Morgenlandreise 18

Am frühen Morgen, als ich aus dem Hotel trat, sprang ein jüngerer Mann aus einem nahebei parkenden Mercedes (der gute Stern auf allen Straßen), hastete auf mich zu und sprach mich in astreinem Englisch an. Er sah unausgeschlafen aus und sein korrekter Anzug war zerknittert. Ob ich in dem Hotel wohne, wenn ja, ob er sich bei mir duschen dürfe. Sozusagen als mein Besucher, bis ich das Hotel verlassen müsse. Er sei in kuwaitischen diplomatischen Diensten hier in Basra, hätte die Nacht im Auto verbracht, damit es nicht verschandelt oder gar geklaut würde und warte auf jemanden, der ihn unter die Brause lasse. Ich war einigermaßen verblüfft. Ein Kuwaiti in diplomatischer Mission und muß im Auto übernachten? Ja, sagte er, wir sind nicht befreundet, wir haben hier nicht einmal eine Handelsmission. Den Mann hatte mir Harun geschickt, war ich doch auf dem Sprung zu einer Bank, um Geld zu tauschen. Meine Tage waren so teuer, ich konnte mein Hotel nicht bezahlen, noch hatte ich etwas, um weiterzukommen. Okay, sagte der Diplomat, ich fahr Sie wohin Sie wollen, erst dusche ich schnell.

Die Bediensteten hatten längst Wind gekriegt von unseren Umtrieben. Sie wollten den Kuwaiti nicht hineinlassen. Er habe kein Zimmer gemietet. Laut sagte ich: Er ist mein Gast, immerhin habe ich das Zimmer bis 11 Uhr vormittags, das ist internationale Regel, ich muß zur Bank wie Sie wissen, um Geld zu tauschen. Was bis 11 Uhr in meinem Zimmer geschieht, ist meine Sache. Die Kellner und Zimmermädchen standen nichtstuend und feindselig um uns herum.


Eine Münze wie sie seinerzeit im Irak gebräuchlich war

Wir fuhren durch Basra, eine mitteleuropäische Bank auszumachen. An der Kühlerhaube wehte eine kleine kuwaitische Flagge. Wie wär’s, wenn Sie mich mit nach Kuwait nähmen? fragte ich arglos, von dort aus müßte ich ein Schiff nehmen können nach Indien. Er blies die Backen auf und sagte: Bist du verrückt, ich habe schon allein an der Grenze Schwierigkeiten. Die Kuwaitis sind genau so argwöhnisch wie die Iraker, sie würden uns beide einsperren. Ich sah die irakischste Bank aller irakischen Banken und sagte: Laß mich einen Reisescheck wechseln und fahr mich danach zurück ins Hotel, ich muß bis 11 Uhr die Kurve kriegen. (Ich nehme an, wir haben uns eher geduzt als gesiezt, er war jünger als ich, und reisend, zumal im Orient, in schwierigen Situationen, ist alle gesellschaftliche Distanz absurd.) Er wartete geduldig, mehr als eine halbe Stunde. Die Bankbeamten hatten in einem Raum, in den sie mich baten, auf Tischen riesige Bücher liegen, die sie fortwährend hin- und herschoben. Manchmal schauten sie sich an, dann wieder mich, wie wenn sie sagen wollten: Wie sollen wir das nun machen? Ich setzte wieder die Miene völliger Gleichgültigkeit in mein Gesicht, mit einer Spur Dümmlichkeit. Meinen Paß hatten mehrere von ihnen genauestens angeschaut, was also wollten sie noch mehr.

Im Hotel Ur zahlte ich meine Zeche nebst Bakschisch (sicherlich das Dreifache des normalen Betrags). Gestiefelt und mit übergehängtem Seesack trat ich wieder auf die Straße, der Mercedes war über alle Berge.

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