unendlich feine Bewegung spürst, die die Pyramide atmet.

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