Morgenlandreise 28

Schiras

Letzte Nacht, von Abadan nach Schiras fahrend, stoppte der Bus unverhofft. Alle im Bus schreckten auf, es war drei Uhr nachts. Rings um uns Wasser, soweit ich sehen konnte. Zwei Männer stiegen aus, um, dem Bus vorausgehend, mit Stecken Untiefen auszumachen. Sie wateten bis zu den Knien im Wasser. Der Bus kroch im Schrittempo hinterdrein. Als er aufblendete, wurden einpaar umgekippte Autos sichtbar. An dieser Stelle floß das Wasser reißend in eine tiefer gelegene Senke ab. Wir fuhren langsam an den weggerissenen Autos vorbei: ein riesiger Tankwagen, gespenstisch seine Umrisse in der Nacht, ein kleiner Bus und zwei PKWs. Zerbeult auf der Seite liegend oder mit den Rädern in der Luft. Unser Bus schob sich langsam vorbei. Einer der Mitreisenden rief eine Gebetsformel, worauf die andern im Chor einstimmten, laut und flehend. So lange die Gefahr drohte, gleicherweise umzukippen. Das Gebet endete in einem inbrünstigen MO-HAM-MED.

Heute ist Freitag, der Sonntag des Islam. So liege ich auf dem Bett und lausche einem Band mit gesungener persischer Liebeslyrik. Hab mir einen billigen Rekorder gekauft. Von hier, aus Persien kam unsre Musik. Die Laute hat hier ihre Heimat. Die Musik ist der Seele am nächsten von allen Künsten. Die Musik ist die Sprache der Seele. Du brauchst sie in keine Sprache der Welt übersetzen. Was schon angekommen ist, bedarf keiner Übersetzung.


Blick aus meinem Hotelzimmer

Auffällt mir die lässige Gleichgültigkeit der Männer Frauen und Mädchen gegenüber. Nie erlebe ich einen Mann gegenüber Frauen herausfordernd oder ungeziemend, auf der ganzen Reise nicht. Auch nicht schäkernd oder flirtend. Männer, junge Männer bewegen sich, als ob die Frauen gar nicht dawären. Sehr selten sehe ich ein junges Paar eingehakt gehen. Sex, oder allgemeiner ausgedrückt: die Begegnung zwischen Männlichem und Weiblichem findet auf Plakaten (häufig in Frisörläden), in Kinos und auf Buchumschlägen statt. In der Türkei vor Jahren, die sowieso frauenfrei war in meiner Beobachtung, sah ich öfters Soldaten (in Izmir), die zu zweit spazierten, einen Finger verschränkt im Finger des Nachbarn.

Herfahrend gestern, vom Bus aus, sah ich in der Abenddämmerung Menschen in Felsenhöhlen hocken, um ein Feuer herum. Im Farsgebirge, einer starken wilden, fast vegetationslosen Landschaft. Davon weiß mein Reiseführer nichts, derjenige, der den gebastelt hat, war nie hier.

In der Auslage einer Buchhandlung entdeckte ich Andersens Märchensammlung. Außen war das Mädchen mit den Schwefelhölzchen abgebildet, am Vorabend des Heiligen Abends, in Schiras, zwischen dem persischen Golf und der Großen Salzwüste. Auf einem Marktplatz in Abadan wurden Christbäume verkauft, ich glaube, es waren Zedern. In den Läden gibts kitschige Weihnachtskarten wie bei uns.

Ganz in der Nähe meines Hotels (diesmal ein wirkliches hübsches Hotel), verläuft die Ferdausistraße. Hat er in Schiras gelebt? Ferdausi lebte im 10. Jahrhundert, das immerhin steht in meinem Reiseführer. Einige seiner Gedichte sind auf meinem Band.

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