Morgenlandreise 29

Höre das Band mit persischer Lyrik, dieses süße träufelnde Gift der Liebe. Kein Wort versteh ich, aber es kann nicht anders sein. Von hier, aus Persien, kam die Verfeinerung unsrer Musik. Nicht nur die Laute hat hier ihre Heimat, ihren Ursprung.


Nomaden im Farsgebirge

Ein Mann geht durch die Straßen, in seinen Händen hält er ein Paar Schuhe. Alte, durchgewetzte Schuhe, nicht einmal gut geputzt sind sie. Er will sie verkaufen. Das schreit er eintönig vor sich hin. Nach Stunden treff ich den Mann wieder, er hat die gleichen Schuhe in den Händen. Bis ers leid wird und sie wegwirft, oder jemanden findet, der sie ihm für ein paar Münzen abkauft, wird er so weiterlaufen. Tagelang? Oder will er sie gar nicht verkaufen, weil mit den Schuhen sein Umherlaufen (sein Leben) einen Sinn bekommt?

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Nachtrag zu meiner Herberge in Khorramshar aus der Nacht der Geißler-Prozession:

Die rhythmischen Wechselgesänge der Geißler dringen ins Zimmer meiner Herberge Karim. Von der Decke hängt eine nackte Glühbirne (wie ichs mag), ich sitze auf einem durchhängenden Bett (wie ichs gar nicht mag). Ein blecherner Klappstuhl, ein paar Nägel in den Wänden, für ein Tischlein ist kein Platz. Kein Fenster, oben, unter der Decke, nichtmal vom Stuhl aus erreichbar, eine kleine Luke, mit blinden Scheiben. In diesem Augenblick wirkt ein solches Zimmer wie eine elende Gefängniszelle. Ich starre die Glühbirne an, mein Herz läuft aus.

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Die Nomaden im Farsgebirge, sie sehen farbig und munter aus, gar nicht arm. Aber auf allen Postkarten, die ich fand, sind sie nur von hinten zu sehn. Wie wenn sie sich abkehrten von der geschäftigen Welt. Zu gern wäre ich ihnen begegnet. Ich ihnen, doch mit mir hätten sie nichts anzufangen gewußt.

Einen blinden Bettler bemerkte ich, der mit seinem Stöckchen das Pflaster abtastete. Sieht er die Dinge durch sein Stöckchen hindurch? Sein Sprechen war ein flüsternder, stotternder Gesang, ohne Grammatik, ohne Syntax. Mir fällt ein, was ich einmal so ungefähr gelesen hab: Öffne dein Herz, du siehst die Fische darin (im stotternden Geflüster) und die Vögel, du hörst die Bäume, die Steine, das Wasser, in der Sprache der Stummen (und Blinden?).

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