Morgenlandreise 22

Die Nacht war hereingebrochen, ich lief geradenwegs auf den Horizont zu, mich an einem Stern orientierend. Schon lange gab es keine deutlich zu unterscheidenden Merkmale mehr, weder Häuser noch Sträucher, noch Bäume. Vor mir leuchteten einige Lichter auf, sie gaben mir die Richtung vor.

Angelangt an der Grenzstation, muß ich ausgesehen haben wie ein aus Lehm gebackner Außerirdischer. Hunde jaulten in der Finsternis. Niemand wollte etwas von mir, niemand sprach mich an. Jemanden wie mich mußte man erst einmal in Ruhe lassen, sonst hätte man sich ein Problem aufgehalst. Eine solche Schutzhülle umgab mich, alle, die mich sahen, stierten mich stumm und wortlos an. Das genoß ich ungemein. In einem Hof, der an drei Seiten von Gebäuden eingefaßt war, zog ich mich aus. Erst meine Stiefel, dann die Hose, die Socken, alles sehr bedächtig, denn nach jedem Kleidungsstück legte ich eine Verschnaufpause ein.


Diese Zeichnung ist aus späterer Zeit. Wie gesagt, während meines Aufenthats im Irak rührte ich mein Skizzenbuch so wenig an wie meine Kamera. Das einzige was ich bewegte waren mein Hirn und meine Beine.

Es gab einen Steinsockel, auf dem ich meine Kleider ausbreitete. Als ich nurmehr die Unterhose anhatte, ging ich zu einem Wasserhahn inmitten des Hofs, steckte auf ihn einen Schlauch, der in der Nähe lag, und spritzte mich ab wie ein verdrecktes Auto, ging zu meinem Seesack, entnahm ihm gemächlich ein Handtuch, trocknete mich ab. Alles in rituellem Gleichmaß, ich empfand, nie wieder würde ich eine solch köstliche Gelegenheit und Kulisse haben. Meine Zuschauer waren die Sterne und einige Soldaten, die im Hof herumsaßen, rauchten, Tee schlürften, sitzend schliefen. Die spärliche Beleuchtung war das aus wenigen Fenstern und Türen fallende Licht. Zuerst ging ich an die Säuberung meiner Stiefel. Danach wusch ich meine Kleider und hängte sie über eine Schnur, die von einem Fensterkreuz bis zu einem Bäumchen gespannt war.

Alles hier im Hof hatte auf meine Vorstellung gewartet, es war die perfekte Inszenierung. Was mich im Gebäude erwartete, ob mich überhaupt etwas dort erwartete, interessierte mich fürs erste nicht. Ich kam von einem andern Stern und mußte mich wieder einfinden in den Gang des Alltäglichen. Zum Abschluß meiner Verwandlung zog ich mir trockne Klamotten an, suchte mir eine geeignete Stelle auf der steinernen Brüstung, schlüpfte in meinen entmilitarisierten Schlafsack, legte mir mein hübsches samtenes kleines rundes Kopfkissen ins Genick und fiel in den Schlaf der Gerechten.

Als ich wach wurde, zerlegte die Sonne den Horizont in orangene Streifen. Nun war ein andres Stück angesagt, mein Grenzübertritt. Sicherlich hatte es sich herumgesprochen, daß gestern nacht ein Außerirdischer aus dem Nichts aufgetaucht war, wenn kein Außerirdischer, so doch ein Ausländer, ein merkwürdiger Vogel, wie aus dem Schlamm gezogen. Wenn er nicht vom Himmel gefallen war, dann hatte er es geschafft, durch den Shatt al Arab zu waten. Ich gestehe, ich war mir meiner außerordentlichen Rolle bewußt.

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