Morgenlandreise 43


Mit ihm hab ich einige Scherze gewechselt, obwohl wir kein Wort voneinander verstanden. Nachfolgende Geschichte, die ich wiedermal im Bett erfunden habe, könnte von ihm sein. Jedenfalls wurde sie von ihm beflügelt.

Eine wahre Geschichte

Vor vielen Jahren regierte in Kerman ein König, der Frieden dem Krieg, der Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit vorzog. Das Volk liebte seinen König. Nicht so seine Nachbarn, der König vom Kaspischen Meer und der afghanische. Der vom Kaspischen Meer, der Hinterhältigste, hielt es eines Tags nicht mehr aus, als in eigner Person dem König von Kerman zu überbringen, wie sehr er ihn hasse. Der König von Kerman wußte wie übelgesonnen ihm der König vom Kaspischen Meer war, gleichwohl gewährt er ihm, vor seinem Thron zu erscheinen.

Der König vom Kaspischen Meer, vor dem Thron und seinem Feind, ohne sich vorher zu verbeugen oder anderswie höflich zu sein, sagte: Wie sehr ich dich hasse, König von Kerman. Der hatte einen Dolmetsch, einen gewitzten und weisen Mann neben sich sitzen. Dieser übersetzte: Ich grüße dich, König von Kerman. Der war froh, das zu hören. Er dachte bei sich: Obwohl das Betragen dieses Königs sehr unköniglich ist, so will doch ich mich vor ihm verbeugen, und er tat’s. Da war nichts zu übersetzen für den Dolmetsch, jedermann konnte es sehen. Der König von Kerman verbeugte sich vor seinem Rivalen. Der war verdutzt und erbost zugleich, und er sagte: Ich hab ein ganzes Heer mitgebracht und vor den Toren stehn. Wenn du mich verspottest, werd ich dich überfallen.

Der Dolmetsch übersetzte: Ich hab ein ganzes Dutzend Kamele beladen mit Geschenken für dich. Verzeih, wenn ich mich nicht verbeugte, mein Herz, dir zu sagen, wie ich dich schätze, ließ mir keine Zeit, höflich zu sein. Der König von Kerman machte eine freundliche Gebärde mit der Hand, beinah so, wie wenn er den andern König hätte umarmen wollen. Der Dolmetsch übersetzte ziemlich genau: Das versteh ich gut, du bist noch hitzigen Gemüts, es schreckt mich nicht.

Das war für den vom Meer zuviel. Er fühlte sich herausgefordert und gefoppt. Er machte einen ungestümen Griff zur Brust, dort hatte er einen Dolch verborgen. Er wollte seinen Gegner damit töten. Der sah in der Bewegung etwas andres. Er sah das gequälte kranke Herz, seinen Panzer, der es umschloß und eine Brust, atemlos und voller Sehnsucht. Er verstand die Bewegung des bösen Königs wie einen hilflosen Schrei. So wollte er nicht nachstehn, und im nu, so schnell, daß niemand der Umstehenden es begriff, umarmte der gute den bösen König, Und dieser Augenblick war dessen Tod. Die machtvolle herzliche Umarmung ließ das Herz des bösen Königs stillstehn.

Er bekam ein ehrenvolles Geleit, bis zu seinen Soldaten, die vor Kerman lagerten, um es zu erobern. Als sie ihren König tot auf einer Bahre liegen sahn, überkam Angst die Krieger, führerlos, kopflos stob das Heer auseinander.

Wie ist das möglich, fragte der König seinen Dolmetsch. Es ist möglich, antwortete der, sie führten nichts Gutes im Schilde, wie ihr Herr. Und er erzählte seinem König die wahre Geschichte. Der zog seinen Dolmetsch am Ohr, mehr liebevoll als streng und sagte: Ganz tief drinnen muß ich es gewußt haben, alles, hätte ich sonst so schnell sein könnnen?

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